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Islam „Im Namen Gottes, des Gnädigen“

Der Islamunterricht muss neu bewertet, das Beiratsmodell der Islamverbände reformiert werden.

Vielfalt der Religionen
Zur Vielfalt der Religion zählen konservative oder orthodoxe, liberale oder nationale Färbungen. Foto: imago

Jüngst wurde mir zugetragen, dass eine junge liberale Muslima in Nordrhein-Westfalen keine Islamlehrerin werden darf. Sie habe die erforderliche, „im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Gnädigen“ zu erteilende Lehrerlaubnis – genannt Idschaza – nicht erhalten. Die Schule, an der sie arbeitet, kann sie daher für den Unterricht nicht einsetzen. Offenbar war die persönliche Haltung der Pädagogin zu ihrer Religion jenem Gremium nicht genehm, das nach dem Willen der Landespolitik über die Idschaza zu befinden hat: dem Beirat für den Islamischen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen.

Er wird dominiert von Vertretern der vier zum Koordinationsrat der Muslime (KRM) zusammengeschlossenen Verbände: der Türkisch-Islamischen Union Ditib, dem Islamrat, dem Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) und dem Zentralrat der Muslime (ZdM), die allesamt seit Jahren wegen ihres konservativen Islamverständnisses kritisiert werden.

Ich selbst musste zu meiner Zeit als Islamlehrerin vor solch einem Gremium antreten, das die frühere rot-grüne Landesregierung 2011 auf den Weg gebracht hatte. Sonst hätte ich den von ihr beschlossenen Übergang vom Schulversuch Islamkunde zum damals bundesweit ersten Islamunterricht nicht mitgehen können. Selbstverständlich hatte ich mir im Vorfeld Sorgen gemacht. Doch die waren in meinem Fall vergleichsweise unbegründet. Wäre ausgerechnet einer Pionierin des liberalen Islams in Deutschland die Idschaza verweigert worden, hätte das wohl einen Skandal gegeben.

Dass liberale oder andere von KRM-Verbänden wie der Ditib oder dem Islamrat abweichende Haltungen einen schweren Stand in den derzeitigen Konstrukten zum Islamunterricht haben, ist aber kein Einzelfall. Ich erfahre häufiger von Mobbing, Gängeleien oder bedenklicher Einflussnahme. Dabei wurde seit jeher eindringlich davor gewarnt, dass es zu Problemen kommen werde, wenn der Staat sich nur auf bestimmten Gruppen wie die im KRM vertretenen Verbände stützt. Doch die Warnungen verhallten ungehört. Ende Juni erst wurde bei der Einrichtung eines Instituts für Islamische Theologie an der Humboldt-Uni in Berlin wieder der gleiche Fehler begangen.

In NRW muss es bis 2019 eine abschließende Evaluation des Islamunterrichts geben. So hatte es Rot-Grün beschlossen. Damit ergibt sich für die jetzige schwarz-gelbe Landesregierung die große Chance, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Es scheint kaum vorstellbar, dass sie einem Verband wie der Ditib auch nach all den Skandalen der jüngeren Vergangenheit weiter eine so exponierte Stellung einräumt wie bisher.

Gewiss war es ein herkömmliches und damit bequemes Verfahrensweise, allein auf den KRM als Ansprechpartner zu setzen, zumal die Islamkonferenz unter den früheren Bundesinnenministern Thomas de Maizière (CDU) und Hans-Peter Friedrich (CSU) genau diesen Weg vorgezeichnet hatte, indem auch sie jene Verbände privilegierte. Im Bund deutet sich nun für die künftige Islamkonferenz unter der neuen großen Koalition eine Abkehr von diesem Irrweg an. NRW sollte dem folgen.

Die Politik kann und darf sich keinen Islam nach Gusto zusammenstellen. Die islamische Gemeinschaft lässt sich institutionell nicht so fassen wie etwas der Katholizismus. Der Versuch mit einem Kalifen ist schon unmittelbar nach dem Tod des Religionsstifters Mohammed gescheitert. Die Vertretung von Muslimen gegenüber dem deutschen Staat kann nicht institutionalisiert werden, sondern lässt sich nur über offene Formen der Repräsentanz verwirklichen. Das Staatskirchenrecht wird über kurz oder lang entsprechend angepasst werden müssen.

Ein Beiratsmodell wie das in NRW ist im Grundsatz schon sinnvoll. Es darf nur nicht gegen die Wesensart des Islams verengt werden. Die reale Vielfalt dieser Religion mit ihren verschiedenen Strömungen und Ausprägungen (Sufis, Schiiten, Sunniten, konservative oder orthodoxe, liberale, nationale Färbungen etc.) ist zu wahren. Ein Beirat muss somit volatil besetzt sein und darf nicht auf formalisierter Zugehörigkeit beruhen. Unterschiedlichste Vertreter müssen Zugangsmöglichkeiten haben, auch Einzelpersönlichkeiten sollten (zumindest beratend) eingebunden sein. Alle Strömungen müssen zu ihrem Recht kommen können. Nur so lässt sich Legitimation erreichen. Unter den gegebenen Bedingungen kann im islamischen Religionsunterricht sowieso nur eine allgemeine Sicht auf den Islam als Glaube vermittelt werden. Für spezifische Ausprägungen einzelner „Konfessionen“ oder Denominationen sind diese selbst verantwortlich. Evangelikale oder Altkatholiken können schließlich auch keinen Anspruch auf eine 1:1-Weitergabe ihrer Dogmatik im christlichen Religionsunterricht erheben.

Beiräte für den Schulunterricht oder Hochschulangebote sind folglich für die verschiedenen Strömungen des Islams zu öffnen, die auf dem Boden des Grundgesetzes stehen, zu öffnen. Nur auf diesem Wege lassen sich alle Muslime zufriedenstellend einbeziehen und Ausgrenzungen wie im eingangs geschilderten Fall verhindern.

Lamya Kaddor, geboren 1978 in Ahlen, ist Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin. 2010 gründete sie den Liberal-Islamischen Bund, dem sie bis 2016 vorstand.

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