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Iran „Der Sturz des Regimes hat begonnen“

Wenig zu verlieren, viel zu gewinnen: Die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi hofft auf die neue Protestbewegung im Iran. Sie ist nicht mehr aufzuhalten, ist sich Ebadi sicher.

Iran
Bei einer Demo in Paris zur Unterstützung der Proteste im Iran, wird Präsident Hassan Ruhani mit Füßen getreten - oder zumindest ein Plakat mit seinem Porträt. Foto: afp

Frau Ebadi, im Westen spekuliert aufgrund der Proteste im Iran schon mancher auf den Fall des Mullah-Regimes. Könnte der Aufstand die Islamische Republik tatsächlich zum Einsturz bringen?
Ich bin überzeugt, dass diese Proteste der Anfang vom Ende der islamischen Republik sind. Es handelt sich um einen Prozess. Doch der Sturz des Regimes hat begonnen, auch wenn es noch Jahre dauern kann. Aber wir erleben mit dieser Bewegung den Anfang vom Untergang dieses Regimes.

Die Regierung scheint die Proteste sehr ernst zu nehmen und schickt die Revolutionsgarden in einige Provinzen. Ein Zeichen wachsender Nervosität?
Ja, das zeigt, dass sie sehr nervös sind. Sie versuchen, die alte Ordnung wiederherzustellen. Aber damit haben sie keinen Erfolg und sie werden ihn auch nicht haben. Am Dienstag hat ein Parlamentsabgeordneter, der selbst zum Regime gehört, erklärt, dass mittlerweile mehr als 3000 Menschen verhaftet worden sind und im Gefängnis sitzen. Die Inhaftierten sind zwischen 25 und 30 Jahre alt. Es hat jeden Abend hinter der Mauer des Evin-Gefängnisses Demonstrationen gegeben. Die Menschen verlangen Freiheit für ihre Freunde und ihre Kinder. 

Was erwarten Sie für die nächsten Wochen, wird der Protest noch stärker werden?
Schauen Sie, das hängt davon ab, wie massiv die Unterdrückung durch das Regime sein wird. Aber ich glaube, selbst wenn die Regierung massiv vorgeht, werden die Proteste in einigen Monaten an anderen Orten wieder aufflammen. Es gibt noch eine Glut in der Asche. Die Situation im Iran ist vergleichbar mit einem Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann. 

Man hört wenig von den Intellektuellen im Iran selbst. Wie kommt das? Und wie denken diese wirklich über die Lage?
Die Intellektuellen und auch die Mittelschicht sehen sich auf der Seite der Demonstrierenden. Viele Künstler, Schriftsteller und Schauspieler haben ihre Solidarität mit den Demonstrierenden bekundet. Aber Tatsache ist, dass Menschen auf die Straße gehen, die wenig verdienen, also die untere Schicht. 

Wenn man Veränderung anstrebt, müssen die Kräfte gebündelt werden. Ist es denkbar, dass wie 2009 die Intellektuellen die Führung des Protestes übernehmen?
Im Jahr 2009 lag die Führung in der Tat in den Händen der Intellektuellen, aus diesem Grund haben wir mit ansehen müssen, dass innerhalb kürzester Zeit die Menschen schnell wieder in ihren Alltag zurückgekehrt sind. Nun aber ist es anders. Der Protest liegt in den Händen von Menschen, die zusätzlich zur Freiheit nach Brot schreien. Menschen, die nichts zu verlieren haben, sind viel wütender als Intellektuelle. 

Der Grund für den Aufstand ist die wirtschaftlich schlechte Situation. Wie kam es zu Korruption und wirtschaftlichen Missständen?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Natürlich spielen die internationalen Wirtschaftssanktionen eine Rolle, aber auch die sehr hohe Korruption im Land. Zudem verfolgt die Regierung auch eine völlig verfehlte Politik, die militärischen Interventionen in Syrien, Libanon und im Jemen verursachen extrem hohe Kosten, mit der Folge eines großen Drucks auf den Staatshaushalt. Hinzu kommt der international gefallene Ölpreis.

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