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Islam Was ist ein liberaler Islam?

Muslime müssen den Extremisten in ihren Reihen die Stirn bieten. Doch viele islamischen Gläubigen aus dem selbsternannten „liberalen“ Lager haben die Tür für den Dialog zugeschlagen.

06.10.2016 17:03
Muhammad Sameer Murtaza
Muhammad Sameer Murtaza: „Man muss sich mit dem Koran als Ganzes auseinandersetzen. Gleiches gilt für das Leben Muhammads.“ Foto: rtr

Das geistige Leben der muslimischen Community in Deutschland blüht – allein die kontroversen Debatten um den „liberalen Islam“ verdeutlichen dies. Dabei ist die Bewegung des „liberalen Islam“ durchaus heterogen. Angefangen vom Liberal-Islamischen Bund und seiner prominentesten Sprecherin Lamya Kaddor bis hin zu dem Theologen Mouhanad Khorchide und dem Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi.

Die angeblichen und niemals nachgewiesenen Plagiatsvorwürfe Ourghis gegen Khorchides Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ zeigen indessen auch, dass im „liberalen“ Lager mitunter illiberal gekämpft wird um die Auslegung dessen, was der „liberale Islam“ eigentlich sein soll. Gemeinsam ist der „liberalen“ Szene, dass sie sich scharf von der Mehrheit der hiesigen muslimischen Community abgrenzt. Lamya Kaddor übertrug einst auf die Moscheen- und Verbändelandschaft des Islam in Deutschland den Begriff konservativ, womit in der deutschen Islamdebatte rückschrittliche Eigenschaften assoziiert werden.

Unaufgeklärte Imame?

Während Ourghi heutzutage den Imamen Deutschlands pauschal unterstellt, einen unaufgeklärten und nichthumanistischen Islam zu lehren, der nicht nach Deutschland passe. Gefühlt mag ein Großteil der nichtmuslimischen Bevölkerung dieser Behauptung zustimmen, aber belegt wird sie an keiner Stelle. Wenn Ourghi in einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ schließlich mit der Äußerung durchkommt, die Dachverbände würden in den Gemeinden zum Teil heimlich den Gottesstaat lehren, ohne diese gewichtige Behauptung zu beweisen, so merkt man, dass in der Islamdebatte etwas gehörig schiefläuft.

Es werden seitens „liberaler“ Muslime Assoziationstechniken angewendet, bei denen es nicht nur darum geht, gegnerische Lager zu schaffen, sondern diese mit eindeutigen Begriffen so zu markieren, dass die Gegenseite im gesellschaftlichen Dialog als staatsfeindlich ausgegrenzt wird.

Auf diese Weise haben die „liberalen“ Muslime von Beginn an die Tür zum Dialog mit der Mehrheit der Muslime, die sie ja reformieren wollen, mit großem Knall zugeschlagen. So wird aus dem Dialog ein Monolog. In den sozialen Netzwerken spricht man nicht miteinander, man schimpft aufeinander. Der kahlköpfige Ourghi wird als Kojak lächerlich gemacht. Während er selber seine Kritikerin, die Bremer Islamwissenschaftlerin Caroline Neumüller, machohaft mit der Empfehlung, sich doch lieber um ihren Sohn und Ehemann zu kümmern, in die Schranken weist. Das Ganze wird dann noch durch ein herabwürdigendes „Schätzchen“ abgerundet.

„Liberale“ Muslime erstellen auf Facebook regelrechte Fahndungsblätter, auf denen prominente Muslime wie Aiman Mazyek in die Islamistenecke gerückt werden. Selbst Lamya Kaddor blieb nicht verschont. Ourghis Gruppe Säkulare Muslime hatte in der vergangenen Woche einen diffamierenden Artikel über Kaddor gepostet, sich dann aber nach massiver Kritik wiederum von dem Post distanziert und ihn gelöscht. Dass eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig denunziert, langfristig nicht überleben kann, scheint den „liberalen“ Muslimen hierbei zu entgehen.

Aber wofür plädiert der Leiter des Fachbereiches Islamische Theologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg eigentlich? Ourghi wirbt für eine tiefgreifende Reform, die am Koran ansetzt. Dem Theologen bereitet es Kopfschmerzen, dass die medinensischen Suren des Koran die Anwendung von Gewalt legitimieren. Ourghi ist wenig daran interessiert, den Kontext dieser Verse näher zu bestimmen, ob sie im Rahmen der Selbstverteidigung der verfolgten muslimischen Urgemeinde oder im Sinne eines Angriffskrieges zwecks Expansion zu verstehen sind. Was ihm Sorgen bereitet, ist allein die Gefahr, dass sie durch Extremisten zur Legitimation ihrer Gewaltakte herangezogen werden können. Daher lautet sein Vorschlag, alle medinensischen Suren einfach für ungültig zu erklären. Dann könnten sich Extremisten nicht mehr auf diese beziehen.

Unreflektierte Modernisierungsvorschläge

Dies klingt zunächst einmal wie die Lösung schlechthin für das derzeitige Gewaltproblem im Islam. Und so verwundert es, dass Ourghi in Deutschland mit seinem Vorschlag alleine dasteht. Kein muslimischer Theologe springt ihm hier zur Seite, während er für die Medien zum Ansprechpartner der Stunde und Repräsentant eines liberalen Islam geworden ist.

Dies mag vielleicht daran liegen, dass Ourghis Idee nicht wirklich durchdacht ist. Das ist nicht verwunderlich, hat er doch zu dieser Thematik bisher auch noch nie geforscht.

Wenn die medinensischen Suren ohne jeden Wert sind, dann wäre es nur konsequent, eine neue Edition des Koran zu veröffentlichen, eine Art Koran 2.0, der nur noch aus den mekkanischen Suren besteht. Desweiteren würde die Ausklammerung der medinensischen Wirkzeit Muhammads dramatische Folgen für Ritus und Ethik des Islam haben. Die Gebetsrichtung nach Mekka wurde in Medina bestimmt, zuvor beteten die Muslime gen Jerusalem. Das Fasten im Monat Ramadan, die Almosensteuer und der Pilgerfahrtritus stammen ebenso aus der Zeit in Medina. Mit seinen unreflektierten Vorschlägen hat Ourghi mit einem Male drei der fünf Säulen des islamischen Ritus eingerissen.

Ebenso hätte der Verzicht auf die medinensischen Suren erhebliche Auswirkungen auf die muslimische Ethik. Die Formulierung der Goldenen Regel im Islam (Sure 2, Vers 279), die Aufforderung zur religiösen Toleranz (Sure 2, Vers 69 u. 256), die Vorstellung, mit Juden und Christen eine monotheistische Glaubensgemeinschaft zu bilden (Sure 3, Vers 64), bis hin zum Gebot der Tischgemeinschaft und der Erlaubnis zur Ehegemeinschaft mit Juden und Christen (Sure 5, Vers 5), alle diese wichtigen Eckpunkte würden im Zuge von Ourghis Reform verloren gehen.

Ein Geniestreich, der keiner ist

Schnell wird klar, dass Ourghis Geniestreich eigentlich keiner ist. Zumal die saubere Aufteilung in mekkanische und medinensische Suren gar nicht möglich ist. Viele der Suren sind ein Konglomerat, bestehend aus mekkanischen und medinensischen Versen. Die Angabe Mekka bzw. Medina gibt vielmehr wieder, wo der Großteil einer Sure offenbart wurde. Dies lernt ein Student der Islamwissenschaften bereits im ersten Semester. Es verwundert, dass Ourghi dies nicht bekannt ist. Ebenso gibt es Suren, bei denen sich die muslimischen Gelehrten uneins sind, ob sie in Mekka oder Medina offenbart wurden. Dies betrifft beispielsweise die erste Sure des Korans, die Muslime täglich im Gebet rezitieren.
Die medinensischen Suren also einfach zu streichen ist nicht der Königsweg. Man muss sich mit dem Koran als Ganzes auseinandersetzen. Gleiches gilt für das Leben Muhammads. Und bevor der nächste Reformer vorschlägt, einfach mit dem Filzstift all jene Verse zu streichen, die missbraucht werden könnten: Der Koran ist eine poetische Rezitation, kein Buch. Verse zu streichen, das würde die Rezitation des Korans zunichtemachen.

Alle Offenbarungs- und weltanschaulichen Schriften bergen in sich ein Gewalt-, aber auch ein Friedenspotenzial. In allen Religionsgemeinschaften gab es immer Phasen, in denen die Offenbarungsschrift missbraucht wurde, um Gewalt zu legitimieren. Aber keine dieser Gemeinschaften hat deshalb jemals ihre Schrift revidiert und neu herausgegeben. Merkwürdig, dass dies aber von Muslimen gefordert wird.

Schriften können immer missbraucht werden

In der muslimischen Gemeinschaft ist man sich der derzeitigen Krise bewusst. Der Islam befindet sich im Würgegriff extremistischer Gruppierungen. Es wird eine Jahrhundertaufgabe der Muslime sein, diesen Extremisten die Stirn zu bieten. Muslimische Gelehrte müssen analysieren, wie und weshalb extreme Auslegungen entstehen, und präventive Maßnahmen ergreifen, wie dies in Zukunft zu verhindern ist. Hierzu gehören die Herausbildung eines kritischen Bewusstseins im Umgang mit religiösen Texten, aber auch realistische Erneuerungsvorschläge, die von der Breite der Muslime mitgetragen werden. Vor allem müssen die muslimischen Martin Luthers lernen, einen Weg zu finden, anständig mit der muslimischen Community zu reden und nicht nur über sie. Wessen Expertentum sich darauf beschränkt, die gute, oftmals ehrenamtliche Arbeit vieler Imame, ganzer Moscheegemeinden und Verbände pauschal zu denunzieren, der darf dann auch nicht klagen, wenn er von ebendiesen nie eingeladen wird. Was die Muslime mehr denn je brauchen, sind Gelehrte, die ernsthafte Grundlagenforschungen betreiben, und keine Medienlieblinge.

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