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Interview Täglich demonstrieren die Touristen

2011 wurde der Berliner Schriftsteller Jan Peter Bremer für seinen Roman „Der amerikanische Investor“ mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet. Die Geschichte passt in das Kreuzberg zu Zeiten der Gentrifizierung. Ein Gespräch über Mieten und den Wandel im Kiez.

30.06.2012 16:39
Cornelia Geißler
Jan Peter Bremer hat im Hinterhaus ständig wechselnde Gäste. Dort breitet sich ein Hotel immer weiter aus. Foto: Paulus Ponizak

Der Hauseingang ist zwischen den Café-Tischen kaum zu finden. Der Schriftsteller Jan Peter Bremer wohnt in einer belebten Gegend in Kreuzberg. 1965 in Berlin geboren, in Lüchow-Dannenberg aufgewachsen und seit 1985 wieder in Berlin lebend, gewann er 1996 den Ingeborg-Bachmann-Preis und veröffentlichte seither mehrere Bücher.

Im vergangenen Jahr wurde er für seinen Roman „Der amerikanische Investor“ mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet. Die erzählerische Voraussetzung dieses Romans passt in das Kreuzberg zu Zeiten der Gentrifizierung: Ein neuer Hausbesitzer hat Bauarbeiten veranlasst, gegen die sich der Protagonist zu wehren versucht, zunächst mit Hilfe der Mieterberatung, dann mit einem Brief. Ein Gespräch über dieses Buch und das Leben, belauscht von Helga, einer nicht ganz Französischen Bulldogge.

Die Widmung im Buch „Der amerikanische Investor“ lautet „Meiner Straße“. Ist es diese?

Ja. Ich habe alle meine Bücher jemandem gewidmet. Die Verwandten waren durch. Und das Buch spielt auch auf dieser Straße. Ich mag den Mehringdamm.

Schön ist er nicht. Der Mehringdamm beginnt im Norden mit 50erJahre-Bauten, es folgen ein Friedhof und das riesige Finanzamt, dann kommen die Altbauten, und Richtung Tempelhof wird er wieder oll.

Ich habe eigentlich nur an das kleine Stück hier zwischen Gneisenaustraße und Bergmannstraße gedacht, wo sich hauptsächlich das Leben abspielt. Hier wohnen, das ist mir in Berlin noch nie passiert, relativ viele Berliner. Wenn die miteinander sprechen, geht es oft gar nicht um den Gegenstand, sondern nur um eine schnelle Replik. Ich habe hier sprachlich viel gelernt. Es ging mir auch darum, etwas von dieser Geschwindigkeit in das Buch zu bringen. Überquert man dann die Gneisenaustraße, kommt man schon zu diesen Imbissbuden, wo immer Schlange gestanden wird.

Also Curry 36 und Mustafas Gemüse-Döner? Da ist ja auch ein Hostel.

Dadurch haben wir jetzt eine zusätzliche Überschwemmung mit Besuchern. Hier oben merkt man es nicht so sehr. Aber wenn man aus dem Haus tritt, ist es manchmal, als würde man sich in einen Demonstrationszug einreihen.

Und da fühlen Sie sich wohl?

Ja, ich frage mich auch manchmal, warum. Ich glaube, es liegt an der Nachbarschaft, mittlerweile kenne ich ja alle Kellner in den Cafés hier rundum. Es ist so, als ginge so ein wissender Blick durch diese Menschenmassen.

Dass man von hier ist?

Ja. Touristen in Kreuzberg waren früher immer ein bisschen verschreckt. Jetzt sind die sehr selbstbewusst. Wenn ich dann höre: Guck mal da, der Struwwelpeter mit dem hässlichen Hund!, nervt das schon.

Eindeutig der Kommentar eines Auswärtigen: Der Berliner achtet nicht auf das Aussehen von Menschen.

Ich hab sonst nichts gegen die Touristen. Bei uns nimmt das Hotel Sarotti jetzt den gesamten Hinterhof ein. Noch nachts ziehen viele Leute mit Rollkoffern durch die Höfe, was wirklich laut ist. Na ja. So wie wir Ferien auf dem Bauernhof machen, machen die eben Ferien auf dem Hinterhof. Aber wenn man selbst als Ausstellungsstück hier herumsteht, wird es unangenehm.

War Ihnen beim Schreiben klar, dass Sie sich mit dem Buch in eine Diskussion hinein begeben?

Als ich das Buch schrieb, war die Finanzkrise gerade auf ihrem Höhepunkt. Deshalb spielen da diese Geldströme eine Rolle. Daher kommt auch die Idee mit dem Brief an jemanden, der nicht greifbar ist, der keine Adresse hat. Ich habe mir das Thema ja nicht ausgedacht. Es ist mir in den Schoß gefallen. Unser Haus wurde tatsächlich verkauft, und zwar an Nicolas Berggruen.

Deshalb erkennt man ihn gleich: Der Mann, der im Flugzeug lebt.

Und der gerne Schokolade isst. Das gehört zu den wenigen Informationen, die ich damals fand. Das war ja noch vor seiner Karstadt-Übernahme. Berggruen behauptete, man brauche zum Leben nur einen blauen Anzug und ein Handy.

Und Sie waren wirklich bei der Mieterberatung?

Ja, wir mussten auch wirklich in eine Umsetzwohnung ziehen. Da hatten wir schon Angst, ob wir zurück können. Wir haben uns umgesehen, ob es eine Wohnung gibt, von der aus die Kinder weiterhin zu Fuß zur Schule können. So etwas findet man hier aber nicht mehr zu einem vertretbaren Preis. Ich habe in der Umsetzwohnung mit dem Buch angefangen. Die ersten Szenen waren die in der Mieterberatung. Ich hatte nicht vor, etwas zu schreiben, das den Zeitgeist trifft. Das ergab sich.

So wurden Sie von einem Autor kleiner Romane, die in der Innenwelt des Helden spielen, zu einem, dessen Thema das Hier und Jetzt ist.

Ja, meine Rolle hat sich gewandelt. Sehr wenige Leute wissen, was ich vorher gemacht habe. Jetzt denkt man, dass ich ein gesellschaftlich relevanter Autor bin. Was ich mir anrechne, ist, dass ich mich nicht verbogen habe. Vielleicht ist das Buch nicht genauso verspinnert wie die anderen, aber handwerklich doch genauso sorgfältig gearbeitet, und es lässt sich wie die anderen auf vielen Ebenen lesen.

Wie ist es bei Lesungen heute für Sie?

Das ist ein großer Unterschied zu früher. Früher wurde nach der Schreibweise und nach Ideen gefragt. Heute werden mir vor allem Wohnungsgeschichten erzählt. Unsagbar viele! Ich könnte einen dicken Band mit Hausmeister-, Klempner-, Elektriker-, Vermietergeschichten füllen. Manchmal fragen mich Leute ganz spezielle Mietrechtssachen. Die haben sich das Buch mit anderen Erwartungen gekauft und müssen feststellen, dass der Autor nur ein Scharlatan ist.

Hat sich Herr Berggruen gemeldet?

Nein. Er ist sehr beschäftigt. Ich wüsste auch nicht, worüber wir uns unterhalten sollten. Vielleicht über Lebensentwürfe. Er hat ja einen sehr speziellen Lebensentwurf.

War das ein Reiz beim Schreiben, anders als bisher, eine reale Figur zu nehmen und zu verändern?

Ja. Und es gibt nur reale Figuren darin, auch der Protagonist, auch die Frau und die Kinder. Aber alles findet in einer überhitzten Überspitzung statt, deshalb sind die Figuren gar nicht mehr greifbar. Beim Scheiben konnte ich mich immer wieder an Reales klammern und das aufwirbeln. Ganz wichtig dafür war das Kinderbuch, das ich vorher geschrieben habe.

„Mit spitzen Ohren“ ist ein tolles Buch, in dem ein Schriftsteller die Telefonate seiner Hündin belauscht. In beiden Büchern nimmt das Verhältnis des Autors zum Schreiben eine absurde Entwicklung.

Ja, das Kinderbuch funktioniert von der Anlage her recht ähnlich wie „Der amerikanische Investor“: Weil da in die Welt hineingegangen und uminterpretiert wird – anders als die früheren Bücher, die relativ hermetisch sind.

„Mit spitzen Ohren“ haben Sie Ihren Kindern gewidmet. Sobald die sogenannten bürgerlichen Leute in Kreuzberg Kinder bekommen, ziehen sie in die Randbezirke, hieß es immer. Aber Sie wohnen hier als Familie.

Wir hatten, als die Kinder ganz klein waren, mal die Idee, ob man nicht besser nach Schmargendorf ziehen sollte oder so. Wir haben uns da umgeguckt – und ich habe mich gefragt: Wie soll man das länger als fünf Tage überstehen? Die Kinder mögen das hier. Mein Sohn spielt auch mal nachts mit spanischen Touristen auf der Straße Fußball.

Das Gespräch führte Cornelia Geißler.

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