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Islam und Antisemitismus Der Islam ist nicht pauschal antisemitisch

Antisemitismus unter Muslimen - eine differenzierte Betrachtung tut Not: Eine Replik auf Abdel-Hakim Ourghi von Gastautor Michael Kiefer.

Koran
Studium des Koran. Foto: rtr

Sie fanden insbesondere in Thrakien und Makedonien eine Heimat und führten die jüdische Kultur dort zu einer neuen Blüte. Durch ein Bündel rechtlich-religiöser Regelungen – der Dhimma – gab es je nach Herrschaft mehr oder weniger ausgeprägte gesellschaftliche Integration oder Diskriminierungen. Verfolgungen und Pogrome – so in Granada im Jahr 1066 – bildeten aber eher eine Ausnahme. Der in Princeton lehrende Historiker Mark R. Cohen stellt deshalb auch fest, dass die Juden in islamischen Gesellschaften zwar auch Diskriminierungen erlitten hätten, diese erreichten jedoch nicht das Ausmaß christlicher Judenverfolgungen in Europa.

Darüber hinaus muss geprüft werden, ob wirklich alle von Muslimen verwendeten antisemitischen Narrationen muslimischen Ursprungs sind. Bereits eine oberflächliche Analyse einschlägiger antisemitischer Medienprodukte, die in islamisch geprägten Gesellschaften verbreitet sind, zeigt, dass dies nicht der Fall ist. Zu trauriger Berühmtheit gelangte z. B. die Charta der Hamas aus dem Jahr 1988. Sie verweist auf die „Protokolle der Weisen von Zion“ und konstruiert damit die wirkmächtige Narration einer „jüdischen Verschwörung“. Ins Arabische übersetzt wurden die Anfang des 20. Jahrhunderts im Russischen Kaiserreich erstmalig gedruckten „Protokolle“ im Übrigen durch arabische Christen.

Zu zweifelhaftem Ruhm gelangte auch das antisemitische Machwerk „Fatir Sihyun“ („Matzen Zions“), das aus der Feder des langjährigen syrischen Verteidigungsministers Mustafa Tlas stammt. Hierin wird behauptet, die Juden hätten in Damaskus im Jahr 1840 Ritualmorde begangen. Diese aus dem Christentum stammende Narration bildet in einer modifizierten Form auch den Stoff für die iranische Serienproduktion „Zahras blaue Augen“. Der antisemitische Trash präsentiert Israelis als gierige Organräuber. Ähnlich verfahren auch die Autoren des türkischen Blockbusters „Tal der Wölfe“. Auch in diesem Film wird ein Jude als ein verbrecherischer Organhändler präsentiert.

Die aufgeführten Beispiele zeigen Narrationen, die dem modernen europäischen Antisemitismus oder dem christlichen Antijudaismus entnommen sind. Die muslimischen Erzähler haben sie quasi islamisiert. Genau dies ist eines der zentralen Merkmale des heutigen Antisemitismus. Er ist längst zu einem „flexiblen Code“ geworden, der ohne Probleme mit einer Vielzahl von Ideologiefragmenten oder religiösen Erzählungen verbunden werden kann. Anders formuliert: Heutige Antisemiten gebrauchen antisemitische Argumentationsmuster aus verschiedenen religiösen, kulturellen und historischen Kontexten, die in ihrer Neuanordnung oft inkohärent und widersprüchlich erscheinen. Den Erzählern ist die Herkunft der Stereotype oft nicht bekannt oder wird falsch verortet (z. B. „Die Juden haben unseren Propheten Mohammed umgebracht“).

Gerade dies kann bei muslimischen Jugendlichen beobachtet werden, die in einer wilden Collage Narrationen aus dem Islam mit antisemitischen Klischees verbinden, die nachweislich z. B. aus säkularen europäischen Kontexten stammen. Hier lediglich von einem muslimischen Antisemitismus zu sprechen, trifft nicht den Sachverhalt.

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