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Islam-Debatte Wenn es um den Glauben geht

Ein Gespräch mit der Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger über gesellschaftliche und religiöse Konflikte, und auch darüber, und warum das Christentum und der Islam mit der religiösen Vielfalt ihre besonderen Probleme haben.

26.10.2010 11:51
Gerard ter Borch malte den „Westfälischen Frieden“, das Ende des 30-jährigen Krieges. Foto: rijksmuseum amsterdam

Frau Stollberg-Rilinger, vom Miteinander der Kulturen und Religionen redet es sich so leicht. War es denn jemals leicht?

Zumindest war religiöse Vielfalt historisch gesehen eher die Regel als die Ausnahme. Wer denkt, dass bis zur Reformation vornehmlich homogene Glaubensverhältnisse geherrscht hätten, der ist jedenfalls im Irrtum.

Was wird aus der Vielfalt, wenn die Religionen Absolutheitsansprüche formulieren – in Bezug auf Glaubenswahrheiten ebenso wie auf gesellschaftliche Praxis?

Damit haben Religionen wie das Christentum oder der Islam ein besonderes Problem. Andere Kulte tun sich leicht mit dem Nebeneinander unterschiedlicher Gottheiten, die von unterschiedlichen Gruppen verehrt werden. Erst durch die mosaische Unterscheidung, wie der Ägyptologe Jan Assmann den Absolutheitsanspruch der monotheistischen Religionen nennt, kommen grundsätzliche Konkurrenz und wechselseitiger Ausschluss auf. Das heißt aber wiederum nicht, dass im Alltagsleben keine wechselseitige Duldung möglich gewesen wäre. Die Religionsgruppen haben sich da in historischer Perspektive oft sehr viel pragmatischer gezeigt, als es dogmatisch zu erwarten gewesen wäre.

Wo zum Beispiel?

Die Christen wurden im Osmanischen Reich wesentlich toleranter behandelt als heute in der säkularen Türkei. Die muslimischen Herrscher hatten kein Interesse daran, das religiöse Gewissen ihrer Untertanen zu kontrollieren, solange die ihre Steuern zahlten.

Und im christlichen Abendland?

Da ging es bezeichnenderweise wesentlich härter zu. Im 16. und 17. Jahrhundert, dem konfessionellen Zeitalter, waren kirchliche wie weltliche Obrigkeiten buchstäblich bis aufs Blut bemüht, religiöse Einheitlichkeit herzustellen – mit massiver Ausgrenzung, Unterdrückung und Verfolgung Andersgläubiger. Die konfessionellen Konflikte waren übrigens mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und dem Westfälischen Frieden keineswegs beendet.

Auch dafür ein Beispiel?

Der Rat der Stadt Köln, die als einzige der großen Reichsstädte katholisch geblieben war, fuhr im 17. Jahrhundert eine ganz rigide Katholisierungspolitik. Protestantische Gottesdienste waren verboten. Zuwiderhandlungen wurden mit Geldstrafen und Ausweisungen bestraft. Alle Einwohner wurden gezwungen, zu katholischen Prozessionen beizutragen, indem sie Kerzen aufstellten und Blumen streuten. Das sollte die Protestanten, die solchen „Götzendienst“ nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten, zum Outing zwingen. Und immer ging es dabei neben der Religion mindestens ebenso sehr um Machtpolitik des Rates der Stadt in der Konkurrenz zu den umliegenden, meist protestantischen Territorialherren.

Was lernen wir daraus für die Gegenwart?

Dass man soziale und politische Konflikte möglichst nicht religiös aufladen, von den Bürgern keine Werte- oder Glaubensbekenntnisse verlangen, sondern sich damit zufrieden geben sollte, wenn sie sich gesetzestreu verhalten. Die Gesinnungsherrschaft der Mehrheitsgesellschaft schafft und verschärft Konflikte, weil gesellschaftliche Probleme mit religiösen Fragen verquickt werden – das zeigen die Auseinandersetzungen des 16. und 17. Jahrhunderts in schmerzhafter Deutlichkeit.

Diese Deutung steht im Verdacht der „politischen Korrektheit“: Nicht die Religion ist die Wurzel des Übels, sondern soziale Missstände.

Ein richtiges Argument wird nicht falsch, nur weil es politisch korrekt ist. Für den Historiker ist es jedenfalls mit Händen zu greifen, dass Konflikte relativ gut beherrschbar sind, solange sie nicht zu religiösen Wertekonflikten zugespitzt werden. Solange es um Interessen geht, kann man Kompromisse schließen. Wenn es um den Glauben geht, gibt es keine Kompromisse mehr. Deswegen neigen Glaubenskonflikte viel stärker zur Eskalation und sind viel schwieriger beizulegen.

Konkret wird heute viel über eine Ungleichbehandlung der Geschlechter im Islam gestritten – festgemacht zum Beispiel am Kopftuch oder an der Weigerung muslimischer Eltern, ihre Töchter am Schulsport teilnehmen zu lassen. Kann man aus solchen Streitfällen überhaupt religiös die Luft herauslassen?

Ja, indem man sie auf patriarchalische soziale Strukturen zurückführt, die mit der Religion nur sekundär etwas zu tun haben. Wenn Sie daran denken, dass die Gleichberechtigung der Frauen gegen die katholische Kirche erstritten werden musste und dass die Gleichberechtigung der Katholikinnen in der Ämterstruktur ihrer Kirche bis heute nicht verwirklicht ist – dann kann es doch nicht angehen, die Gleichberechtigung zu einem Exklusiv-Problem des Islam zu erklären, womöglich gar aus den Reihen der Kirche.

Unterschätzen Sie nicht die Wucht des Religiösen in den gesellschaftlichen Konflikten?

Das Religiöse hat diese Wucht nicht zwangsläufig, aber es bekommt sie immer mehr. Die religiöse Aufladung gesellschaftlicher Probleme hat in jüngster Vergangenheit massiv zugenommen: Vor 20 Jahren haben die türkischen Frauen hierzulande keine Kopftücher getragen, heute tun sie es – und zwar um ihren Glauben zu demonstrieren. Das führt umgekehrt dazu, dass sich jetzt Leute auf die jüdisch-christlichen Wurzeln unserer Gesellschaft berufen, die eigentlich alles andere als religiös sind. Da schaukelt sich etwas in gefährlicher Weise auf.

Welche Lösungen hält die geschichtliche Erfahrung bereit?

Die bedeutendste Errungenschaft der Gegenwart ist nichts anderes als der weltanschaulich neutrale Staat. Religion ist eine gesetzlich geschützte Privatsache. Sie darf sich zwar öffentlich artikulieren, unterliegt aber nicht der Einmischung durch die staatliche Gewalt. Diese garantiert vielmehr Freiheit der Religion und damit religiöse Pluralität. Das war ja die notgedrungene Konsequenz aus den Verwerfungen des konfessionellen Zeitalters. Dahinter darf die Gesellschaft unter keinen Umständen zurückfallen. Dass solche Warnungen nicht nur dahingesagt sind, zeigt sich etwa an Umfragen, in denen ein sehr hoher Prozentsatz der Deutschen sich dafür ausspricht, die Religionsfreiheit der Muslime deutlich einzuschränken. Hier stehen Grundrechte auf dem Spiel, und das womöglich noch mit dem Argument, der Koran sei mit dem Grundgesetz nicht vereinbar. Das bitteschön trifft ebenso auf das Alte Testament zu. Daran sehen Sie aber, wie einseitig und selektiv vielfach die Wahrnehmung ist.

Interview: Joachim Frank

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