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Jutta Stössinger Königin des Wortes

Jutta Stössinger hat sich über viele Jahre nicht nur um die „Modernen Zeiten“ in der FR gekümmert. Jetzt ist sie mit 73 Jahren in Frankfurt gestorben.

18.05.2017 12:54
Herbert Fritz und Ulla Schickling
Jutta Stössinger
Jutta Stössinger (r.) mit der FR-Reiseredaktion: Ulla Schickling und Herbert Fritz. Foto: Georg Kumpfmüller

In unserem Zimmer im damaligen Rundschauhaus am Eschenheimer Turm stand eine alte grüne Couch. Dort saßen die Kollegen und Autoren oft, plauderten, debattierten, entwickelten Ideen. Vor allem mit Jutta. Denn Jutta hatte ein offenes Ohr, ein noch offeneres Herz, vor allem für Verrücktheiten und Absurditäten. Das war der Stoff für ihre „Modernen Zeiten“, eine Zeitungsseite, die sie entwickelt hatte, eine Spielwiese für Hoffnungsträger der Literatur. Manche waren es tatsächlich. Wenn es uns, den Reiseredakteuren, zu bunt wurde, vertrieben wir die Bagage ins Kaffeehaus – ganz in literarischer Tradition.

Wir hatten eine schöne Zeit damals in der Frankfurter Rundschau. Die Finanzen stimmten, die Leser waren treu, und wir in unserem oft beneideten „Dreibettzimmer“ werkelten frohgemut. „Ich freue mich richtig“, sagte Jutta manchmal, „wenn ich nach dem Urlaub wieder in die FR gehen kann.“ Wie für viele Kollegen war die linksliberale Zeitung für Jutta ein Stück Heimat.

Jutta Stössinger hat sich Frankfurt bewusst ausgesucht. 1976, nach einem Volontariat in Bielefeld, kam sie, 33-jährig, durch die Satirezeitschrift „Pardon“ in die Stadt, wo sie schon kurz darauf zur Rundschau wechselte. Das war für die politisch wache Germanistin der richtige Platz.

Anfänglich in der Lokalredaktion, machte sie sich mit sozial engagierten Reportagen schnell einen Namen. Für die Geschichte über eine Apfelweinwirtschaft im Frankfurter Stadtteil Seckbach wurde sie bereits Anfang der 80er Jahre mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.
Es tat sich was in „unserm goldisch Frankfort“. Und in der Republik. Immer wieder kommentierten die Rundschau-Redakteure aus den offenen Fenstern den Protest der Straße, der nicht selten als Go-in durch die FR-Flure schwappte.

Preise über Preise für ihre Schützlinge

Auch für Jutta war das Private politisch. Als berufstätige Mutter einer kleinen Tochter fand sie sich schnell in der Kita-Bewegung wieder. Und im Hause Rundschau im einzigen Raum mit Klimaanlage, der zuvor für die sensiblen Fernschreiber reserviert gewesen war. Sowie für die klimasensiblen Reiseredakteure.

Das „Dreibettzimmer“ wurde zur Talentschmiede für das Experiment „Moderne Zeiten“ und das FR-Traditionsflaggschiff, die große Reportage in „Zeit und Bild“. In Juttas literarischem Salon versammelten sich verrückte Hühner wie etablierte Literaten, arme Poeten wie verirrte Narzissten. Mit traumwandlerischer Sicherheit trennte Jutta die Spreu vom Weizen. Und die Saat ging auf: Preise über Preise für ihre Schützlinge. Und für die Rundschau selbst.

Doch Not und Ehrgeiz machen vor der Genialität nicht halt. Als Anfang der 2000er das Rundschau-Schiff in schwere See geriet und das Konzept der Wochenendprodukte umgekrempelt wurde, kam Juttas Salon unter die Räder. In Frankfurt. Doch nicht in der Toskana, an ihrem Sehnsuchtsort, einem Bauernhaus nahe Volterra. Bei Exkursionen mit ihrem Mann Heiner führte die Frankfurterin mit Berliner Schnauze jahrelang Schöngeister zu den Schauplätzen der Weltliteratur.

Einmal im Jahr lebte der Salon wieder auf. Zuletzt in diesem Januar. Da waren sie wieder, die verrückten Hühner und gesetzteren Kollegen, plauderten, debattierten, entwickelten Ideen. Jutta mittendrin, die Königin des Wortes.

Jutta Stössinger ist am 14. Mai im Alter von 73 Jahren gestorben. Was passiert jetzt? Und im nächsten Januar? Jutta, wir vermissen dich.

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