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Kaiser Augustus Der Eroberer Roms

Vor 2000 Jahren starb Augustus, Roms erster Kaiser. Er war nicht der letzte Tyrann, aber nach Jahren der Diktatur der erste Friedensfürst.

Kaiser Augustus
Eine Augustus-Büste im Römermuseum Haltern am See. Foto: dpa

Er war ein Kind des Chaos und stieg auf zum Übervater römischer Kaiserherrlichkeit. Als Nobody sah er der Prachtentfaltung Roms zu und steigerte selbst diese in den Prunk. Rom, der Mittelpunkt eines Imperiums, wurde eine Stadt aus Marmor. Im Bürgerkrieg ein Emporkömmling aus dem Nichts, machte er Karriere und exekutierte seinen Lebensplan (wie auch andere Leben) dermaßen brutal, dass es selbst diejenigen schauderte, denen die blutige Eskalation Kalkül war.

Seinen Namen, anfangs nicht recht fassbar, wechselte er nicht nur einmal. Zur Krönung seiner Karriere ließ er sich den Titel Augustus verleihen, was mit „der Erhabene“ ganz richtig übersetzt ist. Dieser Einzigartige umgab seine kaiserliche Autorität mit der Aura des Göttlichen, damit waren Herrschaft und Heilserwartung geworden bereits ein Vierteljahrhundert vor Christi Geburt.

Charakterdarsteller auf dem Sterbebett

Augustus starb mit 71 Jahren im Jahr 14 n. Chr. im kampanischen Nola, heute vor 2000 Jahren; der Monat heißt seitdem August. Umbenennungen waren Ehrenbezeugungen. Er selbst legte sich den Namen Caesar zu, womit er seinen Status als Adoptivsohn des ermordeten Diktators geltend machte. Auf dem Sterbebett soll er noch die Kraft gehabt haben, um sich als Schauspieler zu charakterisieren. Als Charakterdarsteller? Zweifellos nach den Regeln des Theatralischen hat er öffentlich gehandelt. Kurzsichtig das Kommentarwesen, das glaubt, Symbolpolitik sei eine Erfindung jüngeren Datums.

Mit seinem Eintritt in die Politik, der ein Auftritt aus dem Nichts war, debütierte er in einem Kampf auf Leben und Tod. Drei Diktatoren hatten sich nach der Ermordung Caesars im März 44 v. Chr. zum Dreimännerbündnis verschworen. „Zehn Jahre“, schreibt Werner Dahlheim in seiner grandiosen Biografie, „dauerte das Triumvirat. Seine erste Tat war der durch Gesetz legalisierte Massenmord.“ Namenslisten wurden aufgestellt, um die Verzeichnisse gab es ein schauderhaftes „Gefeilsche“, die Denunziation wurde öffentlich angeordnet, unter den aufgespießten Köpfen, öffentlich zur Schau gestellt, war auch der des „Allroundgenies“ Cicero, Roms größter intellektuellen Großmacht.

„Allroundgenie“ ist eine Formulierung des Autorendreiergespanns Ralf von den Hoff, Wilfried Stroh und Martin Zimmermann. Sie sollen hier, weil ihr Buch lebhaft zu lesen ist, häufiger zitiert werden, der Umstände halber unter dem Kürzel HSZ. Wenig, schreibt das Trio, „ist so empörend an der Literatur der ganzen folgenden Zeit, als dass kein einziger Schriftsteller es wagt, diese Schandtat des späteren Augustus zu erwähnen“.

Das Triumvirat verbreitete Terror. Kaum eine angesehene Familie konnte in diesen Jahren ihres Lebens sicher sein, zumal es dem Triumvirat um der Raub größer Vermögen ging. Der Tyrannei war umso unberechenbarer, weil die Konkurrenz des Trios untereinander zur völligen Enthemmung aufstachelte. Rom war ein Resonanzboden der Gewalt, auf seinen Straßen erlebte es nicht nur hinterhältige Attacken sondern rundheraus Schlachten. Der Bürgerkriegsmechanismus verhängte auch über die Gestalter des Terrors das Entweder-Oder: Leben oder Tod.

Der Umbau Roms

Gnadenlos die Erfolgsgeschichte des Octavian/Caesar/Augustus. Der Tyrann war 32, als er seinen letzten Konkurrenten beseitigt hatte, Antonius, der ihm im Kampf um Ägypten zugesetzt hatte an der Seite Kleopatras. Octavian hatte seine Macht auf das Schwert gegründet – und das ist nicht etwa eine banale Metapher. Vielmehr hatte er dem Senat, als dieser ihm im Sommer 43 v. Chr. nicht willfährig war, den Befehlshaber seiner Soldateska den blanken Stahl unter dem zurückgeworfenen Kriegsmantel zeigen lassen. Nicht nur einmal galt: „Seine Macht war schrankenlos, aber ohne rechtliche Legitimation.“ (Werner Dahlheim)

Was der Sieger über Antonius (und Kleopatra), der Triumphator in der Seeschlacht von Aktium seit August 29 v. Chr. einzufädeln vorhatte, war der Umbau Roms, nicht nur der architektonische, sondern der politische und verfassungsmäßige. Er domestizierte den Senat, als mittlerweile reichster Mann Roms, wozu ihn der Seesieg von Aktium gemacht hatte, verteilte er Geschenke und korrumpierte. Er dosierte. Das betraf Gunst, Demütigung, strafende Abrechnung. Auf der anderen Seite mit Geld bewirkte er das Wohlwollen der Bevölkerung, indem er in öffentliche Bauwerke investierte, angefangen von der Sanierung maroder Tempel. Dass er Rom, die „Stadt aus Ziegeln“, in eine aus Marmor verwandelte, ist ein Satz aus der Augustusvita seines Biographen Sueton, die Jahrzehnte nach dem Tod des Imperators verfasst wurde.

An dem Tag, an dem er sich Augustus nannte, gingen die Eliten, die ihm zu diesem letzten Schritt verholfen hatten, auf die Knie. Mit dem Namen, den er sich fortan gab und den jedermann mit „heilig“ ganz richtig verstand, stellte er sich auf die Stufe und an die Seite der Götter. Ein Clou, so HSZ – und ein Coup. Die Ehrung durch die Namensgebung, die Eichenkrone auf seinem Haupt und die Lorbeerranken an den Pfosten seiner Haustür: Die dreifache Ehrung, die ihm der Senat einräumte, entrückte ihn gleichzeitig. Mit dieser Inthronisation ins Überirdische ging einher, dass Kritik an ihm, dem „Augustus“, fortan Gotteslästerung war.

Mit dem Auftritt des Augustus erfüllte sich die Bestimmung Roms. Werner Dahlheim ebenso wie das Trio HSZ lassen keinen Zweifel daran, dass der „Glaube an den Erlöser von allen Übeln“ so groß war wie der „Gefühlssturm“. Viel hatte mit perfekter Regie zu tun, und die Aufrichtung des Augustus beschränkte sich nicht auf die Straßen und Foren Roms; die Inszenierung griff aus, die „Anbetung der Macht des Einen“ (Dahlheim) verband Britannien mit Syrien.

Zwischen Götterwelt und Menschenwelt

Schließlich die Huldigung, „Vater der Vaterlands“ zu sein, rief ihm die Nachwelt nach. Auch deswegen, weil er Rom die Herrschaft von der Westküste Spaniens bis zum Euphrat für vier Jahrhunderte sicherte. Der Urvater des unermesslichen Imperiums blieb, so muss man es verstehen, stets sein Übervater.

Nachdrücklich hat der verstorbene Jochen Bleicken in seiner monumentalen Biografie darauf hingewiesen, dass man die Sakralisierung des Augustus nicht an den Glaubensvorstellungen des Monotheismus messen kann, dass sie vielmehr „griechischen Gedankengängen“ folgte, bei denen die Sphären zwischen Götterwelt und Menschenwelt ja durchaus fließend waren. Der Augustuskult, der dem folgte, erreichte die Grenzen eines Weltreichs, auch Palästina – wo ein konkurrierender Heiland aufstieg.

Keine Frage, der Loyalität, wenn sie dem Übermächtigen nicht aus freien Stücken galt, half ein ungeheures Heer nach. Das stehende Heer war stationiert bis in die letzte Provinz, und es war, wo immer es gebraucht wurde, für Widersacher oder Feinde eine äußerst bewegliche Drohkulisse, zwischen Atlantik und Euphrat, über die Alpen hinaus bis zur Sahara. Die Unberechenbarkeit der Streitkräfte, die nie zufrieden waren mit ihrem Sold und mit ihrem Dienst, die immer wieder aufbegehrten, hielt er in Bewegung mit Kriegszügen. Die bösen Launen der Legionen hegte er ein durch Aussicht auf Beute. Eines der großen Probleme, die Ansprüche der Veteranen, die zu Tausenden auf das ihnen zugesagte Stück Land als Sicherung ihres Lebensabends pochten, spitzte sich zu einer enormen Krise für das Imperium zu. Der Stratege Octavian, da der „heikle Punkt nicht die Finanzierung, sondern die Knappheit an verfügbarem Land in Italien“ war, so die Historikerin Angela Papst, verteilte die Aufbegehrenden und Unzufriedenen auf die Provinzen.

Mars, der Kriegsgott, wurde also befriedigt, und zwar schamlos, vor allem in der Rache für die Schmach, die die Parther Rom bereitet hatten. Die todbringende Energie der Soldaten, dieser „selbstbewussten Raubtiere“ (Dahlheim), vermochte er zu domestizieren. Bereits der Bürgerkriegsbefehlshaber lenkte den Blick der Streitkräfte mal gegen Rom, mal ab von Rom, indem er die Begehrlichkeiten auf die Weltenden richtete. So sehr allerdings das augusteische Zeitalter auf obszöne Weise der Eroberung huldigte – es stand, nicht zu vergessen, im Zeichen energischer Friedensanstrengungen. Pax, die Göttin des Friedens, konkurrierte mit dem Kriegsgott Mars.

Konkurrenz einmal mehr, wie am Anfang seiner Karriere. Denn neben dem stehenden Heer, das er einführte, änderte er das Rechtswesen und die Verwaltung. Er ließ unzählige Köpfe rollen, um seine Gefolgsleute in leitende Funktionen zu hieven. Er investierte nicht nur, indem er korrumpierte, sondern neue Strukturen schuf, angefangen mit einer Steuerreform. Die kaiserliche Bürokratie war durchaus dafür da, Klagen über Bereicherung und Ausbeutung ernst zu nehmen – vor allem aber: Die Augustusverehrung gründete in Furcht.

Gigant der Nervenstärke

Der augusteische Staat „griff doktrinär in das Privatleben der Bürger ein“, betont der Historiker Marcus Junkelmann. Eine Geheimpolizei verbreitete Schrecken, dennoch war es Usus in Rom, dass die „bevormundende Gesetzgebung offen kritisiert werden durfte“ (Junkelmann). Vollkommen enthemmt war die Brutalität während der Bürgerkriege gewesen, auch Octavian hatte mehr noch als eine Politik der Hinrichtung eine der Beseitigung und Ausrottung, wie Jochen Bleicken es genannt hat.

Nach dem Ende des Bürgerkriegs allerdings, so Bleicken weiter, „mauserte er sich zum milden Herrscher“. Im Zuge der durchgesetzten Alleinherrschaft, so betont Marcus Junkelmann, fand eine systematische Verfolgung Andersdenkender, rassischer oder religiöser Minderheiten nicht statt.
Die Doppelexistenz Octavian/Augustus hat Forscher fasziniert als Januskopf. In Bann gezogen hat sie wegen ihrer römischen Ratio. Die Geschichte hat in dem Herrscher einen Giganten der Nervenstärke gesehen, der sich jedoch, wenn ein Gottesgericht wie ein Gewitter aufzog, unter ein Seehundfell verkroch. Die Konzentration auf das Wesentliche ließ ihn wohl kaum abirren, und sie war so ausgeprägt wie seine unvermittelte, Freund und Feind überrumpelnde Flexibilität.

Kaum jemand an seiner Seite, der, so Papst, „realisiert“ hätte, mit wem man es da zu tun bekam. Ja, „mit welch rasanter Geschwindigkeit“ und „auch unvorhersehbarer Geschwindigkeit“ sich seine Karriere „binnen Monaten“ aus dem Nichts entwickelte. Was er schließlich hinterließ, lässt die Historikerin von einem „Leistungskatalog“ sprechen.

Für die Habenseite investierte er exorbitant, etwa in Bauwerke, für deren Grundlagen der einzigartige Vitruv seine maßstabgebende Architekturgeschichte verfasste. Rom, Resonanzboden der kulturellen Konkurrenz, war eine gewaltige Baustelle, eine monumentale Schaustelle der Allgewalt einer Lichtgestalt. Der Anspruch der Stadt auf Weltgeltung zeigte sich nicht nur architektonisch (in einzelnen Bauwerken), sondern als urbanistischer Umbau. Rom nahm sich fremde Herrlichkeit zum Vorbild, Rom machte Anleihen bei den „königlichen Residenzen im Osten“ (HSZ).
Rom war ein Resonanzboden aus Neuerungssucht und Nervosität, Lebhaftigkeit und Ungeduld, Elan und Unbeherrschtheit – mit all dem ging Rom luxuriös um. Ob man es nun augusteische Literaturpolitik nennt: Auf jeden Fall erlebte die römische Poesie ihre Blütezeit. Vergil stellte die römische Geschichte in eine heroische Tradition, in dem er mit seinem Heldenepos „Aeneas“ das Schicksal Trojas zu den Uranfängen Roms erklärte.

Rom, ewige Stadt. Das Wort soll erstmals aufgekommen sein in den Elegien des Tibull. Im Raum, den der Kaiser mächtig ausdehnte (und überdehnte), stand stets die denkbar knappste Ressource: die Zeit. Leitmotivisch die Klage Tibulls, „immer auf langen Reisen sein“ zu müssen.
Mit seiner Literaturpolitik, die nicht zuließ, dass sein Name bei „öffentlichen Darbietungen trivialisiert werde“ (HSZ), ließ er sich feiern. Und schickte den frechen und frivolen Ovid ins Exil. Vieles ließe sich aufzählen. Lesungen von Dichterfürsten rührten ihn zu Tränen, bezaubert lauschte er Vergils „Preislied auf Italien“ als dem „Land der Milde und des Maßes“ (Dahlheim). Milde? Maß? Darüber wurde vergessen, dass er, der Imperator, den Mord an Cicero, dem Heros der römischen Geisteswelt, gebilligt hatte.

Seine Bilanz bleibt widersprüchlich. Die Geschichtsschreibung seiner Zeit musste sich, so das Trio HSZ, an den „Princeps, der die Macht des Senats so eingeschränkt hatte“ erst gewöhnen. Das Erbe des Allgewaltigen besteht allerdings auch darin, dass er „mit den vorgeführten Formen der Selbstdarstellung“, bei denen er „gewissenhaft darauf achtete, dass eine Erniedrigung oder Degradierung anderer vermieden wurde, seinen Nachfolgern eine Blaupause erfolgreicher Kommunikation an die Hand gegeben“ hat, betont das Autorentrio HSZ.

Weltbeglückungsvision und Jenseitsversprechen

Die Kommunikationsfähigkeit des Augustus, die zu Kaisers Zeiten auf Kooperation gründete, nicht allein auf einem brutalen Durchsetzungswillen, muss etwas Gewinnendes gehabt haben. Mit seinem schließlich kommunikativen Eroberungswillen erzielte der Alleinherrscher eine beträchtliche Gewinnspanne, nichts weniger als eine lange Friedensperiode in einem Weltreich.

Für Jochen Bleicken ist er der Retter schlechthin. Die Gesellschaft in Auflösung, der Staat am Abgrund –- gut, dass er kam. Wie labil das Gleichgewicht gleichwohl war, belegte die Hiobsbotschaft vom Untergang der römischen Legionen in den Wäldern Germaniens. Der Triumph des Cheruskers Arminius über die Streitmacht des Varus im Jahr 9 n. Chr., die Niederlage an der äußersten Peripherie, brachte den Mittelpunkt der Erde an den Rand einer Panik. War das der ironische Sinn der Sentenz, das alle Wege nach Rom führten. Die Gerüchte ebenso wie die Barbaren selbst, von wo auch immer?

Wie auch immer: Generationen schlossen sich dem Augustuslob an, viel hat das auch mit einer erfolgreichen Politik des „organisierten Vergessens“ (HSZ) zu tun. Umso unbekümmerter konnte er gefeiert werden als ein „Gründer des ewigen Friedens“, und die Christen, so setzt Werner Dahlheim vielsagend-lakonisch hinzu, „gesellten sich zu ihnen.“

Das ist nicht bloß hochinteressant, das war weltbewegend, wo doch Christentum und die „Augustustheologie“ so intelligent oder geschickt waren, dass dem Herrlichsten auf dem Erdkreis die Gnade widerfahren sei, „Zeitgenosse Jesu gewesen zu sein“ (Dahlheim).

Profan gesehen, fanden in der Augustustheologie zwei perfekte PR-Strategien zusammen. Erhabener betrachtet: welch eine Koinzidenz von Weltbeglückungsvision und Jenseitsversprechen. Heikel zugespitzt: Welch eine Gleichzeitigkeit zweier so ungleicher Zeitvorstellungen. Ist das nicht aber der Anfang aller Augustusgeschichtsschreibung?

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