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Iring Fetscher Nachruf Gegen den Fetisch des Wachstums

Bis zum Ende trat er für eine radikale Reform der kapitalistischen Gesellschaft ein: Zum Tode des Sozialphilosophen Iring Fetscher.

Der Politologe Iring Fetscher, hier 2009 bei einem FR-Gespräch im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, ist gestorben.

In den zurückliegenden Monaten waren beunruhigende Nachrichten aus der kleinen Villa gekommen, in der er lebte, im Frankfurter Dichterviertel, umgeben von Zehntausenden von Büchern. Die körperlichen und geistigen Kräfte hatten Iring Fetscher zunehmend verlassen. Am Samstag ist der Doyen der deutschen Politikwissenschaft im Krankenhaus in Frankfurt gestorben, im Alter von 92 Jahren.

Bürgerlich gediegen lebte der Mann, der wie kein anderer versucht hat, den Deutschen Marx und den Marxismus nahezubringen. Von 1963 bis zu seiner Emeritierung 1987 war die Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität gleichsam die Basis für die wissenschaftliche Arbeit des Sozialphilosophen. Er hat Generationen von Sozialwissenschaftlern prägend beeinflusst, von den 50er bis in die 80er Jahre hinein erschienen seine Bücher, die von sich reden machten: „Von Marx zur Sowjetideologie“ (1956), „Karl Marx und der Marxismus“ (1967), „Herrschaft und Emanzipation“ (1976), „Terrorismus und Reaktion“ (1977), „Vom Wohlfahrtsstaat zur neuen Lebensqualität“ (1982). Sein Standardwerk von 1956 erreichte bis heute mehr als 20 Auflagen.

In den jüngsten Jahren hat er sich bestätigt gefühlt in seiner gesellschaftlichen Analyse von der globalen Finanzkrise und ihren Folgen. Marx sei doch aktueller denn je, sagte er noch, als wir uns zu seinem 90. Geburtstag trafen. Sein Marxismus war aber nicht das staatsmonopolistische System der DDR und der Sowjetunion: „Marx wollte Pressefreiheit und Diskussionsfreiheit, sein Motto hieß: Eine künftige Gesellschaft muss freiheitlich sein.“

Er hielt der SPD die Treue

Immer wieder einmal pflegte er mit einem Schmunzeln ein arg abgegriffenes, vergilbtes Dokument hervorzukramen: Sein SPD-Parteibuch aus dem Jahre 1946. Bis zuletzt hielt Fetscher, murrend und protestierend, den Sozialdemokraten die Treue. Bis zuletzt blieb er Berater der SPD-Grundwertekommission. Obwohl er mit einer SPD, die sich immer mehr zur bürgerlichen Mitte hin öffnete, nichts anfangen konnte. Den Parteivorsitzenden nannte er spöttisch nur „den Erzengel“. Der letzte Sozialdemokrat, den er politisch gelten ließ, dem er Respekt zollte, für sein Lebenswerk, war Willy Brandt. Aber den gab es „halt nur einmal“, wie Fetscher konstatierte.

Bis zum Ende trat er für eine radikale Reform der kapitalistischen Gesellschaft ein. Kritisierte vehement die in seinen Augen verfehlte Finanzpolitik der Europäischen Union, die seiner Meinung nach nur die kleinen Leute bestrafte, aber nicht half gegen Korruption und Steuerflucht, die wahren Übel gerade in den Staaten Südeuropas.

Er bekämpfte den Fetisch Wirtschaftswachstum, hielt ihn für das Grundübel der kapitalistischen Gesellschaft. „Wir brauchen kein Wachstum um jeden Preis, sondern bessere Lebensbedingungen für die Menschen.“

Mit dem Dämon gerungen

Er hat seinen Nachlass schon beizeiten geordnet, nach seinem 90. Geburtstag beschlossen, ihn dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach zu überlassen. Denn dort ist er geboren, in Marbach am Neckar, am 4. März 1922. Von dort meldete er sich freiwillig zur Deutschen Wehrmacht. Er hat im Gegensatz zu anderen seiner Generation seine anfängliche Begeisterung für den Krieg, für den Beruf des Offiziers, später nie geleugnet. Im Gegenteil hat er mit dem Dämon dieser Jahre gerungen, am bewegendsten in seiner Autobiografie „Neugier und Furcht – Versuch, mein Leben zu verstehen“ von 1995.

Fetscher geriet in englische Kriegsgefangenschaft, versuchte nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Gewaltregimes in Paris einen neuen Anfang, unterrichtete an einer französischen Schule, verliebte sich in eine 17-jährige Französin. Doch er stieß im Nachbarland auf vehemente Vorurteile, die er nicht überwinden konnte....

Fetscher war sein Leben lang nicht der kühle, rationale Soziologe. Er war ein Mann mit viel Humor und Selbstironie, dem man gerne zuhörte, wenn er in seiner druckreifen Diktion parlierte. Seine ironische Seite zeigte sein populärstes Werk „Wer hat Dornröschen wachgeküsst? Das Märchen-Verwirrbuch“, in dem er mit Motiven klassischer Märchen spielte.

Der Sozialphilosoph arbeitete als Gastprofessor in New York, Harvard, Tel Aviv, Canberra – aber Frankfurt blieb über Jahrzehnte seine Stadt. Hier, sagte er stets, finde er den liberalen Geist, der er brauche.

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