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IS-Propaganda Terrorbilder müssen boykottiert werden

Die Propaganda- und Schreckensbilder, die der Islamische Staat verbreitet, gehören in den Giftschrank.

Die Kolonnaden von Palmyra im August 2010. Foto: REUTERS

Es ist noch nicht lange her, dass es für Propaganda nur einen Platz gab, und das war der Giftschrank. Wer etwa einen Ausschnitt aus einem Leni-Riefenstahl-Film in einer Fernsehdokumentation zeigen wollte, musste mehr fürchten als nur Post vom Urheberrechts-Anwalt der betagten Regisseurin. Es war die Macht der Bilder, vor der nicht nur Jugendschützer damals eindringlich warnten, gestützt auf die medienwissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Filmproduktion. Bis heute dürfen viele Nazi-Propagandafilme nur unter Vorbehalt gezeigt werden, also beispielsweise begleitet von einer sachkundigen Einführung. Doch Youtube ist nur einen Mausklick entfernt. Keine staatliche Stelle würde dort den Streams von „Triumph des Willens“ oder „Ohm Krüger“ Grenzen setzen.

Eine andere Diskussion scheint derzeit dringlicher: Die Debatte über „Fake News“, gezielt verbreitete Fehlinformation im Internet. Dabei wussten die Nazis, dass Propaganda mehr ist als falsche Informationspolitik. Erst in ihrer emotionalen Ansprache, transportiert von medialen Attraktionen, entfaltet sie ihr ganzes Verführungspotential.

Ebenso arbeitet der IS, doch es vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht Ausschnitte aus seinen Werbevideos in Nachrichtenformaten gezeigt bekäme. Selbst wenn es nur ein paar Sekunden heroisch auftretender Wüstenreiter sind: Die Selbstdarstellung dieser Terroristen hat auch außerhalb der eigenen, islamistischen Klientel die Deutungshoheit übernommen. Wer ein Bild vom IS im Kopf hat, hat ein Selbstporträt dieser Organisation vor Augen. Unabhängige Aufnahmen scheinen kaum zu existieren, oder wenn, dann wirken sie in einem Schneideraum wohl weniger attraktiv.

Auch wenn sich einige Medien immer mal wieder dagegen aussprachen, IS-Propaganda abzubilden, die Terroristen haben ihr Ziel erreicht. Wie wir ja schon von Hitler kaum ein Bild kennen, das er nicht selbst von sich inszeniert hat.

Unmittelbar nach dem 11. September 2001 wurde viel über die Bildgewalt des islamistischen Terroranschlags diskutiert, den der Komponist Karl-Heinz Stockhausen gar mit einem Kunstwerk gleichsetzte. Von Kunst konnte bei dieser menschenverachtenden Tat natürlich keine Rede sein, aber die Terroristen hatten zweifellos ein Bild erschaffen, aber eben ein Bild aus einem der Kunst verwandten Terrain, der politischen Propaganda. Oder, um ein anderes Wort zu gebrauchen, ein Bild der Werbung.

Als solche war die Wirkung ungeheuer, zumal niemand auch nur daran denken konnte, nach einem passenden Giftschrank zu suchen. Vielleicht hätte man damals die Feststellung, 3000 Menschen seien für eine Werbemaßnahme ermordet worden, für banalisierend gehalten, aber heute wissen wir, wie umfangreich die propagandistische Wirkung war. Der 11. September etablierte den islamistischen Terror wie ein Markenprodukt, das potentiellen Dschihadisten als Inspiration diente. Umgekehrt diente dieses Bild westlichen Regierungen bei der Vermittlung militärischer Interventionen oder Sicherheitsgesetze.

Der IS, der 2004 aus der Organisation „al-Qaida im Irak (AQI)“ hervorging, knüpfte methodisch an Osama bin Ladens Medienkrieg an. Die Weltkulturerbestätten von Palmyra wurden um ihrer Bildwirkung Willen zerstört.

Jedes dieser audiovisuell dokumentierten Verbrechen hat die primäre Funktion, für den IS zu werben. Wer nach einem anderen Sinn sucht, läuft Gefahr, sie in ihrer Wirkung zu verharmlosen. Wer in ihnen nach weiteren Botschaften sucht, selbst wenn sie so allgemein vorgebracht sind, wie die eines Angriffs auf westliche Werte, greift zu kurz. Allein die Logik der Werbung hilft hier weiter. Auch wenn die Marlboro-Zigarette vorgibt, für Freiheit und Abenteuer zu werben, wirbt sie doch in erster Linie für sich selbst. Werbung braucht keine weiteren Botschaften und wenn sie diese dennoch transportiert, dann sind sie bestenfalls nachgeordnet.

Auch wenn das Terrorismus-Delikt juristisch die Bezeichnung „schwere staatsgefährdende Straftat“ trägt, dienen die Anschläge des IS nur indirekt der Gefährdung staatlicher Ordnungen. Das unterscheidet den IS-Terror etwa von dem der RAF-Terroristen, die tatsächlich das politische System der Bundesrepublik Deutschland durch ein anderes ersetzen wollten. Wenn Anschläge gleichwohl – wie häufig von Politikern der Staaten, in denen Terroranschläge begangenen werden – als Kriegserklärungen bewertet werden, ist das eine Interpretation, die nicht zuletzt als Begründung für verschärfte Sicherheitsgesetze dient. Doch die primäre Funktion des IS-Terrorismus ist die Eigenwerbung. Dagegen hatten die islamistisch motivierten Morde an Mitarbeitern des Pariser Satiremagazins „Charlie Hebdo“ sehr wohl eine inhaltliche Aufladung, indem sie sich als Vergeltung für islamkritische Publikationen verstanden.

Umso wichtiger ist es, sich zu vergegenwärtigen, dass der islamistische Terror einer solchen Inhaltlichkeit nicht bedarf. Es geht primär um Propaganda und die Provokation von Gegenreaktionen, die eine noch größere Öffentlichkeit für die Verbrechen schaffen. Wer glaubt, die IS-Ideologen wollten den Westen für seine Gottlosigkeit oder Islamfeindlichkeit bestrafen, denkt bereits über die fatale Banalität ihrer Mechanismen hinaus. Im Gegenteil will man den Westen dadurch erst zur Islamfeindlichkeit provozieren – weshalb zahlreiche IS-Anhänger nun Trumps Einreiseverbote gegen Bürger von sieben mehrheitlich islamischen Staaten feiern.

Der „Spiegel“ zitierte aus dem IS-Propagandamagazin „Dabiq“, das 2015 die Strategie erklärte, den Westen zu islamfeindlichken Aktionen zu provozieren: „Die Muslime im Westen werden bald vor die Wahl gestellt: Entweder sie legen ihren Glauben ab, oder sie schließen sich dem ‚Islamischen Staat‘ an, um der Verfolgung durch die Kreuzzügler-Regierungen und ihrer Bürger zu entkommen.“

Jede Gegenreaktion, die Nationalismus oder Islamfeindlichkeit beflügelt, spielt den Terroristen in die Hände. Sie unterschätzt den Schneeballeffekt der Propaganda. Was also kann man tun?

Es ist geboten, propagandistische Inhalte wie das Gefahrgut zu behandeln, das sie sind: Man hebt es nicht auf, man trägt es nicht noch in die Welt. Erst die mediale Vergrößerung potenziert die Wirkung. Nazifilme sperrte man in den Giftschrank, weil man fürchtete, sie könnten auf künftige Generationen weiterwirken. Warum sollten wir IS-Propaganda, und dazu zählen die Anschläge selbst, anders behandeln? Natürlich gehören Nachrichten darüber in die Öffentlichkeit, aber wir geben ihnen zu viel Aufmerksamkeit.

Man wird den islamistischen Terror noch lange als Übel unter anderen Übeln zu ertragen haben. Man muss versuchen, so gut es geht, künftige Anschläge durch Polizeiarbeit zu verhindern, darf aber der Selbstreproduktion der Propaganda kein zusätzliches Forum geben. Erst wer in den Propagandakrieg einsteigt, öffnet die Büchse der Pandora. Wie berechtigt war die Vorsicht, die uns der Umgang mit den Filmbüchsen aus der Nazizeit einmal gelehrt hat.

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