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Israel Das Recht auf Vertreibung

Avigdor Liebermann ist ein Schläger und Volksverhetzer. Benjamin Netanjahu sollte sich schämen, wenn er sich auch nur vorübergehend mit ihm einlässt. Von Christopher Hitchens

03.03.2009 00:03
Von CHRISTOPHER HITCHENS
Avigdor Lieberman, Anführer der rechtsextremen israelischen Partei Yisrael Beiteinu party, zu Besuch im südisraelischen Ashkelon im Februar 2009. Foto: rtr

Ein vertrauenswürdiger Freund und Kollege schwört, dass er vor ein paar Jahren in den von Israel besetzten Gebieten Zeuge des folgenden Vorfalls wurde: Ein palästinensischer Arzt, der einen dringenden Termin wahrnehmen musste, bemühte sich, den gänzlich desinteressierten Wachposten an einer Straßensperre davon zu überzeugen, ihn passieren zu lassen. Zunächst versuchte er es auf Hebräisch, das viele Araber fließend beherrschen, bekam aber keine Antwort. Dann ging er zu Englisch über, das so etwas wie die lokale Lingua Franca ist, doch hatte auch damit keinen Erfolg. Nach einem unerfreulichen Moment von beiderseitigem Unverständnis wurde klar, dass der israelische Soldat nur das Wort Nein kannte, und die einzige Sprache, die er beherrschte, Russisch war.

Worte wie Okkupation und Zwangsenteignung hört man ständig, aber stellen Sie sich mal ein Leben unter Besatzung vor, wo der unfreundliche Wachtmeister auf Streife weder die Sprache des Landes spricht, dem er dient, noch irgendeine andere Sprache, die Sie sprechen.

Übrigens liegt es im Bereich des Möglichen, dass der Soldat nicht einmal Jude war. Es ist ein offenes Geheimnis in Israel, dass Zehntausende von russischen Einwanderern, um ihre Heimat verlassen zu können, gefälschte Papiere benutzten und ihr angebliches "Rückkehrrecht" in Anspruch nahmen. Eine weitere Beleidigung für die, deren Ur-Ur-Großeltern in Palästina geboren wurden, die dort jetzt aber lediglich "geduldet" werden.

Andererseits kann der ehemalige Türsteher aus dem ehemals sowjetischen Moldawien Avigdor Lieberman sich völlig rechtmäßig im Heiligen Land niederlassen und Vorsitzender einer Partei werden, die fordert, dass nicht nur israelische Araber, sondern auch alle Juden, die zwar orthodoxen, aber nicht erklärtermaßen zionistischen Sekten angehören, einen "Loyalitätseid" auf den Staat Israel ablegen sollen. Und ausgerechnet diese groteske Partei namens Israel Beiteinu ("Israel, unser Zuhause") steht nun in einer Schlüsselposition der Macht mit ihrem Vorsitzenden als Königsmacher bei den Wahlen.

In seiner Anfangszeit als junger Einwanderer in Israel war Lieberman kurz Mitglied der Kach-Partei, einer extremistischen Organisation angeführt von Rabbi Meir Kahane, die ein morbides Interesse am Sexualleben der Araber hatte und lautstark ihre Vertreibung - oder, wie es auch heißt, "Umsiedlung" - forderte.

Inzwischen hat er seinen Standpunkt etwas verfeinert und tritt für eine Umverteilung von Gebieten und Menschen ein, die fast auf eine Zwei-Staaten-Lösung hinausliefe. Aber wie jeder Vorschlag dieser Art beließe auch dieser eine große Anzahl von Arabern unter israelischer Führung, sei es im Westjordanland oder im "eigentlichen" Israel.

Ich bezweifele, dass Lieberman ernstlich an dem Konzept "Land für Frieden" interessiert ist. Er hat sich ja sogar mit Ariel Sharon über den Abzug aus Gaza gestritten. Wenn es nach ihm ginge, wären wahrscheinlich noch immer israelische Siedler in der Region.

Er schlug in der Diskussion einen härteren Ton an, indem er das Aufenthaltsrecht der israelischen Araber in Frage stellte, die im Gegensatz zu ihren unter der Besatzung lebenden Verwandten die Staatsbürgerschaft inne haben, das Wahlrecht genießen und unter israelischer Flagge leben dürfen.

Das beste Buch über diese hochinteressante, aber vernachlässigte Gemeinschaft stammt von dem israelischen Schriftsteller David Grossman aus dem Jahr 1992 und trägt den Titel "Sleeping on a Wire". Es bietet erhellende Einsichten, wie etwa die Überlegung, dass möglicherweise mehr israelische Araber Hebräisch sprechen als etwa amerikanische Juden, und außerdem einige sehr interessante Betrachtungen über Sprache und deren Einfluss auf Literatur und Kultur.

Wir wissen alle, dass Maimonides auch auf Arabisch schrieb, aber folgendes ist vielleicht weniger bekannt: "Die Alltagssprache der palästinensischen Israelis ist gespickt mit Aussprüchen aus der Bibel und dem Talmud, mit Zitaten von Bialik, Rabbi Jehuda Helevi und Samuel Agnon. Der Dichter Naim Araideh ruft aus: ‚Verstehst Du, was es für mich bedeutet, auf Hebräisch zu schreiben? Weißt Du, was es heißt, in der Sprache zu schreiben, in der die Welt erschaffen wurde?'"

Etwas übertrieben vielleicht, aber die Tatsache bleibt bestehen, dass dem israelischen Araber Emile Habibi, Marxist und Autor des klassischen Romans "Der Peptimist oder Von den seltsamen Vorfällen um das Verschwinden Saids des Glücklosen" der Israel-Preis für hebräische Literatur verliehen wurde.

Man mag anführen, dass diese Menschen, in Jaffa und anderen Städten, von den Raketen der Hamas und Hisbollah genauso betroffen sind wie die Drusen und Armenier in Israel. Die verschiedenen Seiten, von denen aus Ansprüche auf das Land Palästina gestellt werden, sind auf komplexe Weise miteinander verknüpft. Es ist ein sehr starkes und dennoch feines Gewebe, geknüpft aus sowohl uralten als auch modernen Fäden.

Deswegen war Grossman so niedergeschlagen, als er am Ende seines Buches feststellte, dass selbst den erfolgreichen und wohlhabenden israelischen Arabern das Jahr 1948 noch gut in Erinnerung war und dass sie alle sich nicht sicher fühlten und insgeheim befürchteten, dass ihre Ausweisung wieder gefordert werden könnte. Im Jahr 1993 fühlte er sich bis zu einem gewissen Grad in der Lage, sie dahingehend zu beruhigen.

Jetzt müssen wir also zusehen, wie ein Schläger und Volksverhetzer an die Macht kommt, der lautstark für die Hinrichtung von gewählten arabischen Parlamentsmitgliedern eintritt, wenn sie mit der Hamas verhandeln, der fordert, dass palästinensische Gefangene im Toten Meer ertränkt werden, dessen Anhänger durch die Straßen ziehen und "Tod den Arabern" skandieren, und der im Grunde die schlimmsten Befürchtungen jener Araber wahr werden lässt, die sich schon seit so langer Zeit mit dem jüdischen Staat arrangiert haben.

Avigdor Liebermans totalitärer Führungsstil zeigt sich aber noch deutlicher, wenn er darauf beharrt, dass nicht-zionistische ultraorthodoxe Juden entweder den Treueeid auf den Staat Israel schwören oder ihre Staatsbürgerschaft aufgeben sollen.

Das läuft diametral der Vorstellung entgegen, dass die Juden seit Anbeginn der Zeiten in Jerusalem ansässig gewesen seien und ihr Anrecht auf das Land daher nicht abhängig sei von einem Staat oder einer Ideologie. Benjamin Netanjahu sollte sich schämen, wenn er sich auch nur vorübergehend mit Lieberman einlässt. So fragwürdig das "Rückkehrrecht" schon sein mag, es beinhaltet auf keinen Fall ein "Vertreibungsrecht".

Übersetzung: Andrian Widmann

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