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Jeff Koons in Frankfurt Prall, priapisch, phallisch

Er ist ein Präsenzkünstler, kein Sinnkünstler. Jeff Koons hat in Frankfurt seine größte Schau. Die Bilder sind eher mittelmäßig, die Skulpturen allerdings perfekt.

"Woman in Tub" von Jeef Koons. Foto: Getty Images

Eines kann man ihm nicht absprechen: Er knallt noch immer. All diese überdimensionalen Schenkel und Lippen, die Haare und Aufblastiere, die fette Sahne und die fetten Goldkettchen, die goldenen Maiskörner und durchsichtigen Tangas, die kraftvollen Popeyes und prallen Hulks. Man kommt nicht an ihnen vorbei. Das geht unmittelbar in den Kopf und ins Blut. Und in die Hüften geht es auch. Kein Künstler macht Bilder, die einen so direkt anspringen. Oder deren Verlangen, angeschaut zu werden, man sich so wenig entziehen kann.

Der Gipfel dieser irgendwie gnadenlosen Hinguckerkunst, die berühmt-berüchtigte Made-in-Heaven-Serie, hängt denn auch separiert von der restlichen Ausstellung in der Frankfurter Schirn. So gefährlich kann Hinschauen also immer noch sein. Denn: Es ist explizites Material! Es sind die skandalträchtigen Pornofotos mit Koons selbst und dem italienischen Pornostar Ilona Staller, dem Koons um 1990 rettungslos verfallen war. Von heute aus wirken diese Bilder, als habe er sich damals nicht dem Versprechen absoluter Sichtbarkeit entziehen können, das Staller so selbstbewusst verkörperte. Ich zeige euch alles, ich zeige es ohne Scham. Die Bilder sind Koons „Sündenfall“ geworden. Jeder kennt sie, alles wird auf sie bezogen. Einmal Porno, immer Porno. Und fast alles, was er danach in seinem aufwendigen, hochtechnisierten, mehr als fotorealistischen Stil gemalt hat bzw. hat malen lassen, bis hin zur Antiquity-Serie von heute, versucht krampfhaft, keine Pornografie zu sein. Koons fragmentiert, collagiert, überlagert, übermalt, was das Zeug hält. Aber den Sprung in die vollkommene Abstraktion tut er nicht. Die Bilder wirken, als bleibe er in kindlicher Naivität am Genital hängen.

Wahrscheinlich wird es trotzdem die Ausstellung des Jahres, die jetzt in Schirn und Liebieghaus zu sehen ist. Wahrscheinlich wird sie Besucherrekorde brechen. Eine Kunstzeitschrift hat ihr ein eigenes Heft gewidmet. „wow“ und „must see“ steht auf den überall in der Stadt hängenden Plakaten. Auch auf den Straßen Frankfurts kommt man nur schwer an Koons vorbei. Trotzdem ist klar: Wäre diese Ausstellung nur das, was man in der Schirn sehen kann, „Jeff Koons The Painter“, 45 Gemälde aus allen Phasen in der 140 Meter langen, kirchenschiffartigen Halle, würde sie den Wirbel kaum rechtfertigen. Man sieht die meist riesigen Gemälde in einer Art durcheinander gehängter Retrospektive (eine echte Retrospektive mit vielen Ausstellungsstationen soll es nächstes oder übernächstes Jahr geben). Es ist eine Reihe von zu sehr auftrumpfenden Bildern eines besessenen Heterorealisten, eines begabten, typisch amerikanischen Kindes, das nicht erwachsen werden möchte, das sich in ein Paradies wünscht, das sich vor allem durch Sex, Perfektion und knallige Farben auszeichnet.

Dazu passt, wie Koons über seine Kunst redet. Es hat immer etwas Esoterisches bis Unverständliches. Man soll sich öffnen und das Menschsein akzeptieren, sagt er, als ginge es bei den Bildern um Selbstfindung. Dauernd redet er von der DNA, die die einzige wahre Geschichte schreibe. Gleichzeitig sieht er aber überall kunstgeschichtliche Bezüge in seinen Bildern, die dadurch auch eine ganz andere Geschichte fortschreiben als die biologische. Man könnte sich leicht über sein Werk und die Wiederbelebung der Putti lustig machen, über sein Neobarock mit Sahnehäubchen, aber ohne Vanitas. Oder auch als den neuen Vitalismus des Pornozeitalters.

Steht man dann aber im Liebieghaus, kommt man sich bei all diesen Gedanken schäbig und dämlich vor. Hier findet der zweite Teil der Ausstellung statt, „Jeff Koons The Sculptor“. Er ist, mit einem Wort, großartig. Die Skulpturen von Koons stehen in der Sammlung des Liebieghauses, mal kommunizieren sie, wie es das Konzept vorsieht, mal ironisieren sie, mal stehen sie einfach da. 44 Skulpturen von Koons, darunter zwei große, noch nie gezeigte, stehen zwischen Figuren aus vergangenen Jahrtausenden und wirken da überhaupt nicht deplatziert. Noch nie war so deutlich: Koons ist ein Bildhauer und kein Maler.

Der weiß-goldene Porzellan-Michael-Jackson mit seinem Affen Bubbles wirkt in der ägyptischen Abteilung frisch und fern zugleich, seine glänzend weiße Haut passt blendend zu den uralten Steingesichtern der Mumien und Statuen, zwischen denen er steht. Das Ikonografische von Koons’ Skulptur tritt hervor, ein strahlendes Sinnbild unserer Zeit, ein weißglänzender Schwarzer, ein Glamour-Tier im Himmel. Die geschminkten Augen von Michael Jackson lassen ihn zum Ägypter werden. Es ist, als begännen die Figuren in dieser Umgebung deutlicher zu sprechen. Die riesige Plastik-Katze, die bunt an einer Wäscheleine hängt, habe Koons hier als überraschenden Querschläger haben wollen, wie der begeisterte Kurator Vinzenz Brinkmann erzählt.

Aber die Katze stammt aus der Leidenszeit von Koons nach der Trennung von Staller, und sie erinnert, wie sie da hängt, doch sehr an die beiden Kruzifixe von Joseph Götsch aus dem 18. Jahrhundert, die sich neben ihr befinden. Ecce Koons, Katze und Christus. Andere Figuren korrespondieren handwerklich. Die hochsexuelle „Woman in Tub“ von 1988 steht neben Andrea della Robbas Majolika-Altar-Fries der Himmelfahrt Mariens. 500 Jahre nach della Robbia und seiner Maria wurde Koons’ ganz andere Frauen-Skulptur in den gleichen Werkstätten hergestellt. So wie die Metallarbeiten bis heute fast alle in Frankfurt hergestellt werden, weswegen Koons häufig in der Stadt ist und das Liebieghaus gut kennt. Es war für ihn der eigentliche Grund, diese Doppelausstellung zu machen.

Jede Figur von Koons lässt sich jetzt im Kontext der Kunstgeschichte sehen, wenigen gereicht das zum Nachteil. Der „Pink Panther“ steht Johann Heinrich Danneckers „Ariadne auf dem Panther“ gegenüber, der schwebende Basketball ist Andachtsobjekt im sakralen Rahmen, der so silbrig glänzende Rabbit verträgt sich mit den stillen Figuren des Mittelalters. Der absolute Höhepunkt aber sind die beiden neuen Riesenfiguren: eine grüne Metallic-Venus und eine magentarote Balloon Venus, beide aus verchromtem Edelstahl mit Farbglasur. Die handwerkliche Perfektion, mit der bei der riesigen Balloon Venus der glänzende Stahl die Luftballons imitiert, aus der die Figur zu bestehen scheint, ist frappierend und beängstigend. Die Metallic Venus scheint, mit dem verfließenden Metall, wie eine perfekte Umsetzung der Flüssigmetallterminatoren aus „Terminator II“ in die Venus-Wirklichkeit. Koons wendet ungeheure Energie auf, um die Kunst neu aus dem Kunsthandwerk erstehen zu lassen.

Diese Skulpturen sind, was die Bilder nur behaupten: vollkommen präsent. Sie sind prall, priapisch, phallisch, ganz egal, ob sie sexuelle Inhalte haben oder nicht. Sie sind da. Koons ist kein Sinnkünstler, er ist ein Präsenzkünstler. Deswegen funktionieren auch die Bilder nicht so gut, die doch immer so tun, als öffneten sie ein Fenster in einen Andachts- oder Denkraum. Umso überzeugender sind dafür die Plastiken, die einfach dastehen. Da wird das Perfekte zum Naiven.

Das polierte, farbig leuchtende, enorm glänzende Chrom ist so unwiderstehlich wie ölige Haut. Jede Zeit hat ihren eigenen Glanz, durchscheinende Kirchenfenster, strahlendes Gold und Silber, kerzenerleuchtete Säle, Projektionen im Kinosaal, leuchtende Bildschirme. Koons hat der Oberfläche seinen eigenen Glanz gegeben. Verführerisch und unberührbar, man möchte hineinstechen und die Figur so zum Platzen bringen, und gleichzeitig wirkt es massiv und unzerstörbar. Es sieht kostbar und nichtig aus, verheißungsvoll und undurchdringlich. Koons erfüllt der Kunst mit diesem Glanz einen lang gehegten Traum: es ist der von der reinen Oberflächlichkeit. So bekommt seine Kunst doch noch metaphysischen Glanz.

Schirn Kunsthalle und Liebieghaus, Frankfurt: bis 23. September. Der zweibändige Katalog kostet 39,80 Euro.

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