Lade Inhalte...

Jubiläum Ein Luther für alle Fälle

Mit Luther geht irgendwie alles: Erst wird er zum Gründungsvater des Deutschen Reichs stilisiert, später macht die SED aus ihm einen Sozialisten.

02.11.2012 18:35
Dirk Pilz
Jedem seinen Luther. Foto: dapd

Mit Luther geht irgendwie alles: Erst wird er zum Gründungsvater des Deutschen Reichs stilisiert, später macht die SED aus ihm einen Sozialisten.

Die Hälfte ist vorbei. Vor fünf Jahren hat die Evangelische Kirche in Deutschland die Lutherdekade erschaffen, in fünf Jahren wird sie beendet sein. Es gilt dann der 500. Geburtstag jener kecken Tat eines kleinen katholischen Mönches zu feiern, den die Zuständen seiner Kirche derart schimpfen und schäumen ließen, dass er kurzerhand in seinem Wohn-, Bet- und Studienort Wittenberg 95 in Latein verfasste Thesen unter die Öffentlichkeit gelangen ließ, die späterhin als Anfang vom Ende der einen katholischen Kirche galten.

„Aus rechter warer liebe vnd sonderlichem vleis“, so in der damals weit verbreiteten Übersetzung von Justus Jonas, sei mit diesen Thesen „die warheit an tag zu bringen“. Die Wahrheit über Gott und Kirche vor allem.

Martin Luther, die Wahrheit, Gott und Kirche – das ist der Evangelischen Kirche auch deshalb ein eigenes Jubiläumsjahrzehnt mit dem spröden Titel „Luther 2017“ wert, weil selbst zehn Jahre nicht zu lang sind, um die Frage zu beantworten, was Protestantismus heute heißen soll. Was also Auftrag und Aufgabe einer Evangelischen Kirche ist. Was von Luther womöglich zu lernen wäre und das Ziel allen Reformierens sein sollte.

"In der sozialistischen Kultur gut aufgehoben"

Das hat sich jede Generation seit dem Reformationsbeginn gefragt, und jedes Lutherjubiläum hat darauf seine zeittypische Antwort gesucht. Der hundertste Geburtstag des Thesenanschlags, 1617, war eine Feier der konfessionellen Selbstvergewisserung. Weitere hundert Jahre später, 1717, stilisierten die Pietisten ihren Luther zum Vorbildfrommen.

Auf dem Wartburgfest von 1817 wurde wider die Franzosen und für die deutsche Sache gestritten. Und als 1883 der 400. Geburtstag Luthers begangen wurde, stand er gar als Gründungsvater des Deutschen Reiches da. Mit Luther geht irgendwie alles. Selbst die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) wusste Luther zu loben und verfertigte 1983, zum 500. Geburtstag, 15 Luther-Thesen, in denen erstaunlicherweise zu lesen ist, dass „Luthers progressives Erbe in der sozialistischen deutschen Nationalkultur aufgehoben“ sei. Luther, ein Mann von „Charakterstärke und Überzeugungstreue“.

Und heute? Die Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche, die derzeit abgehalten wird und Luthers Erbe gewidmet ist, verströmt zwar rechtschaffene Aufgeregtheit. Der lutherische Freiheitsbegriff sei wichtig, die Ökumene, der Gottesglaube. Aber was heißt das für den Protestantismus? Rückkehr in den katholischen Mutterkirchenschoß oder Schärfung der Unterschiede? Auch nach fünf Jahren Lutherdekade hat das allgemeine Achselzucken nicht abgenommen. Macht nichts. Solch wägendes Wurschteln muss ja nicht falsch sein. Zeittypisch ist es gewiss.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen