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Journalismus Von bösen Medien und braven Bürgern

Für den Journalismus ist das Internet trotz aller negativen Begleiterscheinungen ein Gewinn. Denn das einseitige Sender-Empfänger-Verhältnis löst sich zunehmend auf. Doch die Vorurteile gegenüber den Medien bleiben.

Windschutzscheibe
Hinter der Frontscheibe eines Pkw in Königs-Wusterhausen im Mai 2016. Foto: imago

Wer Kommentare, Leitartikel oder politische Feuilletons schreibt, wird sich über Widerspruch nicht wundern und schon gar nicht beklagen. Dass Gegenargumente die Sinne schärfen können und vor allem den Verstand, wird nur bestreiten, wer in der eigenen Filterblase schwebt und jede abweichende Meinung für einen Übergriff feindlicher Mächte hält. Auch das gibt es nicht selten, aber den Wert der Tatsache, dass das Internet aus der Einbahnstraßenkommunikation klassischer Medien einen potenziellen Raum offener Debatten gemacht hat, mindert es nicht.

Beim Thema Migration ist der Leser besonders misstrauisch

Es gibt zahllose Nutzerinnen und Nutzer klassischer Medien, die diese Öffnung nutzen, um allen möglichen Meldungen und Meinungen ihre eigene Sichtweise gegenüberzustellen. Das ist für Journalisten nicht immer ganz einfach, denn es macht Arbeit, sich damit zu beschäftigen. Aber genau betrachtet, ist es auch für den Journalismus trotz aller negativen Begleiterscheinungen ein Gewinn, wenn das einseitige Sender-Empfänger-Verhältnis sich zunehmend auflöst. Ein „Kapital“, das wir Medienschaffenden im Austausch mit unseren Leserinnen und Lesern sicher noch immer unzureichend nutzen. Nun hat sich aber in diesen Austausch ein Motiv eingeschlichen, das irritiert: Immer häufiger ist zu hören, Journalistinnen und Journalisten, die ihre Meinung sagen oder schreiben, wollten das Publikum belehren oder bevormunden: „Das Denken können Sie ruhig mir überlassen“, fügte erst kürzlich wieder ein Leser an, nachdem er sich zunächst sachlich mit den Inhalten eines Leitartikels auseinandergesetzt hatte.

Besonders häufig finden sich solche Hinweise beim Thema Migration. Seit dem „Herbst des Willkommens“ im Jahr 2015 heißt es immer wieder, „die Medien“ hätten die Entscheidung der Bundeskanzlerin zur Aufnahme von Flüchtlingen als „alternativlos“ dargestellt. Sie hätten sich in kollektivem Gehorsam auf die Seite der Regierung gestellt und kritische Stimmen ausgeblendet.

Vor allem rechte Blogs üben sich gern in der Gegenüberstellung von bösen Medien und braven Bürgern: „Die Bürger sind längst nicht so dumm und orientierungslos, wie dies speziell die Lobby der linksliberalen Schreibtisch- und Mikrofon-Täter offenbar annimmt“, liest man zum Beispiel auf dem Portal „Die Unbestechlichen“, das übrigens in seinem „Leitbild“ schreibt: „Wir sind uns der Bedeutung der Meinungs- und Denkfreiheit bewusst, deshalb sehen wir diese als unseren Auftrag an und versuchen sie nach bestem Wissen und Gewissen zu verfolgen.“ Die Doppeldeutigkeit des Wörtchens „verfolgen“ scheinen die Autoren dabei nicht bemerkt zu haben – man könnte glatt meinen, dass das auf ihre eigentlichen Ziele schließen lässt. Konservative Autoren etablierter Medien greifen die Kritik gerne auf, natürlich nicht ohne sich selbst davon auszunehmen. Von „Willkommens-Rundfunk“ bis „Nanny-Journalismus“ reichten und reichen die Kommentare, und selbst aus der Wissenschaft kommen Stimmen, die sich in diese Richtung interpretieren lassen.

So veröffentlichte die Otto-Brenner-Stiftung im vergangenen Jahr eine Studie renommierter Wissenschaftler, die zwar wesentlich differenzierter argumentierte, aber von manchen zum Material für fundamentales Medienbashing umgedeutet wurde. Die Autorinnen und Autoren hatten die Berichterstattung von Tageszeitungen zur „Willkommenskultur“ ausgewertet und kamen zu folgendem Ergebnis: „In der Tagespresse wurde unseren Befunden zufolge das Narrativ Willkommenskultur als moralisch intonierte Verpflichtungsnorm ,top-down‘ vermittelt. (…) Über Bedenkenträger oder Skeptiker wurde eher selten berichtet.“

Nun liegt in diesem Befund tatsächlich ein Problem, wenn auch ein ganz anderes, als der rechte Opferdiskurs es nahezulegen versucht. Die Diagnose der Studie lässt sich nämlich weit über das Flüchtlingsthema hinaus anwenden. Tut man das, dann kann man durchaus zu Ergebnissen kommen, die dem Vorwurf des „belehrenden“ Journalismus eine gewisse Substanz verleihen: Wenn die Studie in der Berichterstattung eine „ausgeprägte Dominanz der politischen Elite“ feststellt, gilt dieser Befund sicher nicht nur beim Thema Migration.

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