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Interview Moshe Zuckermann „Ich bin das Kind von Auschwitz-Überlebenden“

Der Historiker Moshe Zuckermann spricht im Interview mit der FR über Antisemitismus, Antizionismus und Israel-Kritik.

Trennmauer zwischen Westjordanland und Israel
Trennmauer zwischen dem Westjordanland und Israel nahe der Siedlung Modeein Elit. Foto: epd

In der aufgeheizten Debatte über die Grenzen zwischen Israelkritik und Antisemitismus spricht die FR mit Moshe Zuckermann über seine provozierenden Thesen und sein neues Buch. 

Herr Zuckermann, „Der allgegenwärtige Antisemit oder Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit“ lautet der Titel Ihres Buches. Wen oder was sollen wir unter dem „allgegenwärtigen Antisemiten“ verstehen?
Der „allgegenwärtige Antisemit“ ist der Vorwurf, der immer wieder herbeizitiert wird, um andere Leute zu desavouieren und zu delegitimieren. Das Ziel ist, ihre politische Position zu dekonstruieren oder zu zerlegen. Diese Technik der Besudelung und Beschämung bedient sich des Antisemitismus-Vorwurfs. In diesem Sinne ist er allzeit abrufbar und folglich allgegenwärtig. Es ist höchste Zeit, das auseinanderzunehmen. Ohnedies übersehen jene, die vorgeblich den Antisemitismus bekämpfen wollen, etwas Entscheidendes.

Nämlich was?
Die Tatsache, dass Judentum, Zionismus und Israel drei Paar Schuhe sind. Das heißt negativ gewendet, dass Antisemitismus, Antizionismus und Israel-Kritik drei Paar Schuhe sind. Nicht alle Juden sind Zionisten, nicht alle Zionisten sind Israelis und nicht alle Israelis Juden. Die Hälfte der Juden lebt nach wie vor außerhalb Israels. 

Der Antisemitismus-Vorwurf wird also zu fremdbestimmten Zwecken instrumentalisiert?
So ist es. Der Vorwurf des Antisemitismus dient israelischen Lobbies als Instrument, ihre Gegner mundtot zu machen, notwendige Debatten im Keim zu ersticken. Es zeigt sich eine neue Qualität, denn öffentliche Gegenworte sollen unterbunden und zum Skandal erklärt werden, Auftritte von Kritikern werden verhindert, wie ich es selbst in Frankfurt und anderswo erlebt habe. 80 „Raumverbote“ sind gegen ideologisch unliebsame Veranstaltungen ausgesprochen worden. Der Frankfurter CDU-Bürgermeister Uwe Becker hat die Konferenz „50 Jahre israelische Besatzung. Unsere Verantwortung für eine friedliche Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts“ für „nicht willkommen“ in seiner Stadt erklärt. Ein Gerichtsbeschluss ließ die Veranstaltung dann doch noch zu. Es hat mich persönlich erschüttert, mich von ihm als Antisemiten bezeichnen lassen zu müssen. 

Er hat Sie in das Umfeld von Nazis gerückt. 
Ich habe ihm in einem öffentlichen Kommentar geantwortet, dass ich mir von ihm keinen Persil-Schein für meine Willkommenheit oder Nichtwillkommenheit in dieser Stadt abholen muss. Die ist ein Teil meiner Lebensgeschichte, und er wird nicht derjenige sein, der bestimmt, ob ich in der Stadt willkommen bin oder nicht. Ich bin das Kind von Auschwitz-Überlebenden. Ich habe in der Stadt gelebt, bevor er geboren worden ist. Ich habe es nicht nötig, mich von Becker als Antisemit oder Judenhasser verunglimpfen zu lassen. Man muss sich in Deutschland fragen lassen, warum ich als Nachkomme von Auschwitz-Überlebenden mich hier als Antisemit beschimpfen lassen muss.

Aber es gibt einen Antisemitismus hierzulande. Der wächst und wird gefährlicher, fürchten viele Juden in Deutschland.
Es gibt in Deutschland konstant einen antisemitischen Bodensatz, der bei rund 20 Prozent der Gesamtbevölkerung liegt. Ich stütze mich hier auf den Historiker Wolfgang Benz. Die Juden in Deutschland sind heute nicht mehr gefährdet, der vorhandene Antisemitismus bedroht nicht ihr Leben. Es gibt auch keinen importierten Antisemitismus. Der Antisemitismus gehört natürlich bekämpft, genauso wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie. Aber der Antisemitismus ist gegenwärtig nicht das vordringlichste Problem in Deutschland. Viel schlimmer als der Antisemitismus sind andere Rassismen, die im Zuge der Flüchtlingsdebatte aufgekommen sind. 

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