Lade Inhalte...

Kapitalismus „Das System verträgt viel Elend“

Der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl spricht im Interview über die fortschreitende Konzentration von Kapital, politische Entscheidungen, die das befördern, und die Erosion der Solidarmilieus.

„Fearless Girl“
Klein hat immer weniger Chancen gegen Groß: In New York fordert ein symbolisches „Fearless Girl“ den Börsenbullen heraus. Foto: afp

Herr Vogl, die Debatte über Ungleichheit wird immer heftiger. Ist die Ungleichheit für die gegenwärtigen Krisensymptome auf der Welt verantwortlich?
Wenn man sich auf Ökonomen wie Thomas Piketty bezieht, der ja diesen Spread von Einkommen und Vermögen untersucht hat, lässt sich das durchaus sagen. Folgt man ihm, dann sind enorme Einkommens- und Vermögensungleichheiten auch Symptome für Vorkriegszeiten. Die großen Kriege des 20. Jahrhunderts hatten gewissermaßen Einkommensdivergenzen wieder korrigiert. Zugleich sind solche Ungleichheiten in der Verteilung von Einkommen und Vermögen unmittelbar spürbar, sie schlagen sich in Alltagserfahrung nieder: Die niedrigen Einkommen stagnieren oder sinken, prekäre Beschäftigung weitet sich aus, die Infrastrukturen in den Kommunen sind lädiert – und die Wirtschaft wächst. Da ist der Eindruck nur realistisch, dass die politische Teilhabe heute weniger über Stimmzettel als über Kurszettel funktioniert und die damit verbundene Ungerechtigkeit zur „marktkonformen Demokratie“ gehört. Das alles ist mit einer Erosion von Solidarmilieus verbunden und vielleicht ein Motiv für das Entstehen ressentimentgeladener politischer Bewegungen.

Vorkriegsstadien – das klingt sehr dramatisch.
Es ist schon etwas beunruhigend, wenn man sieht, dass nicht nur in der Türkei, in Russland oder in europäischen Rechtsregierungen, sondern auch in den USA das Prinzip der Politik in der Vervielfältigung von Feindschaftserklärungen besteht. An Donald Trump lässt sich das sehr gut feststellen. Jedes Dekret, das er erlässt, liefert eine Feindschaftsdeklaration mit. Das ist offenbar die Logik dahinter. Es gibt bereits angekündigte Kriege, nämlich Handelskriege. Das sind Schwellen, an denen Konflikteskalationen nicht völlig unwahrscheinlich sind. 

Wie konnte es passieren, dass sich die Ungleichheit so herausgebildet hat? Es gab goldene dreißig Jahre, in denen die Ungleichheit abnahm. Aber was ist dann passiert?
Es sind verschiedene Dinge passiert. Es wirkten kontingente Umstände und konsequente politische Aktionen zusammen. Anfang der 70er Jahre wird das Abkommen von Bretton Woods, das die internationale Wirtschaftsordnung nach dem Zweiten Weltkrieg garantierte, von den Amerikanern gekündigt. Flottierende internationale Währungskurse waren die Folge, und damit auch neue Märkte, unter anderem für Währungsmarktderivate. Das ist ein wichtiger Einschnitt, eine Voraussetzung für das, was man später „Finanzialisierung“ genannt hat. Die rabiaten Reformen von Thatcher und Reagan kamen hinzu. Diese Maßnahmen hatten ja nicht nur ein sozialpolitisches Ziel: Zerstörung der Gewerkschaften und Liberalisierung von Arbeitsmärkten. Es ging auch um neue ökonomische Prioritäten, um die Stärkung der Finanzindustrie. Das war verbunden mit dem, was ein Berater von Thatcher als „managed decline“ bezeichnete. Ganze Gebiete, Städte und Industrieregionen wie Liverpool, Manchester, Leeds hat man zugrunde gehen lassen, ohne die Wirtschaftsleistung insgesamt zu gefährden, da es ja nun eine florierende Finanzindustrie gab. Diese Konstellation war gewollt. Dabei wurde etwas aufgekündigt, was man Wohlfahrtsstaat-Kompromiss nennen könnte. Die Vereinbarungen der Nachkriegszeit, die in allen westlichen Industriegesellschaften für entsprechende Standards gesorgt haben, galten nicht mehr. Bis dahin glaubte man, dass man das Überleben des Kapitalismus durch einen starken Sozialstaat sichern müsste. In den 80er Jahren aber hat man festgestellt, dass dieses System wesentlich mehr Elend verträgt, als bisher geglaubt. Das Entstehen einer internationalen Finanzindustrie, Austeritätspolitik, Privatisierungen, Abbau von Sozialstandards haben die neue Bereicherungspolitik ermöglicht. Und das geht so weiter: Nach der Finanzkrise von 2008 ist das Volumen und die Konzentration von Kapital in den Händen weniger nur noch größer geworden.

Wenn man bei dem Marktfundamentalismus bleibt, muss man feststellen, dass die Aufkündigung des Sozialstaatsmodells schon vor dem Ende des Kalten Krieges eingesetzt hat. Die These war doch eher, dass durch das Ende des Kommunismus auch das alte sozialstaatliche Modell zusammenbrach, was aber dann ja nicht stimmt.
Noch einmal: Schon in den 80er Jahren, also noch im Kalten Krieg, hat man mit dem Umbau von Wirtschafts- und Sozialsystemen begonnen. Nach dem Fall der Mauer haben sich die Dinge allerdings dramatisiert – nicht zuletzt mit dem Entstehen eines autoritären Kapitalismus im Osten samt seiner oligarchischen Strukturen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen