Lade Inhalte...

Irak Najem Wali „Was ändert ein Schlag aus der Luft am Boden?“

Der Schriftsteller Najem Wali spricht im FR-Interview über die verzweifelte Lage im Irak, die fatale Rolle Saudi-Arabiens und die aus seiner Sicht einzige Lösung: eine breite Koalition.

„Man kann Isis nur bekämpfen, indem man die Menschen wieder für sich gewinnt“, sagt Najem Wali. Foto: imago/Rolf Zöllner

Herr Wali, im Irak tobt der Aufstand. Handelt es sich um einen sunnitischen Aufstand oder ist es nur die Terrorgruppe Isis, die für Unruhe sorgt?
Das ist gemischt. Es ist eine Aktion der Terrorgruppe Isis, verbunden mit den Alt-Baathisten und Anhängern des früheren Stellvertreters von Saddam Hussein, Isset al-Duri, auf dessen Kopf die Amerikaner 20 Millionen Dollar ausgesetzt haben. Die Ernennung der Gouverneure von Mossul und Tikrit zeigt seine Handschrift, es sind alte Offiziere von Saddam. Es gibt das Bündnis. Das gibt es, weil es eine große Unzufriedenheit der sunnitischen Bevölkerung in allen sunnitischen Städten gibt. Auch wenn sie nicht mit der Isis-Ideologie einverstanden sind, sehen sie doch nicht ein, warum sie gegen sie kämpfen sollen. Weil sie sich von der Regierung im Stich gelassen fühlen. Isis und Baathisten fischen dort, wo es Unzufriedenheit gibt.

Wenn die Aufständischen in den Städten einrücken, werden sie dann willkommen geheißen?
Sie werden in den sunnitischen Städten herzlich willkommen geheißen oder man drückt zumindest ein Auge zu, je nachdem ob die Säkularen die Oberhand haben oder die Religiösen. Die Menschen wissen, dass in absehbarer Zeit die Isis-Leute ihre blutige Seite zeigen, das hat man ja in Syrien gesehen. Selbst die Gläubigen unter den Sunniten gehen nicht so weit wie Isis.

Ist Al Kaida stark im Irak vertreten?
Es gab Ableger im Irak. Und auch der jetzige Führer von Isis hat mit einer Al-Kaida-Gruppe zusammengearbeitet. Bei Isis geht man von 3000 bis 5000 aus. Das ist nicht viel, gewiss. Viele junge Männer der Stämme der Region haben sich mit ihnen verbündet und kämpfen und marschieren mit ihnen und wollen sich später wieder von ihnen abspalten. Sie stimmen ideologisch nicht mit ihnen überein. So war es auch in Syrien. Aber es kommt nicht auf die Zahlen an. Die Erfolge haben nichts damit zu tun. Es liegt an den Menschen in den Städten, die nicht gegen sie kämpfen. Außerdem ist die angebliche irakische Armee, die ja so modern ausgerüstet sein soll, dermaßen korrupt, dass sie zusammenbrach. Ihre Führer haben die Soldaten alleingelassen. Die Bevölkerung in Mossul und anderen Städten fühlten sich im Stich gelassen.

Gibt es bei den Militärs und bei der Polizei viele Sympathien für al-Duri?
Ja, bei der Polizei. Aber auch beim Militär, das unterwandert wurde von den alten Saddam-Leuten. Seit 2003 gibt es ein neues Militär im Irak, seit 2005 hat man alte Baathisten auch in die neue Armee integriert.

War es ein Fehler der Amerikaner, nach Saddams Sturz alte Strukturen zu zerschlagen?
Das ist richtig. Es war einer der großen Fehler der Amerikaner. Die irakische Armee hat nicht gegen die US-Armee gekämpft, hat schnell aufgegeben, oder ist schnell zusammengebrochen, je nach dem. Aber es ging um die Republikanische Garde von Saddam. Die Armee setzte sich aus Menschen zusammen, die auch aus den schiitischen Teilen des Landes stammte. Arme Schlucker, die aus armen bäuerlichen Familien stammen. Plötzlich standen sie mit ihren Waffen auf der Straße. Jeder konnte damals im Irak für 200 Dollar eine Waffe kaufen. Deshalb gab es von 2006 bis 2008 diesen brutalen Bürgerkrieg im Irak. Das war der große Fehler, man hätte die Strukturen ein bisschen ändern können, aber darum nicht die Armee auflösen müssen. Die Liste der Fehler der Amerikaner ließe sich endlos fortsetzen.

Der jetzige Aufstand ist also eine Folge der US- Politik?
Genau. Die Invasion war nicht richtig. Als die Amerikaner kamen, hatten sie kein Konzept. Und als sie durch Obama ihren Kardinalfehler korrigieren wollten, indem sie die Truppen abzogen, haben sie 2011 erneut einen Riesenfehler begangen. Einen Fehler mit einem weiteren Fehler bekämpfen zu wollen, das kann nur schiefgehen.

Irak ist ein Land, dessen Grenzen nach der Kolonialzeit gezogen wurden, was passiert jetzt?
Irak ist ein Land, in dem sich viele Wege kreuzten. Religiöse Konfessionen, Schiiten, Sunniten, Muslime, Christen, Juden, alte und neue Religionen, Kurden, Araber, Perser – Mesopotamien war immer eine Kreuzweg. Das ist nicht neu. Nur muss man sich fragen, wie will man damit leben? Das ist der Fehler der jetzigen Regierung, sie hat alles getan, den Eindruck zu vermitteln, dass Schiiten an der Macht sind, obwohl auch Sunniten an der Regierung beteiligt sind – allerdings nur der korrupte Teil.

Im Zentrum Premier Maliki und seine Politik der Spaltung?
Er handelt gegenüber den Sunniten diktatorisch, aber ihm fehlt auch der Partner bei den Schiiten. Er ist nicht ein Teil der Lösung, auch wenn er sich als Retter darstellen will.

Was kritisiert die sunnitische Bevölkerung vor allem?
Sie fühlen sich marginalisiert. Die Menschen haben auch Angst. In Bagdad werden die religiösen Prozessionen der Schiiten mit Furcht verfolgt. Die Sunniten haben die Sorge, dass sie schiitisiert werden sollen. Die Sunniten hatten jahrzehntelang die Macht, mit Saddams Sturz haben sie diese verloren, das ist für sie ein Trauma. Man hätte ihnen zuhören sollen und fragen, was sie wollen.

Was ist Ihre Vision für den Irak?
Wir brauchen eine einheitliche Regierung von allen Religionen. Diese Regierung muss Zeit haben, mindestens vier Jahre, um alles aufzubauen. Natürlich ist es jetzt schwer, wenn man eine terroristische Organisation vor sich hat. Man kann sie nur bekämpfen, indem man die Menschen wieder für sich gewinnt.

Fürchten Sie nicht den Iran?
Der Iran spielt eine Rolle, gewiss. Aber sie fühlen sich ebenfalls durch Isis bedroht. Sie sind an einer Lösung interessiert. Wer hätte gedacht, dass die Amerikaner jetzt mit den Iranern an einem Strang ziehen würde. Aber so ist es in der Politik. Man wird die Lösung auch beim Iran suchen. Auch sie werden die Sunniten nun nicht stark bedrängen.

Wer ist der Bösewicht im Hintergrund, Saudi-Arabien?
Kein Mensch kann Saudi-Arabien zufrieden stellen. Sie wollen immer den Paten spielen in dieser Region. Das ist ein Problem für uns alle. Sie wollen immer die anderen schwächen, damit sie der große Spieler bleiben. Sie haben die Muslimbrüder unterstützt, doch als die die Wahlen gewannen, schreckten sie zurück. Nichts ist aus ihrer Sicht gefährlicher, als wenn eine islamische Kraft durch Wahlen Macht erlangt. Das ist eine Bedrohung für sie. Klar, sie versuchen Iran zu schwächen.

Mit welchem Mittel wehrt man sich gegen die Saudis?
Man kann gegen sie nur mit demokratischen Mitteln gewinnen. Für den Irak heißt das, die Sunniten müssen das Gefühl haben, dass dies auch ihr Staat ist.

Was ist zu tun? Hilft ein amerikanischer Militärschlag?
Was kann ein Schlag aus der Luft mit Drohnen am Boden ändern? Viele Zivilisten würden sterben. Man gießt nur Öl ins Feuer. Das wäre nur eine letzte Option. Es muss eine politische Lösung geben. Die Amerikaner müssen Druck machen, dass es keine Einheitsregierung unter der Führung von Maliki geben darf. Bei Anerkennung der letzten Wahl muss es eine breite Koalition geben.

Fällt der Irak auseinander?
Der Irak ist de facto auseinandergefallen. Das Land ist geteilt. Oben gibt es den kurdischen Staat, dann den sunnitischen unter Isis und Baathisten und den schiitischen. Nur Bagdad ist übrig geblieben. Wenn Isis in Bagdad einmarschiert, wird die Hälfte von ihnen eingenommen werden, weil die Hälfte Sunniten ist. Wir bekämen einen gigantischen Bürgerkrieg im Irak. Wenn Isis weiter nach Osten vorstößt, könnte es erneut zu einem irakischen-iranischen Krieg kommen.

Sie sind vor einigen Monaten in Bagdad gewesen, wo Sie Ihr neues Buch „Bagdad Marlboro“ vorstellten, und zeigten sich begeistert von der Stadt.
Es war toll. Wir lasen in Bagdad auf offener Bühne. Aber für die jungen Leute ist es so, wenn sie etwas Neues schaffen trotz des Terrors, werden sie bestraft und müssen den Stein wie Sisyphos erneut den Berg raufrollen. Schon damals habe ich darauf verwiesen, dass die Isis-Männer bei Abu Ghraib standen, wo sie mehr als 800 Schwerverbrecher befreit haben. Sie stationierten sich dort. Als ich das damals ansprach, haben die Menschen zu mir gesagt: Ach, du kommst aus dem Westen und siehst nur weiße Mäuse.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum