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Israel Uri Avnery - ein Optimist für den Frieden

Er war Bestsellerautor und kritischer Journalist, Knesset-Abgeordneter und Friedensaktivist. Jetzt ist der als Helmut Ostermann in Deutschland geborene Israeli Uri Avnery im Alter von 94 Jahren gestorben.

Uri Avnery
Uri Avnery, der große israelische Friedensvorkämpfer, ist gestorben. Foto: dpa

„Pessimismus ist immer bequem, dann braucht man nichts zu machen“, meinte Uri Avnery einmal, der große israelische Friedensvorkämpfer. Das war vor vier Jahren, anlässlich seines 90. Geburtstags. Er saß in seiner Tel Aviver Wohnung mit Blick aufs Mittelmeer, das Haar so schlohweiß wie sein Bart, an dem man ihn, den Unermüdlichen, bei Protestaktionen schon so oft von weitem erkannt hatte, und hielt ein Plädoyer, warum es doch nichts anderes geben könne als eine Zwei-Staaten-Lösung, an die er, ein überzeugter Atheist, glaubte.

Aktiv blieb Uri Avnery, der im September 95 Jahre alt geworden wäre, nahezu bis zuletzt. Wöchentlich schickte er seine bissig pointierten Kolumnen über einen Online-Verteiler von Gusch Schalom raus, den linken Friedensblock, der in Israel als linksradikal gilt, dem aber Avnery seine unverzichtbare Stimme lieh. Seine kritischen Kommentare zum Zeitgeschehen, gespickt mit Lebenserfahrung, historischem Wissen und gewürzt mit viel Spott und Ironie, waren Pflichtlektüre für alle, die angesichts des zunehmend verqueren Nahostkonflikts die Hoffnung auf einen gerechten Frieden zwischen Israelis und Palästinensern nicht aufgeben wollen. Was sagt denn Avnery dazu, lautete eine Frage, die ungezählte Male fiel, wenn in Wohnzimmerdebatten über Netanjahus Nationalitätsgesetz oder Gaza und die Hamas gestritten wurde.

„Optimi“, hebräisch für Optimist, heißt auch seine Biografie, gepackt in zwei dicke Bände, die er im hohen Alter schrieb. Die wichtigsten Stationen seines wechselvollen Lebens, das am Montag in Tel Aviv verlosch, lässt sich denn auch nur stichwortartig in einem Nachruf nennen. Es begann in Beckum in Westfalen, wo er 1924 als Helmut Ostermann, Sohn einer jüdisch-deutschen Bankiersfamilie, zur Welt kam. Unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung – der junge Avnery drückte da gerade mit Rudolf Augstein die Schulbank eines Gymnasiums in Hannover – beschloss der Vater die Auswanderung nach Palästina.

Uri, der seinen Namen alsbald hebräisierte, war sofort von dem neuen Land angetan. „Es war Liebe auf den ersten Blick“ schilderte er im Rückblick die Ankunft im quirligen Hafen von Jaffa. Als begeisterter Zionist schloss er sich, gerade 15 Jahre alt, der rechtsextremen Untergrundgruppe Irgun an und wechselte, noch bevor er im Unabhängigkeitskrieg verletzt wurde, ins ultralinke Lager. Weil, wie er bekannte, „den Arabern die gleichen nationalen Rechte zustehen wie uns Juden“. Ein Satz, der zur politischen Maxime seines weiteren Lebens werden sollte. Früh wurde er zum Vordenker eines palästinensischen Staates an der Seite Israels.

Eine Überzeugung, für die er als jahrzehntelanger Chefredakteur eines gegen das Establishment gerichteten Magazins und später als linker Knesset-Abgeordneter eintrat. Bereits in den siebziger Jahren knüpfte dieser politische Avantgardist Kontakte zur PLO, der Palästinensischen Befreiungsorganisation. Avnery traf auch mit Jassir Arafat 1982 in Beirut zusammen, während des israelischen Libanonkriegs. Zum ersten Mal traf ein Israeli allen strafrechtlichen Verboten zum Trotz den  Erzfeind. Es war der Beginn einer anhaltenden Freundschaft. „Dabei ging es mir nicht darum, Arafat salonfähig zu machen, sondern die Existenz des palästinensischen Volkes anzuerkennen“, meinte Avnery.

Der 1993 geschlossene Friedensvertrag von Oslo schien ihm Recht zu geben, bis die zweite Intifada im September 2000 ausbrach und Arafat wieder zum „Enfant terrible“ wurde in den Augen der israelischen Mehrheitsgesellschaft. Nicht für Avnery. Er, zusammen mit seiner langjährigen Ehefrau Rachel, eilte nach Ramallah, um Arafat in der von israelischen Truppen belagerten Mukata, dem Hauptsitz der PLO, über Wochen hinweg beizustehen. Für ihn blieb der umstrittene PLO-Führer der einzige mit genug Charisma, um einen Frieden durchzusetzen.

Propheten, so sagt man, gelten nichts im eigenen Land. Den alternativen Nobelpreis erhielt Avnery so wie zahlreiche Auszeichnungen in Deutschland und der Welt, aber nie den renommierten Israel-Preis. Sein Land liebte er dennoch. Auch wenn er den ersehnten Frieden nicht erlebte, Uri Avnery war  bis zu seinem Tod ein Optimist.

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