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Jazzwerkstatt Berlin-Brandenburg Alles wird viel lebendiger

Die Jazzwerkstatt Berlin-Brandenburg und ihr Protagonist Ulli Blobel verknüpfen Traditionen des freien Jazz aus Westdeutschland und der DDR.

16.01.2009 00:01
TOBIAS RICHTSTEIG

I'd love if you'd go away" sagt Fred Frith zu dem Fotografen, der am Bühnenrand auf den Beginn des Konzertes wartet, die Kamera im Anschlag. Aber Frith will sich nicht dabei fotografieren lassen, wie er sein Instrument übers Knie legt und es mit einem Bogen, dem Deckel einer Handcremedose, einer Schlinge und weiterem Zubehör manipuliert. Als die Kamera sinkt, beginnt der Gitarrist das Konzert, spannt im Duo mit dem Schlagzeuger Pavel Fajt einen großen Bogen voller Klänge zwischen singender Säge und Hubschrauber-Rotoren, Stadionrock-Trommelwirbeln und digitalen Loops. Es ist der erste Abend der multimedialen Veranstaltungsreihe "Discover US", die in Berlin den Stand der Beziehungen zur nordamerikanischen Kunst nach Bush erkundete.

Angestoßen hat dieses umfassende Kulturprojekt ein Förderverein, der seit 2006 in der Jazzszene der Hauptstadt für Bewegung sorgt: die Jazzwerkstatt Berlin-Brandenburg. Wer sich für den freieren Jazz Europas schon länger interessiert, wird jetzt aufmerken, denn eine "Jazzwerkstatt" prägte schon in den 1970er Jahren die Blüte des Free Jazz in der damaligen DDR und, weil ein Kulturaustausch auf Weltniveau gewünscht war, auch über die ansonsten dichten Grenzen hinaus.

Am Anfang war Peitz

Die Jazzwerkstatt stand damals in der brandenburgischen Kleinstadt Peitz nahe Cottbus und war aus der Initiative zweier Jugendlicher entstanden: Peter "Jimi" Metag und Ulli Blobel. Die beiden Musikfans waren es leid, immer ins 150 Kilometer entfernte Berlin zu reisen, um Renft oder die Klaus-Lenz-Bigbands zu hören, zu denen junge Jazzmusiker wie Ernst-Ludwig Petrowsky und Joachim Kühn gehörten.

Metag und Blobel veranstalteten ab 1969 erste Konzerte mit junger Soulmusik im Peitzer Kinosaal. Die offiziellen Kulturverwalter konnten sie im Lauf der Zeit von der Seriosität ihrer Unternehmungen so weit überzeugen, dass 1973 die Veranstaltungsreihe "Jazzwerkstatt Peitz" ihren Anfang nahm. Neben Ostberliner Aktivitäten wie "Jazz in der Kammer" wurde sie schnell zu einem überregionalen Kristallisationspunkt für Jazzmusiker und ihre Fans. "Was da für Leute rumliefen! Mit langen Haaren, Parka und so. Der kleine Ort war voll davon!" erinnerte sich der Berliner Saxophonist Friedhelm Schönfeld 2007 bei einem Rundfunkgespräch.

Im Provinzstädtchen Peitz entwickelte der Jazz in der DDR seine eigene Dialektik. Während der Nonkonformismus des Free Jazz den Offiziellen zutiefst suspekt erscheinen musste, beriefen sich seine Anhänger auf die proletarischen Wurzeln des Jazz im Mutterboden der Baumwollfelder Amerikas als Protestmusik gegen die kapitalistische Ausbeutung. Ab 1974 übertrug der Rundfunk der DDR regelmäßig "Aus der Jazzwerkstatt". In seinem Buch "Jazz-Werkstatt international" konnte der Leipziger Publizist Bert Noglik einen internationalen Querschnitt der europäischen Jazzszene präsentieren - allein anhand von Interviews mit Musikern, die 1979/80 in der DDR gastierten.

Als 1979 die für den Jazz zuständige Mitarbeiterin in der Künstler-Agentur der DDR kündigte, wurde Ulli Blobel die Stelle angeboten. Der sah die Chance, den Apparat in seinem Sinne zu nutzen. Nun organisierte der Fan Tourneen ausländischer Musiker in der DDR vom Schreibtisch eben jener Agentur aus, die er zuvor bei jeder Veranstaltung um Erlaubnis hatte bitten müssen. Zu Beginn der 1970er Jahre war im Grundlagenvertrag zwischen BRD und DDR ausdrücklich die Zusammenarbeit beider Seiten auch auf kulturellem Gebiet vereinbart worden. Tagesvisa machten in Berlin die Mauer durchlässig für vergleichsweise unkomplizierte Konzertbesuche und Schallplatten.

Die Wuppertaler Free Jazz-Heroen Peter Brötzmann und Peter Kowald hatten mit Alexander von Schlippenbach und Jost Gebers im Westteil der Stadt die Free Music Production (FMP) gegründet und holten die weltweite Free Jazz Szene in ihr Studio. Nach den Aufnahmen folgten Besuche, Sessions, Konzerte im Ostteil. Denn während deutsch/deutsche Musikerbegegnungen verboten blieben, wurden Konzerte internationaler Bands mit ost- und westdeutscher Beteiligung in Pankow genehmigt und von Bonn aus unterstützt. Gastspiele in der DDR wurden zum festen Programmpunkt auf den Tourneeplänen des Free Jazz. Ulli Blobel erinnert sich an seine Jahre in der Künstler-Agentur: "Die günstigen Bedingungen ermöglichten 1980 33 Tourneen, davon 13 mit internationalen Gästen".

Dabei saß die Stasi immer mit im Publikum. Stilsicher wählte "IM Albert" den Namen eines bekannten deutschen Jazzpioniers und ihrem inoffiziellen Tourneebegleiter widmeten Petrowsky, Klaus Koch und Sommer auf Konzertreise in Hamburg den Titel "Ein Sandsack zuviel". Blobel wurde zum Generaldirektor der Künstler-Agentur bestellt, der Rat für Kultur entzog ihm die "Genehmigung zum Vertragsabschluss im Auftrag der AG Jazz beim ZKR Peitz mit der KGD Cottbus", damit war die Jazzwerkstatt am Ende. Metag blieb in Cottbus, wo er heute zurückgezogen lebt, Blobel stellte einen Ausreiseantrag und begann 1984 noch einmal neu: in Wuppertal.

Unter den marktwirtschaftlichen Bedingungen bot die freie Szene kaum Entfaltungsmöglichkeiten für ihn. Also gründete er mit ITM und ITM pacific zwei Plattenlabel für "contemporary music, Jazz, entertainment & more" - und handelte mit CDs von Lionel Hampton bis Chet Baker und später auch mit DVDs, die er teilweise selbst als Produzent betreute. Ein Reporter des Monatsmagazins "Jazzthetik" schrieb in einem Labelportrait: "Die großzügigen Büroräume seiner Vertriebsgesellschaft sind überaus gediegen, und auch Blobel selbst muss keineswegs am Hungertuch nagen". Auch als Konzertveranstalter war Blobel erfolgreich, unter anderem für Milva, Gidon Kremer, Bobby McFerrin.

Was gibt es Neues?

Im September 2006 eröffnete er im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie eine Neuauflage der Jazzwerkstatt. "Ich habe mich in den zwanzig Jahren dazwischen nicht sehr um Jazzmusik gekümmert", gesteht er, "so dass ich erst lernen musste, was es Neues in der Stadt gab".

Weggefährten aus Peitzer Tagen sind heute noch als Musiker aktiv und gründeten mit dem Konzertveranstalter den Förderverein Jazzwerkstatt Berlin-Brandenburg e.V.. "Typisch war das Programm der ersten beiden Werkstätten: Brötzmann, Petrowsky, Schönfeld, Bauer, Kropinski", beschreibt Blobel das Comeback der Institution. Die Berliner Jazzszene, nach dem Mauerfall teilweise heillos zerstritten, beobachtete das Auftreten des neuen Mitspielers argwöhnisch. Schließlich gehören die Aufmerksamkeit des Publikums und Fördermittel für den Jazz zu den seltensten Rohstoffen im Kulturleben einer Großstadt. Und Ulli Blobel, dieser fast zwei Meter große Self-Made-Man des Jazz trat an, um mit der Jazzwerkstatt Akzente zu setzen. Er plante Konzerte in Berlin und Potsdam, um in beiden Bundesländern Fördergelder beantragen zu können, fand Unterstützung im Institut Français für Gastspiele aus Frankreich, bei der Bundeszentrale für Politische Bildung für die multikulturellen Abende "Orient/Okzident" und so weiter. "Das war am Anfang, weil wir natürlich nicht etabliert waren, ein Zusammensuchen von Kleingeld", erzählt Blobel stolz mit knarzigem Bariton. Aber während anfangs von 240 000 Euro Gesamtbudget noch knapp die Hälfte aus privatem Sponsoring stammten, belohnen öffentliche Förderer mittlerweile die beharrliche Konzept-Arbeit. Blobel darf sich bestätigt fühlen, auch von den Preisen, die Jazzwerkstatt in den vergangenen Jahren einheimste.

Der gemeinnützige Förderverein fungiert auch als Plattenlabel - mit schönen Synergien: Neuveröffentlichungen junger Berliner Bands wie JazzXclamation um die Saxophonistin Kathrin Lemke oder Hyperactive Kid können in der Konzertreihe live vorgestellt werden, und Auftritte wie der von David Murray im November 2007, mitgeschnitten vom KulturRadio des RBB, erscheinen als CD und DVD. Die wenigsten dieser Produktionen verkaufen sich kostendeckend, doch sichern sie der Jazzwerkstatt eine weit reichende Aufmerksamkeit.

In den Handel kommen die Veröffentlichungen der Jazzwerkstatt über Blobels Wuppertaler Firma Records-CD, die seit kurzem auch die Musik der FMP vertreibt. Die ganze Breite des Blobelschen Vertriebsprogramms präsentiert seit einem halben Jahr der Jazzwerkstatt + Klassik Shop, eine eigenständige GmbH. Hier, nicht weit von den Charlottenburger Jazzclubs und der Hochschule der Künste spielen Musiker der Jazzwerkstatt oder der Berliner Philharmoniker Ladenkonzerte und geben Signierstunden, Jazzfans finden neben regionalen Spezialitäten auch Sonderangebote. Das Label Jazzwerkstatt bleibe aber ein gemeinnütziges Unterfangen des Fördervereins. "Dass jetzt beides geht, das ist einfach so mein Wille gewesen. Wenn schon, dann möchten wir das auffallend machen."

Alte und junge Garden

Vierzigtausend Programmfolder und Plakate weisen regelmäßig auf die Jazzwerkstätten hin, längst zieht das markante rot-schwarze Schriftbild die Aufmerksamkeit der Jazzfreunde auch im Berliner Umland an. Doch die beste Werbung sind die Veranstaltungen selbst. Im Publikum der Abende mit sprechenden Untertiteln wie "Berlin Jazz Marathon" im Industriebarock des ehemaligen Friedrichshainer Pumpwerks Radialsystem V mischen sich die Fans der alten Garde, wie Joachim Kühn und Ulrich Gumpert mit den Peer Groups der jungen Berliner Szene um Rudi Mahall, John Schröder oder Kalle Kalima.

Einträchtig bejubelten die Generationen unlängst die ein Festival zum 70. Geburtstag Alexander von Schlippenbachs. Immerhin ist der Pianist nicht nur einer der Väter des deutschen Free Jazz, sondern auch der alte Herr des unter Turntablisten legendären DJ Illvibe (Lychee Lassi, Seeed). So bringt die Jazzwerkstatt frischen Wind in die Berliner Jazzlandschaften. Blobel sagt: "Mir ist wichtig, dass in Berlin eine Szene aktiver ist als es in den letzten paar Jahren war. Ich kannte das aus Ostberlin als wichtige tragende Säule der Szenerie dmals: dass die Musiker auch zu den Konzerten der Kollegen kamen, hinter der Bühne waren, sich interessiert unterhalten haben - das gab es auch in Westberlin früher mit der FMP, schlief aber ein. Und ich lade alle Musiker, die zu unserem Kreis gehören, zu unseren Konzerten ein, damit sie da sind. Und es wird alles viel lebendiger dadurch!"

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