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Judentum Geschichte ist Konstruktion

Der Historiker Shlomo Sand provoziert mit Thesen über die Erfindung des jüdischen Volkes. Von Arno Widmann

Jüdische Pioniere in Palästina, 1946. Foto: Getty

Der 1946 in Linz als Kind polnischer Juden geborene Shlomo Sand unterrichtet Geschichte an der Universität von Tel Aviv und an der Ècole des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. Sein neues Buch trägt den Titel "Wann und wie wurde das jüdische Volk erfunden?" Wer wie ich des Hebräischen nicht mächtig ist, kann sich die französische Übersetzung besorgen, die vergangenes Jahr bei Fayard in Paris erschien.

In den letzten Jahrzehnten hat die historische Forschung die im 19. Jahrhundert entstandenen Geschichten der Entstehung der europäischen Nationen heftig demoliert. Keine der großen Erzählungen über die Entstehung des deutschen, des französischen oder des spanischen Volkes hat der historischen Kritik standhalten können. Die Vorstellung einer über Jahrhunderte sich erhaltenden Identität des Volkes hat mit der realen Geschichte Europas nichts zu tun. Sie ist die Konstruktion der Epoche der Nationalstaaten.

Shlomo Sands Buch versucht deutlich zu machen, dass das Judentum da keine Ausnahme ist. Auch seine Nationalgeschichte ist ein Mythos. Die Geschichte, dass die Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch Kaiser Titus im Jahre 70 zu einem Exodus des jüdischen Volkes geführt habe, das sich so über die ganze damalige Welt verbreitete und dann 1947, nach fast 2000 Jahren, aus dem Exil heimkehrte, ist eine Legende.

Der Tempel wurde wirklich zerstört, eine Massenvertreibung von Hunderttausenden von Menschen aber hält Sand schon aus logistischen Gründen für ausgeschlossen. Außerdem, so Sand, gebe es in der ganzen römischen Geschichte kein Beispiel für ein derartiges Verfahren. Die Mehrzahl des jüdischen Volkes wurde nicht ausgerottet oder floh, sondern sie blieb nach der Zerstörung des Tempels in Palästina. Die Verbreitung des Judentums in der Spätantike hat nichts mit der Vertreibung der Juden zu tun, sondern ist das Produkt missionarischen Fleißes und der Attraktivität der jüdischen Religion im römischen Reich.

Die Mehrzahl der Juden waren nicht Kinder einer jüdischen Mutter, Abkömmlinge des jüdischen Volkes, sondern Angehörige der jüdischen Religion. Man darf sich die Ausbreitung der Religion freilich nicht nur als Entscheidung von Einzelnen vorstellen, sondern wird davon ausgehen müssen, dass Herrscher über ein bestimmtes Territorium deren Bewohner unter Druck setzten, den eigenen Glauben abzulegen und den des Herrschers anzunehmen. "Cuius regio eius religio" hieß das Jahrhunderte später im christlich gespaltenen Europa.

Die ost- und mitteleuropäischen Juden, die Träger der zionistischen Revolution des 19. und 20. Jahrhunderts, hatten - so Shlomo Sand - mit den Juden Palästinas nie etwas zu tun. Sie sind nicht etwa deren Nachkommen, sondern zum Großteil die der Bürger eines Staates, der im 7. und 8. Jahrhundert unserer Zeitrechnung im Kaukasus von einem Turkvolk regiert wurde, das geschlossen zum Judentum übergetreten war.

Shlomo Sand ist nicht der erste, der diese These vertritt. Ihr berühmtester Verfechter war Arthur Koestler in "Der dreizehnte Stamm". Sand berichtet in seinem Buch über die Anfeindungen, denen Koestler ausgesetzt war, weil er - einst begeisterter Zionist - mit dieser Erklärung den Anspruch der zionistischen Bewegung auf Erez Israel torpedierte.

Genau darin liegt natürlich auch die Provokation des Buches von Shlomo Sand. Wer mit ihm die Lage im Nahen Osten betrachtet, der kann zu dem Schluss kommen, die Palästinenser seien die zum Islam konvertierten Nachkommen des alten Judentums, während viele Israelis die zum Judentum konvertierten Nachkommen von allen möglichen anderen Völkern sind.

Die eigentliche Provokation für den, der einigermaßen nüchtern auf 2000 Jahre Geschichte blickt, liegt freilich in dem Ansinnen, es habe sich über eine solche Zeitstrecke eine genealogische, also - horribile dictu völkische - Kontinuität halten können. Eine nun wirklich absurde Vorstellung. Literarisch ist sie extrem fruchtbar. Man lese nur Marek Halters Roman "Abraham - Wege der Erinnerung", der die Weltgeschichte von der Zerstörung des Tempels bis zum Zweiten Weltkrieg dank dieser Konstruktion als Familiengeschichte der Halters erzählen kann.

Shlomo Sand hat nichts gegen die Schönheit dieser Fiktion, aber er findet, sie für die Wahrheit zu halten, hat fatale Folgen. Gar ganze Generationen in dem Glauben zu erziehen, sie seien die Nachkommen der einst aus dem Land Israel vertriebenen Juden, ist durch nichts zu rechtfertigende Propaganda. In einem Interview erklärt Shlomo Sand: "Besser als introvertierte Mythen über die Vergangenheit ist ein Mythos für die Zukunft. Der zum Beispiel von einer offenen, fortschrittlichen, nicht nationalistischen, wohlhabenden Gesellschaft. Der Staat Israel, der ja ein Staat aller Israelis ist, sollte auch eine Trauerstunde einführen zum Gedenken an die Vertreibung der Palästinenser."

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