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Islam und Antisemitismus Der Islam ist nicht pauschal antisemitisch

Antisemitismus unter Muslimen - eine differenzierte Betrachtung tut Not: Eine Replik auf Abdel-Hakim Ourghi von Gastautor Michael Kiefer.

Koran
Studium des Koran. Foto: rtr

Zunächst das Unstrittige: Der Antisemitismus unter Migranten aus muslimischen Sozialisationskontexten stellt in Deutschland seit vielen Jahren ein Problem dar, das zwar lange Zeit nicht ausreichend gesehen wurde. Seit gut zehn Jahren gibt es jedoch nun schon Maßnahmen und Initiativen wie die Berliner „Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus“, die das Problem angehen. Dennoch besteht insbesondere in schulischen Kontexten weiterhin Bedarf an Maßnahmen, die zu einer Eindämmung antisemitischer Äußerungen und Handlungen führen könnten.

Doch woher kommt dieser Antisemitismus? Der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi hat hierauf eine klare Antwort. Der Koran bilde die „Tiefenschicht des Antisemitismus islamischer Prägung“ und folglich würden Muslime dazu erzogen, „die Juden zu hassen, nicht nur Israel, sondern alle Juden der Welt“ (FR vom 15.12.).

Ourghi begründet diese These unter anderem mit der Aufzählung einiger medinensischer Suren, in denen die Juden in einem äußerst ungünstigen Licht erscheinen. Diese Suren gibt es. Jedoch ist eine eklektizistische und literalistische Lesart des Koran und folglich auch dieser Suren grundsätzlich problematisch. So verfahren die Islamisten, die behaupten, jede Aussage des Koran müsse wörtlich genommen werden und sei allzeit gültig. Die meisten muslimischen Gelehrten lehnen einen derartigen Umgang mit dem Koran ab. Dies ist durch eine reichhaltige exegetische Literatur belegt. Wer seriös argumentiert, muss dies erwähnen.

Hinzu kommt – und dieser Sachverhalt findet bei Ourghi keine Berücksichtigung – es gibt auch Suren, in denen die Juden ganz anders gesehen werden. Wie z. B. in Sure 29,46. „Und setzt euch mit den Leuten der Schrift nie anders auseinander als auf eine möglichst feine Art.“ Ein positives Bild zeichnet auch die Sure 2,62: „Siehe, diejenigen, die sich zum Judentum bekennen, die Christen und die Sabier – wer an Gott glaubt und an den jüngsten Tag und rechtschaffen handelt, die haben ihren Lob beim Herren, sie brauchen keine Furcht zu haben und brauchen nicht traurig sein.“

Zusammenleben von Muslimen, Juden und Christen

Die islamischen Traditionsquellen sind in Bezug auf Juden und Christen widersprüchlich und begründen keine allgemeine und permanente Judenfeindschaft. Anders als im Christentum mit seiner Anklage des Gottesmordes, hat es im Islam keinen Vorwurf des Prophetenmordes an die Juden gegeben. Auch hat sich der Islam nie als Erfüllung und Ersetzung des Judentums verstanden. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass es in der 1400 Jahre andauernden islamischen Geschichte vielerorts ein weitgehend konfliktarmes Zusammenleben von Muslimen, Juden und Christen gab. Unvergessen ist der Zuzug sephardischer Juden in die Städte des Osmanischen Reiches nach dem Alhambra-Edikt 1492, welche die christliche Reconquista zum Abschluss brachte.

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