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Jan Philipp Reemtsma Der Geistesunternehmer

Jan Philipp Reemtsma, der Ideengeber für sein Hamburger Institut für Sozialforschung, tritt ab.

Jan Philipp Reemtsma bei einer Preisverleihung. Foto: rtr

Eines der wenigen Fotos, die vom jungen Jan Philipp Reemtsma zugänglich sind, zeigt den 15-Jährigen beim Kegeln. Sportiv, schwungvoll, zielstrebig. So haben sich die Familienmitglieder und Vorstände des Zigarettenkonzerns Reemtsma ihren künftigen Firmenlenker vorgestellt. Der Vater, Philipp Fürchtegott Reemtsma, war bereits 1959 gestorben, als Jan Philipp sieben Jahre alt war. Es galt als ausgemacht, dass der Junge nach entsprechender Ausbildung einmal in die Firmenleitung eintreten sollte. Aber Jan Philipp Reemtsma mochte diesem Bild nicht sehr lange entsprechen.

Die Aufnahme stammt von 1967. Kurze Zeit später erwischt ihn seine Mutter Gertrud in der Hamburger Innenstadt inmitten einer Demonstration. Sie holt ihn aus der linke Parolen skandierenden Gruppe heraus. Ein Reemtsma, erklärt sie ihm, tue so etwas nicht. Die unverhoffte Begegnung kann als familiäre Schlüsselszene betrachtet werden. Denn schon bald darauf wird Jan Philipp Reemtsma die Vorstellungen dessen, was ein Reemtsma tut, von Grund auf verändern.

Wenn heute der Name Reemtsma fällt, ist allenfalls in zweiter Linie von der Geschichte eines weltweit erfolgreichen Unternehmens der Genussmittelindustrie die Rede. Längst steht der Name für politische Aufklärung, die Förderung der Literatur und die minutiöse Durchdringung der Phänomene von Herrschaft und Gewalt. Das Hamburger Institut für Sozialforschung, das Reemtsma 1984 aus dem Erlös seiner Firmenanteile initiierte, die er kurzerhand an den Hamburger Unternehmer und Tchibo-Erben Günther Herz verkauft hatte, ist heute eine der besten Adressen für unabhängige Forschung und Wissenschaft. Aber auch für die Bereitschaft zum Konflikt.

Mit ihrer Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht, die zwischen 1995 und 1999 und später in überarbeiteter Form zwischen 2001 und 2004 in zahlreichen deutschen Städten gezeigt wurde, griff das Institut nachhaltig und streitbar ein in die Debatte über die deutsche Schuld und Beteiligung der Deutschen an den NS-Verbrechen. Eine notwendige, aber auch schwierige gesellschaftspolitische Lektion. Die Ausstellung räumte auf mit der bis dahin gängigen Vorstellung, dass der nationalsozialistische Terror von Sonderkommandos, Einsatztruppen und Polizeieinheiten ausgegangen sei, die Wehrmacht den Nazis zwar Instrument der Machtausübung war, an sich aber eine saubere Truppe gewesen sei.

Die öffentliche Wahrnehmung des Instituts war seither eng mit der Wehrmachtausstellung verknüpft. Proteste blieben nicht aus, immer wieder wurde die Schau von Gegendemonstrationen begleitet. Widerspruch, öffentlicher Zorn, Drohungen. Das Reemtsma-Institut durchlief so über Jahre auch die Erfahrung, wissenschaftliche Expertise, demokratische Überzeugungen und öffentliche Intervention wehrhaft verteidigen zu müssen.

Unaufgeregter, arbeitsamer Alltag

Dabei stellte sich der Institutsalltag ganz anders dar, unaufgeregter, arbeitsamer. In gediegener Umgebung in unmittelbarer Nähe zur Hamburger Außenalster strahlt das sachlich-moderne Institutsgebäude am Mittelweg eher einen zurückhaltenden Charme aus. Mit unaufdringlicher Präsenz lenkte Reemtsma die Geschicke des Hauses, oft wirkte er dabei wie ein zufälliger Beobachter. Bei Vorträgen und Tagungen aber wurde er schnell zum geistigen Zentrum, um das alles kreiste. Eindrucksvoll zu erleben, wie er mit einem kurzen Gedankenblitz einer Tagung einen ganz neuen Verlauf zu geben vermochte. Die Arbeit am Argument war ihm dabei nicht weniger wichtig als die Bereitschaft, sich selbst überraschen zu lassen. Und doch war vor allen anderen er es, der immer wieder für intellektuelle Überraschungen sorgte.

Und damit soll es nun vorbei sein? Am 5. Juni hält Jan Philipp Reemtsma seinen Abschlussvortrag am Mittelweg: „Gewalt als attraktive Lebensform betrachtet“. Die Leitung des Instituts, das in den zurückliegenden Jahrzehnten ohne die persönliche Inspirationsquelle Reemtsma kaum denkbar war, hat er bereits im April an den Göttinger Soziologen Wolfgang Knöbl abgegeben.

Für ihn kommt es nun darauf an, eine Phase des Übergangs einzuleiten. Internationaler soll es werden, Austausch mit anderen Einrichtungen ist geplant. Theorie soll wieder einen größeren Stellenwert erhalten. Das Institut wird sich verjüngen müssen. Langjährige Mitarbeiter wie der Historiker Michael Wildt und der Soziologe Heinz Bude, die mit ihren anregenden Büchern das Reemtsma-Institut auch in der öffentlichen Wahrnehmungen ihren Stempel aufgedrückt haben, haben das Haus bereits verlassen.

Und Reemtsma? Hat der bald 63-Jährige Pläne? Visionen? Etwas ganz neues? Bezüglich seiner eigenen Zukunft gibt sich Reemtsma gewohnt einsilbig. Unnahbar, sprunghaft, undurchschaubar. Im Institut spricht man mit großem Respekt über ihn, aber immer auch mit einer gewissen Vorsicht. Er scheint jemand zu sein, mit dem man es sich verscherzen kann. Per Mail teilt er auf Anfrage mit: „Nein, ich glaube nicht, obwohl es vielleicht der Beförderung der Eitelkeit diente, dass es irgendwen interessiert, was ich in den nächsten Jahren mache. Ich werde das tun, was ich bisher getan habe, man kann es dann, wenn man möchte, nachlesen. Das Hamburger Institut für Sozialforschung leitet nun Wolfgang Knöbl. Mehr ist von mir aus nicht zu sagen.“

Dabei war es doch immer auch die auffällige Persönlichkeit Reemtsmas, die die öffentliche Neugier an all seinem Tun weckte. Bisweilen hat er dieses Interesse mit einer früh ausgeprägten, bis zur Sonderlichkeit neigenden Beharrlichkeit selbst geschürt. Das bekam auch der von Reemtsma verehrte Schriftsteller Arno Schmidt zu spüren, der mit seiner Frau zurückgezogen bei Bargfeld in der Lüneburger Heide lebte. Ohne Anmeldung war Reemtsma 1977 dorthin hingefahren und hatte Schmidt eher zufällig angetroffen. Der Dichter und sein Verehrer kamen ins Gespräch, dessen Ergebnis darin bestand, dass Reemtsma Schmidt ein Geschenk in Höhe von 350 000 DM zu machen gedachte. Eine Art privater Nobelpreis.

Deutlich reifer und planvoller ging Reemtsma dann 1984 beim Aufbau des Instituts vor, zu dessen Gründungsbeirat die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich, der Gesellschaftstheoretiker Ernest Mandel und die Feministin Alice Schwarzer gehörten. In der stark von kulturellen und politischen Antagonismen geprägten Atmosphäre der frühen Achtziger waren die Namen ein gesellschaftspolitisches Programm.

Bürgerliche Linke blieb skeptisch

Aber selbst die bürgerliche Linke war skeptisch. So etwas tut man nicht, meinte, ganz wie einst Reemtsmas Mutter, schließlich auch Fritz J. Raddatz, Feuilletonchef der „Zeit“. Die namentliche Anlehnung des Instituts an das berühmte, von Theodor W. Adorno begründete Frankfurter Institut für Sozialforschung, sei doch wohl eher eine Anmaßung. So musste es verstanden werden. Eine Art Hybris, die trotz aller spürbaren Zurückhaltung im Auftreten, nicht mit Bescheidenheit zu verwechseln war.

Wer ist Jan Philipp Reemtsma? Was hat er jetzt wieder getan und warum? Diese und ähnliche Fragen haben die intellektuelle Biographie des Philologen stets begleitet. Trotz seines umfangreichen Werks als Stifter, Mäzen, Schriftsteller und Wissenschaftler muss er sich fortwährend gegen Fremdzuschreibungen, psychologische Deutungen und Unterstellungen zur Wehr setzen. Besonders deutlich wurde das in einer Auseinandersetzung mit dem „Merkur“-Herausgeber Karl-Heinz Bohrer über die Neuauflage der Wehrmachtsausstellung 2004. In einer Replik im „Merkur“ wendet Reemtsma sich vor allem gegen den psychologisierenden Stil der Angriffe, in dem Bohrer provokativ gefragt hatte, ob Reemtsma mit ödipalem Furor seine Familiengeschichte thematisiere, insbesondere die wirtschaftliche Kooperation des väterlichen Unternehmens mit den Nazis, oder ob er genau davon ablenken wolle.

Es gehört zu den Paradoxien seines Lebens, dass beinahe alles, was er geschrieben, gefördert und gegründet hat, im Dienst einer kaum verklausulierten Idee politischer Aufklärung steht, hinter der doch immer wieder nach einer „hidden agenda“ gesucht wurde. Dabei hat es an eindeutigen politischen Begründungsversuchen nie gemangelt. In einem 130-seitigen Katalog hatte das Institut 1984 seine künftigen Arbeitsschwerpunkte vorgestellt: Gewalt, Folter, Armut – Ursachen, Erscheinungsformen, psychologische und politische Folgen.

Auf dramatische, lebensbedrohliche Weise holen Reemtsma diese Themen ein. Am 25. März 1996 wird er vor seinem Haus in Hamburg überwältigt und bleibt bis zum 26. April in der Gewalt seiner Entführer. Die Reemtsma-Entführung gilt als eines der spektakulärsten Verbrechen ihrer Art in der Geschichte der Bundesrepublik. Reemtsma versucht die traumatischen Erfahrungen der erlittenen Gewalt in dem Buch „Im Keller“ mit schriftstellerischen Mitteln zu verarbeiten. Und man tritt dem Menschen Reemtsma wohl nicht zu nahe, wenn man den Ausgangspunkt seines großen theoretischen Entwurfs über „Vertrauen und Gewalt“ von 2008 auch auf die persönliche Gewalterfahrung bezieht. Und so schließt sich mit seinem Abschlussvortrag auch in dieser Hinsicht ein Kreis. Und danach? Das Beste, was man über eine der prägenden intellektuellen Figuren der späten Bundesrepublik sagen kann ist, dass man schon wieder nicht weiß, was ein Reemtsma tut und was nicht.

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