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Istanbul Kirchenneubau in der Türkei genehmigt

Eine Sensation: Die Türkei erlaubt erstmals seit Gründung der Republik einen Kirchenneubau.

Istanbul
Blick auf Istanbul. Foto: afp

Im Vatikan rieb man sich erstaunt die Augen, als die Nachricht die Runde machte, dass die Türkei den ersten Kirchenneubau seit der Gründung der Republik im Jahr 1923 genehmigt hatte. „Eine kleine Sensation“, urteilte die päpstliche Online-Nachrichtenseite Vatican News. Es ist eigentlich eine große Sensation. Zwar durfte die christliche Minderheit ihre Kirchen meist renovieren – ein Neubau wurde jedoch noch nie erlaubt. Jetzt hat die Stadtverwaltung von Istanbul fast ein Jahrhundert nach dem Bau der letzten Kirche in der Türkei erstmals wieder Plänen für die Errichtung eines Gotteshauses zugestimmt. 

Die neue syrisch-orthodoxe „Mor-Efrem-Kirche“ wird demnach im Istanbuler Viertel Yesilköy auf der europäischen Stadtseite entstehen, nahe dem internationalen Atatürk-Flughafen. Der zuständige Bürgermeister des Stadtbezirks Bakirköy, Bülent Kerimoglu, genehmigte das Projekt nach einem Treffen mit dem syrisch-orthodoxen Metropoliten Yusuf Cetin am Mittwoch. Die Bauarbeiten sollen im Februar beginnen, das Sakralgebäude soll in zwei Jahren fertig sein und rund 700 Gläubigen Platz bieten. 

Die christlichen Assyrer oder Aramäer stammen historisch aus dem antiken nördlichen Mesopotamien, siedelten sich später in der heutigen Provinz Mardin im Südosten der Türkei an. Sie sprechen einen Dialekt des Aramäischen, eine der ältesten Sprachen der Welt. Ihre Gemeinschaft umfasst noch maximal 25 000 Menschen, von denen rund drei Viertel inzwischen in Istanbul leben. Bisher hatten sie nur eine Kirche im zentralen Stadtbezirk Beyoglu, was für viele Gläubige lange Anfahrtswege bedeutete. Mit dem Neubau reagiert die Türkei auch auf die steigende Zahl christlich-orthodoxer Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak. Die Stadt Istanbul schlägt damit zugleich eine Brücke der Versöhnung in die Vergangenheit und sendet ein Signal, dass Christen im Land willkommen sind.

Religionsfreiheit steht in der Verfassung

Zwar garantiert die Verfassung der zu 99 Prozent muslimischen Türkei allen Bürgern Religionsfreiheit. Doch in der Folge des Völkermords an den Armeniern und Aramäern 1915, dem Bevölkerungsaustausch mit Griechenland in den 1920ern und des antigriechischen Pogroms in Istanbul 1955 verließen die meisten Christen das Land. Betrug ihr Anteil an der Bevölkerung 1914 noch fast 20 Prozent, so ist er heute mit rund 120 000 Gläubigen auf weniger als ein halbes Prozent gesunken. 

Fast alle Christen der Türkei gehören orthodoxen Gemeinschaften der ethnischen Minderheiten der Griechen, Armenier und Assyrer an. Bis heute leiden sie unter Einschränkungen etwa bei der Priesterausbildung; viele bedeutende Kirchenbauten wie die weltberühmte Hagia Sophia in Istanbul wurden enteignet, zu Moscheen oder Museen umgewidmet. Die türkische Regierung greift regelmäßig in die Auswahl der orthodoxen Kirchenführer ein und erwartet unbedingte Loyalität. Der sogenannte „tiefe Staat“ wird für die Ermordung mehrerer christlicher Priester und Missionare wie des italienischen katholischen Paters Andrea Santoro 2006 und des deutschen Protestanten Tilman Geske 2007 verantwortlich gemacht. 

Andererseits können Christen in bestehenden Gemeinden ihre Religion offen ausüben. Viele Touristen aus Europa sind überrascht, wenn sie durch alte Stadtviertel von Istanbul wie Beyoglu oder Balat flanieren: allenthalben Kirchen, und viele werden von Gläubigen genutzt. Auch blieb das Hauptpatriarchat der gesamten östlichen orthodoxen Kirche nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 bis heute am Bosporus und übt politische Macht aus. So erklärte der Ökumenische Patriarch Bartholomäus I. am vergangenen Wochenende die ukrainisch-orthodoxe Kirche in einer feierlichen Zeremonie offiziell für selbständig und trennte sie damit vom Moskauer Patriarchat – ein Schritt mit geopolitischen Konsequenzen.

Obwohl bereits der frühere Ministerpräsident Ahmet Davutoglu 2015 eine neue Kirche für die Assyrer in Istanbul genehmigt hatte, waren die Pläne wegen Landstreitigkeiten nie vorangekommen. Inzwischen konnte der Konflikt unter Vermittlung staatlicher Stellen beigelegt werden. Der assyrische Metropolit Yusuf Cetin dankte ausdrücklich Präsident Recep Tayyip Erdogan und anderen hochrangigen Beamten für ihre Unterstützung, und er beteuerte pflichtgemäß die historisch oft bezweifelte Loyalität der christlichen Gemeinschaften zum Staat. „Trotz der Herkunft aus verschiedenen Religionen und ethnischen Wurzeln schlagen alle Herzen für unsere Türkei“, sagte er der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu. „Wir sind stolz darauf, in diesem Land unter türkischer Flagge zu leben.“

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