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Iran „Der Sturz des Regimes hat begonnen“

Wenig zu verlieren, viel zu gewinnen: Die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi hofft auf die neue Protestbewegung im Iran. Sie ist nicht mehr aufzuhalten, ist sich Ebadi sicher.

Iran
Bei einer Demo in Paris zur Unterstützung der Proteste im Iran, wird Präsident Hassan Ruhani mit Füßen getreten - oder zumindest ein Plakat mit seinem Porträt. Foto: afp

Wie ist Ihre Lage? Es heißt, der Geheimdienst überwache Sie. Möchten Sie zurück in den Iran?
Nach 2009 wurde ich gezwungen, den Iran zu verlassen. Ich habe meine Memoiren im vergangenen Jahr veröffentlicht. Ich werde strafrechtlich verfolgt, meine Kollegen und Kolleginnen sitzen im Gefängnis. Als die Sache gegen mich losging, war ich im Ausland. Und deshalb hat die Regierung erst meinen Ehemann und meine Schwester ins Gefängnis gesteckt, in der Hoffnung, mich zum Schweigen zu bringen. Ich habe natürlich nicht geschwiegen. Alles, was ich besessen habe, sogar mein Elternhaus, wurde beschlagnahmt und in einer Show-Auktion verkauft. Der Grund, warum ich nicht zurückkehre, ist nicht, dass ich Angst vor dem Gefängnis hätte. Ich war bereits im Gefängnis und ich bin mir sicher, dass ich das aushalten würde. Viel wichtiger ist für mich die Frage, wo ich für das Land nützlicher sein kann. Vom Gefängnis aus würde die Stimme des iranischen Volkes durch mich kein Gehör finden. Aber jetzt bin ich außerhalb des Landes und kann diese Stimme des Iran sein.

Wer ist Ihre Hoffnung, die junge Bevölkerung?
50 Prozent der Bevölkerung im Iran sind unter 30 Jahre alt. Diese jungen Menschen brauchen Arbeit, sie haben aber keine. Die Arbeitslosigkeit ist sehr, sehr hoch. Diese jungen Menschen wollen Freiheit, aber sie haben keine. Deshalb sehen wir im jetzigen Aufstand so viele junge Menschen. Sie wollen das Regime nicht mehr, wollen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Die junge Generation ist ein großes Potenzial für die Zukunft des Landes und ein Schlüssel zum Wandel, auch weil sie sehr auf soziale Fragen achtet. Vor allem die Studentenbewegung ist stark, derzeit sind mehr als 90 Prozent der Inhaftierten Studenten. 

Und Ihre Hoffnung?
Meine Hoffnung ist es, dass diese jungen Menschen die Regierung bekommen, die sie sich wünschen, und zwar eine säkulare Demokratie. Unter dieser Staatsführung würde es keine Diskriminierung wegen des Geschlechts oder der Religionszugehörigkeit geben. Die Verfassung müsste in meinen Augen geändert, Religion und Staat müssten getrennt werden. In diesem Staat hätten die Menschen die Freiheit, nach Maßgabe der Menschenrechte zu leben.

Interview: Michael Hesse

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