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Islam Kein Glaube ohne Reflexion

Ist der Islam für all die Gewalt verantwortlich, die derzeit die Debatten bestimmt? Ein Plädoyer für einen Islam fernab von Formalismus und Ritualismus.

15.12.2016 16:10
Bülent Ucar
Gemeinsam im Koran lesen: Lehrer und Schülerin. Foto: epd-bild/Stefan Trappe

Nach meiner Einschätzung besteht religions- und kulturübergreifend darüber Konsens, dass die muslimische Gemeinschaft gravierende Probleme hat. Diese weg- oder kleinzureden, hilft gewiss nicht. Doch wenn der Islam tatsächlich für all die Gewalt, das Elend, die Rückwärtsgewandtheit und den Starrsinn, für Unterdrückung von Frauen und Intoleranz verantwortlich ist, warum hängen dann so viele Menschen weiterhin an dieser Religion? Sind sie etwa masochistisch veranlagt, alle unwissend und unmündig oder gar bewusst bösartig? Oder unterscheidet sich ihre religiöse Orientierung vielleicht vom Verständnis jener religiösen Extremisten, die in den westlichen Medien heute dominieren? Und wenn ja: Worin unterscheiden sie sich von ihnen?

Ein Blick in die Phase nach der sogenannten Blütezeit des Islam an Orten wie Bagdad und Andalusien zeigt uns, dass viele Gelehrte, wie Avicenna, al-Ghazali, Averroes, Razi, Rumi, Ibn Arabi u. v. m., auch wenn sie untereinander teils harte Auseinandersetzungen führten, ein Religionsverständnis besaßen, das fernab von Formalismus und Ritualismus durch die Suche nach Wahrheit und die Hingabe zu Gott geprägt war. Liebe und Barmherzigkeit gegenüber den Menschen galt in der Darstellung vieler maßgebender Autoren als selbstverständlicher Ausdruck dieser Haltung.

Suche nach Wahrheit und Hingabe zu Gott

Die Betonung von Tugend und Ethos diente in vielen aufgeschlossenen Frömmigkeitsmilieus jener Zeit als goldene Regel. Eine Loslösung der gottesdienstlichen Handlungen (ibadat) von den Tugenden (akhlaq) wäre als Widerspruch in sich verstanden worden, war doch die Religion dazu da, die guten Sitten, das Benehmen und den Charakter zu stärken.

Genau hier, also beim Streben nach Vertiefung und Internalisierung von Ethos, Tugenden und Werten, wozu rechtsstaatliche Errungenschaften und Garantien zählen, müssen Muslime heute wieder ansetzen. Maßgeblich ist auch das Ideal der Einheit der Gemeinschaft in einer Pluralität, die einerseits von Ordnung und andererseits von Toleranz gegenüber abweichenden Denkweisen und Praktiken geprägt sein muss.

Keine Religion kommt aus ohne die Bemühung um spirituelle Reinheit, die eine persönliche Dimension von Läuterung (tazkiya) und Erziehung (tarbiya) sowie eine weitergehende kulturelle Dimension hat, die Ästhetik, Literatur und Kunst einschließt und sie zugleich prägt.

Wer seine Religion ernst nimmt, wird sich dem interreligiösen und interkulturellen Austausch nicht verschließen können. Ohne das griechische, persische, indische und ägyptische Erbe hätte es wohl den Islam als Fortführung der jüdisch-christlichen Tradition gegeben, aber nicht als eigenständige Kultur und Zivilisation in ihren vielfältigen Ausformungen. Muslime haben sich in Kooperation mit jüdischen und christlichen Gelehrten von diesen antiken Kulturen beeinflussen und befruchten lassen, ohne diese einseitig zu kopieren oder sich ihnen zu verschließen, und sie haben ebenso auf andere Kulturkreise maßgeblich eingewirkt, auch wenn das heute in Zeiten eines erstarkenden Rechtspopulismus ungern erwähnt wird.

Zwar wissen Fachleute um die Rolle von jüdischen, christlichen und muslimischen Gelehrten wie Maimonides, Thomas von Aquin, Averroes, Avicenna, um die vom muslimischen Madrasa-System beeinflusste Konstituierung der Universitäten in Europa (Bologna, Paris, Oxford) und um den wechselseitigen Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse und philosophischer Lehren; in der allgemeinen Öffentlichkeit werden diese Dinge entweder nicht wahrgenommen oder aber weiterhin unterschätzt.

Wiederbelebung der pluralen Kultur

Benötigt wird zudem ein kritisch-analytischer Geist – aber nicht um sich vom Glauben zu lösen und die Ideale von Bildung und Mündigkeit zur Diskreditierung der Altvorderen zu missbrauchen, wie sich teilweise andeutet, sondern um neu zu erkennen, dass Glaube ohne begleitende Reflexion immer das Potenzial zum Missbrauch hat. Einige der größten Denker der islamischen Geistesgeschichte, die durchaus unterschiedlichen Strömungen angehörten, kamen aus Andalusien. Sie diskutierten kontrovers und vielschichtig, erkenntnis- und glaubensorientiert zugleich. Ibn Hazm beispielsweise galt als eine der bedeutendsten Figuren der literalistischen Schule der textfixierten Darlegung (bayan), Ibn Arabi, bekannt als Scheich al-Akbar, gilt als einer der größten Mystiker, die einen besonderen Schwerpunkt auf die spirituelle Erfahrung (irfan) legen, und Averroes gehörte der philosophisch orientierten Schule des rationalen Beweises (burhan) an.

Eine Wiederbelebung dieser pluralen Kultur – mit Tiefgang, ohne platte Nachahmung und Anbiederung, originär und authentisch, kritisch und analytisch zugleich – könnte zu neuer Belesenheit und einem kulturellen Schub führen. In einer solchen Kultur würde das Wirtschaftsleben zwangsläufig gefördert, da es die einfachen Voraussetzungen für materiellen Fortschritt liefert, nämlich das eigenständige, unabhängige und systematische Räsonieren in einer freiheitlichen, sicheren Grundordnung.

Allerdings müsste der materielle Fortschritt derart qualifiziert werden, dass es nicht das Ziel der Muslime sein kann, zum Westen aufzuschließen, nur um sich an der Zerstörung unserer Umwelt und an den ungerechten Strukturen des Handels gleichberechtigt zu beteiligen. Hier müsste vielmehr eine Alternative zu den negativen Folgen des kapitalistischen Systems und der geistigen Leere der Konsumkultur erarbeitet werden. Muslime könnten erneut einen wichtigen Beitrag zum zivilisierten Zusammenleben der Menschheit leisten, bestehende Vorurteile abbauen und sich dadurch auch neue spirituelle Zugänge zu ihrem Glauben, ihrer Weltanschauung und ihrem Leben eröffnen.

Der materielle Niedergang der islamischen Welt verhindert bei vielen Menschen im Westen einen vorurteilsfreien, neutralen Blick auf den Islam als Religion, aber auch auf den islamisch geprägten Kulturkreis. Die heutige muslimische wie nichtmuslimische Auseinandersetzung mit dem Islam ist stark ideologisch geprägt. Der Islam sinkt immer wieder zu einem bloßen Vehikel für politische und gesellschaftliche Interessen herab. In vielen innermuslimischen Diskursen wird zugleich vergessen, dass der Islam nicht primär auf das Diesseits fixiert ist, sondern das ewige Glück des Menschen im Jenseits im Auge hat. Auch dieser Aspekt verdient stärkere Betonung, will man sich die Argumente und Denkweisen der sogenannten Islamkritiker nicht unbewusst zu eigen machen.

Bülent Uçar ist ordentlicher Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück.

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