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Jesus-Buch von Reza Aslan Darf ein Muslim das?

Das Jesus-Buch des Religionssoziologen Reza Aslan bringt Amerikas Konservative auf - immerhin äußert sich da ein Muslim über den Inbegriff des Christentums. Dass er dies äußerst fundiert tut, ist offenbar egal.

Das christliche Amerika hat seinen Jesus für sich gepachtet. Hier in Eureka Springs, Arkansas. Foto: Reuters

Warum sollte ein Muslim ein Buch über Jesus schreiben? Ja, darf er das überhaupt? Ist er nicht zu beladen mit Vorurteilen? Mit solchen Fragen muss sich derzeit der angesehene Religionssoziologe Reza Aslan auseinandersetzen, dessen Buch „Zealot. The Life and Times of Jesus of Nazareth“ diese Woche in den USA erschienen ist. Ausgangspunkt der Kontroverse ist ein kurzer Text auf der Website des erzreaktionären Fernsehsenders FoxNews, in dem der Reporter John S. Dickerson kurzerhand fälschlich behauptet, Aslan und die linken Mainstream-Medien verheimlichten, dass er ein gläubiger Muslim sei. Das Buch sei keine historische Abhandlung, sondern lediglich „die Meinung eines gebildeten Muslims über Jesus“, das historische Vorurteile des Islam über den Messias verbreite.

Ganz in diesem Sinne fragte die FoxNews-Moderatorin und „Religionsexpertin“ Laura Green Aslan kurz darauf in Ihrer Sendung, warum er als Muslim denn ausgerechnet „ein Buch über den Begründer des Christentums“ geschrieben habe. Nun könnte man bei der Frage einwenden, dass es gar kein Buch über den Begründer des Christentums ist – denn das war Jesus nicht –, sondern eines über einen jüdischen Prediger, Wunderheiler und Lehrmeister, der aus politischen Gründen hingerichtet wurde. Doch egal.

Vermutete geheime Agenda des Autors

Ohnehin interessiert sich Green weniger für den Inhalt des Buches, den sie anscheinend nur flüchtig kennt, als für die vermutete geheime Agenda des Autors. Da kann Aslan noch sehr beteuern, dass er mehrere akademische Grade besitzt, Bücher über verschiedene Religionen geschrieben hat, perfekt „Bibelgriechisch“ beherrscht, also die Sprache, in der das Neue Testament verfasst ist – und seine Deutung überhaupt nicht der islamischen Sicht entspricht.

Nun kann keiner bestreiten, dass der biographische Hintergrund eines Autors Einfluss auf sein Denken und Schreiben hat. Im Fall von Aslan ist der Werdegang sogar besonders interessant, weil er aus einem muslimischen, aber nicht wirklich religiösen Elternhaus stammt, mit 15 Jahren Jesus für sich entdeckte und dann sein wissenschaftliches Interesse für Religionen, was ihn zu intensiven Studien der verschieden Glaubensgemeinschaften führte. Später wandte er sich schließlich wieder dem Islam zu, dem „Glauben und der Kultur seiner Vorväter“, wie er einmal schrieb. Offenkundig ist Religion ein Thema, das Aslan in seinen spirituellen wie intellektuellen Facetten fasziniert. Dies verbindet ihn mit bedeutenden Kollegen wie dem katholischen Judaisten Peter Schäfer und ist sicher keine schlechte Grundlage, um sich mit dem Leben Jesu zu befassen.

Hinter der oberflächlichen Kritik konservativer Christen wie Dickerson oder Green verbirgt sich aber noch ein anderes Unbehagen: Aslans Jesus passt nicht zu ihrer Vorstellung vom guten Hirten und seinem Kreuzestod. Diese von den Evangelien geprägte Vorstellung dekonstruiert Aslan ausgehend von der Kreuzigung. Diese Hinrichtungsform galt bei den Römern Aufständischen. Die Aufschrift „König der Juden“ sei nicht sarkastisch gemeint gewesen, wie gern angenommen werde, sondern als Beschreibung seines Verbrechens. Neben Jesus wurden zwei „Banditen“ gekreuzigt, was im damaligen Sprachgebrauch, so Aslan, nicht als Diebe zu verstehen ist, sondern als Rebellen. Jesus war demnach ein Unruhestifter, ein Nationalist und Sozialrebell, der aus Sicht der römischen Herrscher die Stabilität des Systems gefährdete.

Jesus - ein Unruhestifter und Rebell

Die deutlich abgeschwächte Version in den Evangelien hat vor allem einen Grund, wie Aslan überzeugend darlegt: Sie entstehen nach dem sogenannten Jüdischen Krieg, im Zuge dessen Aufständische 66 n. Chr. erst die Römer aus dem Land vertrieben und dann vier Jahre später vernichtend von ihnen geschlagen wurden. Titus eroberte Jerusalem zurück und zerstörte es. Tausende Juden fielen Massakern zum Opfer. Wer danach einen jüdischen Messias preisen wollte, der als Aufständischer hingerichtet worden war, musste ihn zwangsläufig in eine friedlichere, weniger irdische Figur transformieren, sonst hätten die Römer es nie toleriert.

Diese Sicht auf Jesus ist keineswegs völlig neu. Doch irgendwie ist sie für amerikanische Verhältnisse zu links. Ein Sozialrebell, der den Hungrigen zu Essen gibt, den Obdachlosen Obdach, und den Kranken beisteht – so einer könnte gut und gerne mit Barack Obama befreundet sein, also im Grunde ein Sozialist, wenn nicht Satan selbst.

Always Look on the Bright Side of Life

Die ganze Empörung erinnert auf kuriose Weise aber auch an die Proteste christlicher Gruppen gegen den Film „Das Leben des Brian“ 1979. Die englische Komikertruppe Monty Python erzählte darin eine Parallelgeschichte zu Jesus über einen Mann, der aus Versehen für einen Messias gehalten wird und daher auch am Kreuz endet. In gewisser Hinsicht versucht Monty Python wie Aslan die Geschichte lebensnah zu erzählen, um sie jedoch satirisch zu überhöhen, was in der schönen Kreuzigungsszene gipfelt, in der alle gemeinsam singen: Always Look on the Bright Side of Life.

Gläubige bezeichneten den Film naturgemäß als einen „bösartigen Angriff auf das Christentum“, obwohl sie ihn in der Regel nie gesehen hatten – so wie Aslans Kritiker sein Buch kaum gelesen haben dürften, da es gerade erst herausgekommen ist.

Dem Erfolg von Monty Python hat die Aufregung jedenfalls ebenso wenig geschadet wie Aslan. Seit er bei FoxNews auftrat, hat sich das Video davon im Internet rasend verbreitet und eine muntere Debatte befeuert. Die Seite „Buzzfeed“ erklärte es zum „peinlichsten Interview, das je auf Fox gesendet worden ist“, das Magazin „Wired“ für „beschämend“ und der „New Yorker“ für „absolut verrückt“. In der Folge ist Aslans Buch auf Platz vier der „New York Times“-Bestsellerliste geschossen und Platz eins bei Amazon. Das kommt doch der Sonnenseite des Lebens ziemlich nah.

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