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Joanne K. Rowling Muggels allein auf der Welt

Joanne K. Rowlings neuer, gänzlich un-potterhafter Roman „Ein plötzlicher Todesfall“ ist der erste „Erwachsenenroman“ der Autorin und ist als Befreiungsschlag gedacht.

Sie war so frei, der Fantasy Ade zu sagen. Foto: Reuters

Joanne K. Rowlings neuer, gänzlich un-potterhafter Roman „Ein plötzlicher Todesfall“ ist der erste „Erwachsenenroman“ der Autorin und ist als Befreiungsschlag gedacht.

Ab Punkt neun Uhr am Donnerstagmorgen durfte Joanne K. Rowlings neues Buch verkauft werden, weltweit. Noch hat „Ein plötzlicher Todesfall“ den Sado-Maso-Langweiler „Shades of Grey“ bei Amazon nicht vom Spitzenplatz verdrängt, doch das kann ja noch werden. Aber für Rowling und ihre Leser hat eine neue Zeitrechnung begonnen mit diesem ersten „Erwachsenenroman“ der Autorin – die Nach-Harry-Potter-Zeit. „Ein plötzlicher Todesfall“ ist wohl als Befreiungsschlag gedacht. Das könnte durchaus klappen. Denn, diese Prognose sei gewagt, der Roman wird einen Literatur-Super-Superstar auf den Boden eines (relativ) normalen Schriftsteller-Daseins holen. Gewiss wird sich dieses Rowling-Buch noch bombastisch verkaufen, ebenso gewiss werden viele Potter-Enthusiasten danach abspringen. Kein Zauberkunststückchen weit und breit, dafür auf fast 600 Seiten soziales Elend, kaputte Ehen, dysfunktionale Familien und missgünstige Muggels.

Es ist ein Buch, das so gut, so geschmeidig geschrieben ist, dass man es trotz seines Umfangs in einem halben Tag und einer halben Nacht lesen kann – die Rezensentin hat es ausprobiert. Aber es ist auch ein Buch, nach dem wenige Hähne krähen würden, stünde nicht J. K. Rowling auf dem Titel: Formal dann doch zu konventionell für die Hochliteratur-Fans, inhaltlich zu trostlos für die Unterhaltungsliteratur-Leser. „Ein plötzlicher Todesfall“ ist ein manchmal geradezu satirischer, vorwiegend aber realistischer, sozialkritischer Roman über die Menschen in einem Dorf namens Pagford (in Rowlings Heimatort glaubt man, sich wiedererkannt zu haben), zu dem die von den wohlhabenden Pagfordern ungeliebte Siedlung Fields gehört. Dort wohnen die, die Stütze bekommen und auf Methadon sind.

„The Casual Vacancy“ lautet der Originaltitel, er bezieht sich auf einen Begriff aus der englischen Gemeindeordnung: Eine „plötzliche Vakanz“ entsteht danach unter anderem, wenn ein Gemeinderatsmitglied stirbt. Das tut nun hier an einem Aneurysma ein noch nicht einmal 50-Jähriger namens Barry Fairbrother schon auf den allerersten Seiten. Im Folgenden wird sich herausstellen, dass es wohl einen der nettesten, hilfsbereitesten Pagforder getroffen hat. Und nein, ermordet worden ist er nicht, wird auch niemand anderes: Der Inhalt – oder eigentlich alles rund um dieses Buch wurden dermaßen geheim gehalten, dass es Gerüchte gab, es handle sich um einen Krimi.

„Pickelfresse“ rächt sich

Rowling ist aber nicht auf den Krimi-Zug aufgesprungen. Sie kann es sich leisten, muss sie doch kein Geld mehr verdienen mit neuen Büchern. Vielleicht hat sie also genau das geschrieben, was ihr ein Anliegen war zu schreiben. Vor allem wenn man bedenkt, dass sie selbst vor ihrem wie herbeigezauberten Erfolg alleinerziehend und von Sozialhilfe lebend war.

Barry (!) also stirbt und macht damit eine Gemeinderatsstelle frei, auf die sich nicht wenige Pagforder wählen lassen wollen. Gilt es doch, eine Mehrheit für beziehungsweise gegen eine neue Ortsgrenzziehung zu finden, bei der Fields verwaltungstechnisch der nahen Stadt Yarvil zugeschlagen würde. Auf der einen Seite gibt es zum Beispiel den Lehrer, der von der Sozialarbeiterin unterstützt wird. Auf der anderen den Feinkostladen-Besitzer, der die Siedlung weghaben will.

Rowling war auch in ihren Potter-Romanen nicht eben zimperlich. Jetzt beschreibt sie auch die Muggels, bei denen kein Harry unter der Treppe wohnt, aufs Unvorteilhafteste, Entlarvendste. Lässt sie – und nicht nur die Jugendlichen – fluchen und Slang reden, dass einem die Ohren klingeln. Lässt den Kleinkriminellen Frau und Söhne prügeln, den Sohn („Pickelfresse“ nennt ihn der Vater) sich so rächen, dass der Vater seinen Job verliert. Lässt Schüler eine Sikh-Mitschülerin auf Facebook mobben, weil sie ein Damenbärtchen hat. Lässt diese sich regelmäßig mit Rasierklingen ritzen. Lässt eine 16-Jährige schnell und umstandslos vergewaltigt werden. Lässt spritzen, rauchen, saufen, vögeln. Lügen, betrügen, denunzieren und intrigieren. Und, hier und da, dann doch ein bisschen Herz zeigen.

Treffsichere Formuliererin

Anfangs kann man den Roman, seine bösen Personenbeschreibungen, noch ziemlich lustig finden. Dann wird es ernst, obwohl die scharfe, durchaus geistreiche Rowling-Zunge bleibt. An Dylan Thomas’ Hörspiel „Unter dem Milchwald“ erinnert das Verfahren, gleichsam von oben in Haus um Haus zu blicken. Gegen Ende wiederholt sich das, wenn reichlich zwischenmenschlicher Schaden angerichtet ist, sich Manches aber auch wieder einrenkt.

Von der Fantasy zum Realismus, das ist einerseits ein großer, andererseits vielleicht kein ganz überraschender Schritt. Denn eine gute Menschen-Beobachterin, eine treffsichere Formuliererin war Joanne K. Rowling schon immer. Und sie beherrscht das Handwerk – na ja, in der Mitte hängt „Ein plötzlicher Todesfall“ vielleicht doch ein wenig durch, da hätte man kürzen können.

Es wird geschimpft werden in den Internet-Foren (es wird schon geschimpft von den vergrätzten Bewohnern ihres Heimatorts), aber sorgen muss sich die Milliardärin ja nicht. Sie hat sich also die Freiheit genommen, Harry hinter sich zu lassen. Fein. Das macht es spannend, was für ein Buch sie als nächstes schreiben wird.

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