Lade Inhalte...

Italien Berlusconis Schönste

Das Ex-Nacktmodel Mara Rosaria Carfagna beleidigt als italienische Gleichstellungsministerin Minderheiten.

26.06.2008 00:06
DOMINIK STRAUB
Vom Nacktmodel zur Ministerin - Mara Carfagna. Foto: rtr

Zur schönsten Ministerin der Welt kürte die Bild-Zeitung Mara Carfagna nach ihrer Vereidigung Mitte Mai. Das war ein großes Thema in den italienischen Medien. Der neuen italienischen Gleichstellungsministerin mag das geschmeichelt haben - doch richtig gefreut hat es sie wohl nicht. Denn Mara Carfagna hat ein Problem: Sie möchte nicht mehr als Projektionsfläche für Männerphantasien wahrgenommen werden, sondern als eigenständige, intelligente Frau und Politikerin. "Ein gefälliges Äußeres zu besitzen", erklärte sie in einem Interview mit der Tageszeitung La Stampa vor einigen Tagen, "ist doch kein Verbrechen, keine Schuld."

Natürlich nicht. Und natürlich war es auch nicht ihre Schuld, dass ihr der vierzig Jahre ältere Silvio Berlusconi im Januar 2007 bei einer Preisverleihung zugesäuselt hatte, dass er sie sofort zur Frau nehmen würde, wenn er nicht schon verheiratet wäre. Berlusconis Gattin Veronica war erbost und forderte in der linksliberalen Zeitung Repubblica eine Entschuldigung. Der Rosenkrieg im Hause Berlusconi sorgte auf dem ganzen Globus für Heiterkeit; Mara Carfagna fand ihr Konterfei sogar auf der Frontseite der New York Times wieder. Sie hätte auf ihren internationalen Ruhm gerne verzichtet, meinte sie später.

In Italien war die Schöne aus Salerno freilich schon vorher bekannt: Mara Carfagna hatte 1997 beim Schönheitswettbewerb Miss Italia den 6. Platz belegt und danach eine Karriere als Showgirl im Fernsehen und als Nacktmodel in Männermagazinen begonnen. Daneben studierte die Tochter einer Universitätsprofessorin und eines Schulrektors Rechtswissenschaften und schloss ihr Studium 2001 mit Auszeichnung ab. 2004 stieß sie zu Berlusconis Forza Italia, 2006 wurde sie erstmals ins Abgeordnetenhaus gewählt, in diesem Frühling schaffte sie auf einem sicheren Listenplatz problemlos die Wiederwahl. Die freizügigen Fotos von früher verfolgen sie in die Politik - und entsprechend bereut sie, sich vor der Kamera ausgezogen zu haben: "Darauf bin ich nicht stolz", gestand sie in La Stampa.

Sie gibt sich als Katholikin

Dass Berlusconi das ehemaligen Nacktmodel in seiner nunmehr dritten Regierung ausgerechnet zur Gleichstellungsministerin machte, empfand man nicht nur in der Opposition als Fehlbesetzung; auch im Mitte-Rechtslager rümpfen einige die Nase. Der Personalentscheid belege das völlige Desinteresse Berlusconis am Thema Gleichberechtigung, heißt es hinter vorgehaltener Hand in Rom. Doch der auf öffentliche Wirkung geradezu versessene Regierungschef war es wohl leid, immer mit seinen finsteren Kabinettskollegen Umberto Bossi und Roberto Calderoli auf Fotos zu erscheinen - nur deswegen habe er die dekorative Carfagna überhaupt ins Kabinett geholt, wird kolportiert.

Die permanente Reduktion ihrer Person auf ihr Äußeres schmerzt die Ministerin. Und so gibt sie nun die Tugendhafte, vertritt die gleichen Positionen wie die italienische Bischofskonfernez. Entsprechend hat sie ihren Aufgabenbereich bisher interpretiert: Vor Diskriminierung geschützt werden muss in ihren Augen in erster Linie die traditionelle Familie. Homosexuelle, das hat Carfagna bereits in den ersten Tagen nach ihrer Vereidigung klargemacht, brauchen keinen besonderen staatlichen Schutz. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften bezeichnete sie als "sozial gefährlich", Schwulen und Lesben empfahl das ehemalige Pin-Up-Mädchen, "nicht zu exhibitionistisch aufzutreten". Vielleicht hat die Fixierung der gläubigen Katholikin auf das traditionelle Familienbild mit ihrer eigenen, gescheiterten Ehe zu tun: "Ich habe deswegen große Schuldgefühle", bekannte sie in einem Interview.

Politisch rückt sie von klassischen Positionen der Gleichstellungspolitik ab - so ist sie etwa gegen Frauenquoten. "Ich bin selber das beste Beispiel dafür, dass sie nicht nötig sind", erklärt sie - und unterschlägt dabei, dass sie ihre gesamte politische Karriere einzig und allein ihrem Mentor Berlusconi zu verdanken hat. Dessen frühere Gleichstellungsministerin, Stefania Prestigiacomo, hatte noch mit Herzblut für die Einführung der "rosa Quoten" gekämpft und musste sich deswegen von ihren männlichen Ministerkollegen - Berlusconi eingeschlossen - anhören, Frauen gehörten in die Küche und ins Schlafzimmer, nicht in die Politik. Die Sizilianerin Prestigiacomo ist ebenfalls eine attraktive Frau - sie hat sich aber mit ihrem überzeugenden und emanzipierten Engagement am Ende nicht nur in den eigenen Reihen, sondern auch beim politischen Gegner großen Respekt verschafft. Den muss sich Mara Carfagna erst noch erarbeiten.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum