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Jüdisches Museum Dokumente von Anne Frank kommen nach Frankfurt

In Frankfurt ist sie geboren - nun kommt das Erbe von Nazi-Opfer Anne Frank in ihre Geburtsstadt. Es erhält einen Platz im Jüdischen Museum im Rothschildpalais, das dafür ausgebaut wird.

Anne Frank (undatiertes Foto). Foto: dapd

Wenn der kleine Mann das Bild den Fotografen entgegenstreckt, das er heute aus Basel mitgebracht hat, um uns eine Ahnung von dem zu geben, was das Frankfurter Jüdische Museum als Dauerleihgabe von ihm und der Familie erhalten wird, dann verschwindet er fast hinter ihm. Als er das bemerkt, spielt er damit. Er versteckt sich hinter dem Bild und dann guckt er dahinter hervor. Buddy Elias wurde 1925 in Frankfurt am Main geboren. Vier Jahre vor seiner Cousine Anne Frank.

Er ist der Präsident des Anne Frank Fonds und darum sitzt er jetzt hier in dem kleinen Vorraum des Jüdischen Museums in Frankfurt. Der 1963 von Anne Franks Vater Otto gegründete Fonds ist der Erbe Anne und Otto Franks. Er kümmert sich also auch um das Tagebuch von Anne Frank. Die Einkünfte daraus fließen in den Fonds. Die Manuskripte vermachte Otto Frank dem niederländischen Staat. Sie werden seit 2010 im Amsterdamer Anne Frank Haus aufbewahrt. Da sollen sie auch bleiben.

Aber alles, was der Fonds nur als Leihgabe nach Amsterdam gegeben hat, soll nach Frankfurt am Main. Die Familie, so erklärt Buddy Elias, habe lange überlegt, wohin ihre Sammlungen sollen und die des Fonds. Jetzt steht der Entschluss fest. Die mehrere hundert Objekte umfassende Sammlung der miteinander verwandten Familien Stern, Elias, Frank soll zusammen mit dem, was der Anne Frank Fonds hat, ins Jüdische Museum am Main, ins alte Rothschildpalais. Das wird ausgebaut werden.

Kulturdezernent Felix Semmelroth erklärte 2015 für einen realistischen Termin für die Eröffnung des Erweiterungsbaues. Ein Schwerpunkt der neuen Dauerausstellung werde, so erläuterte der Chef des Jüdischen Museums, Raphael Gross, die vom Anne Frank Fonds und den Familien jetzt eingebrachten Sammlungen sein. Das sind nicht etwa nur die Möbel, das Tafelsilber, das die Familie bei ihrem Umzug 1929 in die Schweiz brachte. Es ist eine Fülle von Dokumenten aus mehr als zwei Jahrhunderten jüdischen Lebens in Frankfurt. Geschäfts- und Privatbriefe. Eine Fülle von Dokumenten, die es so bisher in keiner Sammlung gibt.

Heraus aus den engen Gassen des Ghettos

Ein guter Beleg dafür ist das Bild, das Buddy Elias uns entgegenstreckt. Es ist das Bild seiner Urgroßeltern, die auch die Urgroßeltern von Anne Frank waren. Sie ließen sich abbilden vor einer südländischen Kulisse. Im Sonntagsstaat. Das Bild zeigt, dass sie es weit gebracht haben. Das Bild sagt es auch. Man braucht dazu keine weitere Erläuterung. Denkt man. Und irrt sich damit. Die beiden – Elkan Juda Cahn und seine Frau Betty – wurden noch im Ghetto geboren. Elkan 1796. So weit war der Weg. Das sieht man dem Bild nicht an. Da sieht man nur ein gutbürgerliches Ehepaar wohl aus den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts. Es gibt auch nichts, das den ungeschulten und nicht über eine Lupe verfügenden – was ist auf der Gemme zu sehen? – Blick auf ihr Judentum hinweisen würde. Man muss wohl annehmen, dass für diese beiden ihr Judentum nicht wichtig war. Jedenfalls nichts, was sie auf diesem Bilde hätten herausstellen wollen. Von Elkan Juda Cahn gibt es einen Brief, in dem er beschreibt, wie schön das Hausieren war, weil man so einmal herauskam aus den engen Gassen des Ghettos.

Die Geschichte der Franks

Jetzt erst bekommt man eine Ahnung von dem Weg, der hinter diesem Ehepaar lag. Die künstliche Kulisse diente vielleicht auch dazu, diesen Weg und diese Herkunft zu vergessen. So stolz man ist, ihn gegangen zu sein, so froh ist man auch, dass er hinter einem liegt und wenig nur wünscht man sich sehnlicher, als dass die Kinder es besser haben sollen. Sie hatten es besser. Götz Aly hat mit seinem jüngsten Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass“ wieder viel Gegenwind erfahren. Das Bild des Ehepaares Cahn belegt eindrucksvoll den Aufstieg eines Mannes vom Hausierer zum etablierten bürgerlichen Geschäftsmann. Ein Aufstieg, der den aus den Ghettos befreiten Juden deutlich besser glückte als den aufstrebenden christlichen Handlungsgehilfen. Die Geschichte der Franks, das wird die Ausstellung zeigen, ist auch die Geschichte von Menschen, die ihre Bildungschancen nutzten. Lesen und Schreiben spielten in der Familie eine wichtige Rolle. Es waren Fertigkeiten, die man übte, in denen man sich trainierte. Die ganze Familie schrieb Geschichten und Tagebuch. Die Beobachtungsgabe und die Fähigkeit das auch festzuhalten, was man sieht, kennen wir aus den Tagebüchern von Anne Frank. Sie war aber kein außergewöhnliches Talent, keine große Besonderheit. In dieser Familie schrieben alle und so ermunterten sie einander zu schreiben.

Wenn man sich daran erinnert, wie hoch die Analphabetenrate etwa im katholischen Bayern war, wenn man sich daran erinnert, wie sehr das Lesen und Schreiben in weiten Teilen des unteren deutschen Mittelstands selbst noch nach dem Zweiten Weltkrieg verachtet wurden, den wundert nicht, dass Kulturen, für die Lesen und Schreiben Familiensport, Familienunterhaltung war, schneller nach oben und weiter nach oben kamen als die, für die Lesen und Schreiben nur Tricks von Faulenzern waren, sich vor der richtigen Arbeit zu drücken.

Zur Industrialisierung gehörte die Bürokratisierung. Der Papierkram spielte eine ebenso große Rolle wie der Eisenguss. Schriftkulur war angesagt. Darauf verstanden sich die Sterns, die Elias’, die Franks. Auch darum schafften sie den Aufstieg. Sie schafften ihn freilich auch, weil sie ihr Judentum zurückdrängten. Die Schläfenlocken wurden von Koteletten verdrängt. Wie oft gingen die Franks dieser Generation noch in die Synagoge? Wie entwickelte sich die Beziehung zwischen dem jüdischen Innenleben und dem Leben in der christlichen deutschen Gesellschaft? Wie deutschnational war man? Meldete man sich 1914 freiwillig um das Vaterland zu verteidigen? Hatte man das Eiserne Kreuz? Trug man es? Das alles werden wir bald zu sehen bekommen. Wir werden es mit Händen greifen können.

Er habe Frankfurt, seine Heimatstadt, wieder lieben gelernt

Die Franks werden heimgeholt in die deutsche Geschichte? Buddy Elias ist Schauspieler. Seit 1972 hat er in fast achtzig Film- und Fernsehproduktionen mitgespielt. In Basel spielte er den Diener zweier Herren und den Arturo Ui. Seine Karriere begann er, nachdem er während des Krieges unter anderen bei Ernst Ginsberg in Zürich Schauspiel gelernt hatte, als Star-Komiker von Holiday on Ice. Er tat das von 1947 bis 1961. Ich muss ihn damals gesehen, über ihn gelacht und geweint haben. Das war der Cousin von Anne Frank!

Heute sagt er, er habe Frankfurt, seine Heimatstadt, wieder lieben gelernt. Wer ihm genau zuhört, der hatte, spätestens als Buddy Elias von Otto Frank, dem Vater von Anne Frank, „also mein Onkel und der Bruder meiner Mutter“ spricht, spätestens beim „Onkel“ herausgehört, dass er sein Deutsch in Frankfurt erlernte. Dann sagt er: „Hier sind die Wurzeln der heute verstreuten Familie. Hier werden wir das Erbe zugänglich machen und die Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts mit aufarbeiten“.

Anne Franks Tod ist auch Teil der Frankfurter Geschichte

Die eigentliche Botschaft lautet. Familie. Anne Frank wurde umgebracht. Mit vielen anderen Millionen Juden und Jüdinnen. Das ist auch Teil der Frankfurter Geschichte. Von hier aus wurden sie deportiert in die Vernichtungslager. Und die, denen die Flucht gelungen war, die wurden von den den deutschen Truppen folgenden mit ihnen zusammenarbeitenden Judenjägern gehetzt. Beate Klarsfeld hat die Namen der deutschen Juden, die von Frankreich aus in die Gasöfen transportiert wurden, zusammengetragen. Eine Spielkameradin meiner Frankfurter Mutter gehörte zu ihnen. Die Franks wurden in Amsterdam von den Nazis erwischt. „Der Rest ist bekannt“ erklärt Buddy Elias.

Das stimmt. Jedenfalls ist er bekannter als die meisten anderen Kapitel der Weltgeschichte. Die Entscheidung für Frankfurt und gegen Amsterdam ist eine Entscheidung für die Wurzeln der Familie. Sie ist auch eine Entscheidung dafür, den Holocaust als gescheitert zu betrachten. Er war nicht das Ende. Die jüdische Geschichte in Europa geht weiter. Richard Chaim Schneider sammelte vor ein paar Jahren Erinnerungen zum Thema „Die Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis heute“. Titel: „Wir sind da!“

Das ist die Botschaft dieser Familienzusammenführung. Buddy Elias erklärt: „Wir tragen Verantwortung dafür, dass künftige Generationen, die Jugend von heute, in Freiheit und mit dem Wissen für eine gerechte Gesellschaft und der Kenntnis der Vergangenheit voranschreiten. Nichts Anderes lehrt uns das Tagebuch von Anne Frank und Otto Franks letzter Wille.“

Es geht nicht um eine Holocaustmetaphysik. Es geht nicht darum, von der Einmaligkeit des Holocaust überzeugt zu sein. Es geht um ein Stück Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts. Um Geschichte. Die wiederholt sich bekanntlich nie. Und ist doch eine Aneinanderreihung von Untaten. Von der Geschichte der Familie Frank zu erzählen, heißt nicht den Holocaust verdrängen. Es heißt nur, dass er Teil einer Geschichte ist. Nicht ihr Ziel- oder gar ihr Endpunkt.

Beim berühmten Historikerstreit 1986/87 ging es auch um die Frage der Historisierung des Holocaust. Er dürfe nicht historisiert werden, hieß es damals oft. Er war immer ein Stück Geschichte und die Versuche ihn heraus zu reißen aus ihr und ihn zu etwas Anderem zu machen, waren verständlich, aber auch damals schon naiv. Inzwischen ist er Teil der deutschen, der europäischen, der jüdischen Geschichte. Er ist historisch geworden. Anne Frank ist Mitglied einer Familie, von der die meisten umkamen, aber ihr Vater zum Beispiel hat überlebt.

Ganze Bevölkerungsgruppen bei Seite zu drängen, ja ihre Vernichtung anzustreben, ist kein Unikat. Dergleichen können wir im Augenblick an verschiedenen Ecken der Welt beobachten. Auch in Deutschland gibt es Gruppen, die sich wieder mal eine Bevölkerungsgruppe aussuchen, die „unser Unglück“ sein soll. Von dort bis zum staatlich organisierten Massenmord ist ein weiter Weg. Achten wir darauf, dass wir ihn nicht gehen. Betrachten wir das Bild des Ehepaars Cahn.
So sollen in ein paar Jahren die Hausierer von heute aussehen. Diesen Weg sollen sie und wir mit ihnen gehen. Dann wäre nicht nur die Familie sondern auch Anne Frank im Museum. Zu unserer Freude.

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