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Japans Umgang mit der Katastrophe Gleichmut? Gefasstheit? Disziplin?

Sich ins Schicksal zu ergeben ist im modernen Japan genauso unattraktiv wie bei uns: Über Gesten und Formen der Entschlossenheit, der Demut, das Naturgesetz der Gesellung und einige daraus leicht entstehende westliche Missverständnisse

25.03.2011 16:50
Gregor Häfliger
Erleichterung: Diese Schülerinnen haben gerade ihre Prüfung bestanden: Zuvor war ihre Schule tagelang gesperrt und als Leichenhalle benutzt worden. Foto: REUTERS

Man spricht dieser Tage viel vom Gleichmut, von der Gefasstheit, der Disziplin der Japaner und rätselt darüber, wie das zu erklären sei. Dabei wird nicht immer deutlich unterschieden, ob es sich um die Gefasstheit handelt, mit der man die Toten und die Verwüstungen hinnimmt, die einer gewalttätigen Natur anzulasten sind, oder um das Fehlen von Panik unter der Tokioter Bevölkerung angesichts der atomaren Bedrohung. Die Unterscheidung ist wichtig, auch wenn die Verhaltensweisen in dem einen und dem anderen Fall miteinander in einem engen Zusammenhang stehen sollten.

Im ersten Fall spricht die Verheerung eine unmissverständliche Sprache. Alles Auflehnen macht keinen Sinn. Empörung und auch Kritik wird nicht laut. Gegen die Wucht, mit der die Natur hier zugeschlagen hatte, kann man nichts machen, man konnte sich nur vorbereiten. Dieses Bewusstsein liegt den Sicherheitsvorkehrungen in Japan zugrunde, wo schon im Kinderkrippenalter die Kleinen lernen, wie sie sich zu verhalten haben, wenn die Erde bebt und das Haus zu rütteln anfängt. Es sind Vorkehrungen, die auch bei dem aktuellen Beben sicher viele Menschen gerettet haben. Ich denke an die Schüler jener Grundschule, die der Lehrer nach dem Beben geistesgegenwärtig zusammengerufen hatte, um dann mit ihnen um das Leben zu rennen, bevor die Welle das Schulgebäude überspülte.

Sich ins Schicksal zu ergeben ist im modernen Japan genauso unattraktiv wie bei uns. Man ist gewappnet gegen die oft tödliche Feindlichkeit, die vom Meer her droht. Gegen die Winterstürme im Nordwesten, gegen die herbstlichen Taifune, gegen die häufig auftretenden Tsunamis schützt man sich, wo es nur geht. Sicherheit ist ein hohes Gut in Japan. Bei der Sicherung etwa von Baustellen bis hin zur Sicherung der Schulwege der Grundschulkinder gelten Standards, wie sie in Berlin kaum durchsetzbar wären. Der Verkehr ist in seiner Geschwindigkeit gedrosselt wie in keinem anderen Land. „Abunai!“ der Ruf, wenn Gefahr droht, gehört zu den am häufigsten gebrauchten Ausdrücken der Mütter auf Kinderspielplätzen. In all dieser Vorsicht und Umsicht aber findet man das Bewusstsein, dass am Ende alle Vorkehrungen nichts helfen. „Shikata/shou ga nai“, das Eingeständnis, dass es da nichts mehr zu machen gibt, hört man wohl auch in kaum einem Land so häufig im Alltag wie in Japan.

Japan ist ein Land, das sehr viel unternimmt, das Gefühl von Sicherheit herzustellen. „Anshin suru“, sich sicher und wohl fühlen, hat gerade in diesen Tagen Konjunktur, weil das Gefühl fehlt. Die Betroffenen in den Auffanglagern sprechen von ihrer Angst, direkt und unverstellt, und vom Verlangen danach, die Sorgen ablegen zu können. Dagegen aber, und mit nicht weniger Gewicht, stemmt sich das Bewusstsein, dass letztlich auf nichts Verlass ist. Wir unterscheiden uns nicht von der Mücke, die irgendwer aus seinem tränenden Auge reibt. Die Geschichte von dem Mönch, der die Konsequenz daraus zieht und aus Mitleid mit der Kreatur das Auge tränen lässt, ist Allgemeinbildungsgut wie bei uns etwa die des Franz von Assisi, der zu den Vögeln predigt.

Die Gesten der Demut auf der einen, das Wissen um die eigenen Fähigkeiten und der Appell an den Fleiß und den Durchhaltewillen auf der anderen Seite: In diesen Tagen wird beides gleichermaßen und oft in einer einzigen, knappen Äußerung zugleich aufgerufen, in Fernsehbildern etwa wie diesen: Die Mutter, die aus den Trümmern ihres Hauses ein Foto von ihrem dreijährigen Sohn zieht. Er ist verschollen. „Der muss doch zu finden sein, irgendwo muss er doch sein“, sagt sie, den Ansprechpartner um Bestätigung bittend, in die Kamera. Dann steht sie vor einem Pflaumenbäumchen, das trotz der Schlammwelle unversehrt blieb. Es war zur Geburt des Kindes gepflanzt worden. „Ich ziehe den Baum auf, ja, ich will ihn aufziehen, ich will durchhalten“, sagt sie, faltet die Hände und neigt den Kopf.

Oder der Grundschullehrer, der Familie und Haus verloren hat, aber das örtliche Auffanglager organisiert. „Es ist hart, es ist verdammt hart. Aber wenn ich hier mit den Leuten ins Gespräch komme und höre, was ihnen zugestoßen ist, weiß ich: Es geht nicht anders, ich darf nicht aufgeben.“

Gewiss, wir kennen Ähnliches auch bei uns. Und doch ist da ein Unterschied. Wir neigen dazu, die Erfahrung von Ohnmacht angesichts katastrophaler Naturereignisse als unser Scheitern zu sehen und dramatisieren das Scheitern. Wir verschärfen so den Gegensatz um das Moment der gegenseitigen Feindlichkeit. Versöhnung ist dann nur noch als Sieg des einen über das andere zu haben.

In Japan ist der Umgang mit dem Gegensatz anders. Man erkennt ihn als Entgegensetzung zweier Pole an und verfährt nach dem Muster des Wechsels zwischen ihnen. Eine große Rolle spielt dabei das uns recht fremde Verhältnis zu Formen. Wir wissen, dass das gesellschaftliche Leben in Japan in stärkerem Ausmaß als bei uns in vorgegebenen Formen abläuft. Die Sprache hält ein ganzes Arsenal an Möglichkeiten bereit, wie ich einen Satz abschließe, ob ich als Mann oder als Frau spreche, ob in der Öffentlichkeit oder im intimeren Kreis, ob zu einem Älteren oder zu einem Jüngeren und so weiter.

Wir schließen daraus gern auf Konformismus und gehemmte Spontaneität. Was völliger Unsinn ist. Spontanes Handeln und Handeln nach Vorgaben ist in Japan nicht anders verteilt als bei uns. Anders steht es mit dem Gefühlsumfang, der den Formen zu transportieren zugetraut wird. Ein Willkommensgruß kann, insbesondere in überhöflicher Form, dem Angesprochenen mitteilen, dass er hier nichts zu suchen hat, in einer Schärfe, die der direkten Frage „Was suchst du hier?“ nicht nachsteht. Die Kinder wachsen früh in den Umgang mit solchen Formen hinein. Wenn ein Kind sich vom Papa verletzt fühlt, steht ihm eine Form der Höflichkeit zur Verfügung, mit der es den Vater bestrafen kann. Das entdecken die Kinder lange vor dem Schulpflichtalter.

Oder die Verneigung vor dem andern. Sie kann die Schäbigkeit der Unterwerfung haben. Sie kann aber auch Verachtung transportieren oder kann souverän und voller Herzlichkeit sein. Die Sensibilität für den weiten Umfang der Formen sowohl in der Anwendung wie in der Wahrnehmung zu erlernen, gehört zur Sozialisation, keineswegs nur die Kenntnis des konventionellen Gebrauchs.

Der gesenkte Kopf mit den gefalteten Händen und das Versprechen: „Ja, ich mach’s, ich gebe nicht auf“, sind tief im Alltag verwurzelte Gesten, auf die die Menschen in der Not zurückgreifen können. In der einen Form stellen sie sich der Natur in ihrer Unerbittlichkeit, das Gesicht tränenüberströmt, in der andern sammeln sie ihre Kräfte zum Weiterhandeln, auch wenn es absurd erscheint. Im Wechsel von der einen zur entgegengesetzten Haltung werden die Ereignisse verarbeitet. Ob und wie es gelingt, ist natürlich ebensowenig voraussagbar wie bei unserem Stil der Verarbeitung.

Ich habe am Tag des Erdbebens die Sendung von NHK, der öffentlich-rechtlichen Anstalt in Japan, mitverfolgt. Ein Helikopter mit Kamera und zwei Reportern an Bord flog über die Stadt Minamisanriku, die am Nachmittag zuvor von einer Welle überrollt worden war. Es war ein Erkundungsflug im Morgengrauen, Bilder gab es davor von dieser Stadt noch keine. Mit verhaltener Stimme, unaufgeregt und sachlich gaben die beiden Reporter ihrem Entsetzen darüber Ausdruck, was sie im Morgengrauen allmählich zu sehen bekamen: Zerstörung und Schlamm und Zerstörung und nirgendwo Leben. Bis sie doch noch Leben fanden, Menschen auf der Dachterrasse einer viergeschossigen Klinik, die als einziges Gebäude weit und breit der Flut widerstanden hatte. Der Stil der Berichterstattung war so eindrucksvoll wie das Sichtbare fürchterlich war. Das Unerschrockene und die leisen Töne waren der Sache angemessen. Man kann da von Gefasstheit sprechen, aber um Gottes willen nicht von Gleichmut oder gar Disziplin. Keine Spur von Kälte und fehlender Teilnahme, keine Spur von angelernten Regeln, die verbieten würden, spontanen Regungen Raum zu geben und zum Ausdruck zu bringen.

Gleichmut und Disziplin sind auch nicht die passenden Charaktermerkmale für die Tokioter Bevölkerung, die trotz der drohenden Reaktorkatastrophe bislang besonnen blieb und nicht in Panik geriet. Nach allem, was wir hören, wirkte Tokio dieser Tage gelähmt: leere Straßen und nächtliche Ruhe, wo die Stadt sonst vor Vitalität birst. Das Arbeitsleben freilich ging weiter. Nur, was kann eine 35-Millionen-Metropole anderes tun, zumal auf ihr Funktionieren zugleich ein Land mit seinen fast 130 Millionen Einwohnern angewiesen ist? Könnte das zwar physisch intakte, aber in seinem Arbeitsleben infolge eines Exodus aus Tokio gewiss schwer gestörte Restjapan Fliehende in solcher Zahl überhaupt aufnehmen und ernähren?

Fragen dieser Art beschäftigen wohl zumindest den gebildeten und nachdenklichen Teil, und der ist in Tokio nicht klein. Tokio ist eine hoch gebildete Stadt. Fast alle haben eine zwölfjährige Schulzeit hinter sich; die wird gebraucht, um den Kanon der Zeichen zu lernen, die für das Lesen und Schreiben der Sprache erforderlich sind. Darauf aufbauend das berufsbezogene Bildungsangebot. Allein im Verwaltungsbezirk Tokio mit seinen 13 Millionen Einwohnern befinden sich 138 Hochschulen, darunter einige der Top-Universitäten des Landes, mit insgesamt 640000 Studenten und entsprechender Zahl an Lehrkräften. Die fachhochschulähnlichen Einrichtungen und die Fachschulen kommen dazu. Das Bildungsniveau der in die Verwaltung und Produktion eingebundenen Intelligenz gehört weltweit zur Spitze. Die Zahl derer, die über das allgemeine Wohl Diskussionen zu führen imstande sind, dürfte dem entsprechen.

Auch aus der Perspektive des Einzelinteresses erscheint eine Flucht für die meisten wenig attraktiv. Für den Unternehmer etwa wird es zu einer schweren Entscheidung, er trägt neben der Verantwortung für die Gesundheit auch die Verantwortung für die Existenz seiner Mitarbeiter. Ein solches Verpflichtungsbewusstsein ist nach wie vor stark ausgeprägt und spielt eine Rolle als Handlungsmaxime. Das hat mit dem etwas andersartigen Stellenwert der Gruppe zu tun. In Japan fällt Gruppenbildung leichter, es stellt sich unvermittelter als bei uns ein familiäres Ambiente ein, sobald ein paar Menschen sich zu einem gemeinsamen Unternehmen entschließen. Für den Vorgang der Gruppenbildung gibt es das Verb: „mureru“, wobei das zugehörige Nomen „mure“ einen riesigen Umfang hat. Er reicht vom Mückenschwarm über die Kolonie von Japanmakaken bis zum Pöbelhaufen. Mureru ist wie ein Naturgesetz der Gesellung, Während der Anlass der Gruppenbildung oft zufällig ist, ist die Vielfalt an Charakteren und Interessen, die die Gruppe ertragen muss, groß.

Wichtig im Zusammenhang mit der Frage nach der Stimmungslage der Tokioter Bevölkerung ist der Aspekt der Verpflichtung. Auch wenn sich einer persönlich aus einem Arbeitsprozess ausklinken könnte, weil er über Rücklagen und verwandtschaftlichen Rückhalt in einem anderen Teil Japans verfügt, bleibt da noch die Frage, ob er die Kollegen im Stich lassen darf, weil mit ihm womöglich eine empfindliche Stelle im Arbeitsprozess ausfällt.

Man kann sicher sein, dass von der Chefetage bis ganz hinunter in den Betrieben intensiv diskutiert wird, wie weit man gemeinsam gehen kann. Konsens zählt viel in Japan. Um ihn wird gerade wegen der stärkeren Gewichtung der Existenz in der Gemeinschaft mit viel Aufwand gerungen.

Die Besonnenheit der Tokioter ist nichts mit ihrer Geburt Gegebenes, sie ist auch kein kulturelles Schicksal, sie ist vielmehr in Gesprächen erarbeitet. Zu erkennen ist das an der Rolle, die die Medien wahrnehmen. Die Tokioter sind nämlich über die Vorgänge in den Reaktoren von Fukushima gut informiert, trotz der im Grunde kriminellen Informationspolitik der AKW-Betreiber und der Unfähigkeit des politischen Systems, für Transparenz zu sorgen.

Ich habe mich täglich über Stunden hinweg via NHK informiert. Sobald Neues aus den Pressekonferenzen bekannt wurde, haben Experten aus dem Universitätsbereich aus den Daten, so dürr sie auch sein mochten, herauszuholen versucht, was nur herauszuholen war, es eingeordnet, in seinem Gewicht abgewogen und erklärt. Rund um die Uhr wurde Aufklärung betrieben. Man scheute sich nicht, auch noch darüber öffentlich nachzudenken, dass die Medien eine große Verantwortung dafür tragen, dass es bei der Besonnenheit bleibt. So etwas wäre nicht möglich, wenn man mit Desinformation eine Stadt ruhigstellen möchte. Falls das bei einer Stadt wie Tokio und im Zeitalter des Internet überhaupt funktionieren würde.

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