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Interview mit Urs Engeler "Die Saat wird vielleicht noch aufgehen"

Der Schweizer Verleger, Urs Engeler, im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über Autoren, Leser, Buchhändler und sich selbst.

07.10.2009 00:10
Herr und Hund: "Das Unbekannte", sagt der Schweizer Verleger Urs Engeler, "ist immer das Unmächtige". Foto: privat

Herr Engeler, mir liegt ein Buch aus Ihrem Verlag vor, Jean Paulhans "Die Blumen von Tarbes" mit einem Nachwort und auch herausgegeben von Hans-Jost Frey, dem Komparatisten. Im deutschen Sprachraum dürfte Paulhan, der Nachfolger von Jacques Rivière in der Nouvelle Revue Française, ziemlich unbekannt sein, und es ist sicher kühn und spannend, diesen Band zu verlegen. Wer kann das Publikum im deutschsprachigen Raum dafür sein?

Wenn man beim Publikum beginnt, macht man vielleicht überhaupt keines der Bücher, die ich gemacht habe. Nein, ich habe immer bei den Autoren begonnen: Ich wollte ihr Verlag sein, an ihren Verbindungen arbeiten, ihre Zusammenhänge aufnehmen und fortspinnen. Und ich bin ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass das Publikum gleichfalls nur das Beste will. Aber heute bin ich etwas enttäuscht.

Hat sich im Lauf der Jahre das rezeptive Umfeld geändert?

Ja, den Eindruck habe ich. Vom Verkauf her ist es vielleicht gar nicht so stark spürbar, da scheint es eine gewisse Konstanz der kleinen Zahl zu geben. Also ist das möglicherweise nur eine marginale Verschlechterung einer eh ziemlich schlechten Lage. Die Plätze, die man der Literatur einräumt, werden immer mehr beschnitten. Beim Publikum... Ich dürfte das vielleicht gar nicht sagen. Aber ich habe mich manchmal gewundert, dass die Kritik tapfer zu Dingen hält, die das Publikum längst verloren haben.

Ist es eine Generationenfrage?

Mir scheint, dass die Mitte Vierzigjährigen noch der äußerste Rand einer literarisierten Generation sind. Leute wie Hans-Jost Frey, Jahrgang 1933, die gehören noch zur vollen Blüte, die wissen, was Literatur ist und was sie kann: Das sind Leute, die in den vierziger, fünfziger Jahren mit Literatur, und zwar wesentlich mit französischer Literatur natürlich, groß geworden sind. Und wir, die bei ihnen in die Schule gehen konnten, wir kriegen noch mit, was die alles kennen und können.

Bringen wir einen Namen ins Spiel, der auch schon in Ihrer Zeitschrift "Zwischen den Zeilen" aufgetaucht ist, Ann Cotten, die noch nicht einmal dreißig Jahre alt ist und mit großer Ernsthaftigkeit dichtet und reflektiert. Das zeigt doch, dass es immer weiter geht, oder nicht?

Ja, das denkt man sich schon. Die jüngste Generation unserer Literatur - tja, wird es wirklich weitergehen, ich weiß es nicht.

Warum machen Sie denn Ihren Verlag zu?

Da muss ich widersprechen. Ich mache nicht zu. Aber ich werde deutlich weniger Bücher machen in den nächsten Jahren. Ich werde Pausen einlegen, mit kleinen Pausendarbietungen. Es wird immer mal wieder ein Buch erscheinen, unter anderem deshalb, weil ich Projekte begonnen habe, die so einfach und so schnell auch nicht abzuschließen sind. Zum Beispiel die Andrea-Zanzotto-Werkausgabe, von der wir jetzt den vierten Band machen. Dafür haben wir zehn Jahre gebraucht, und noch sind fünf Bände geplant, das kann also gut und gern noch mal zehn bis zwanzig Jahre gehen. So lang möchte ich mindestens noch weiter machen, aber das ist natürlich kein Verlagsprogramm mehr in dem strengen Sinne, dass man jedes halbe Jahr ein Programm hat. So kann ich und will ich auch nicht weitermachen.

Also Urs Engeler Editor bleibt bestehen?

Ja, der Verlag bleibt bestehen. Ich will auch weiter die Bücher unter die Leute bringen, die wir gemacht haben. Ich will das eine oder andere dafür tun, dass diese Art von Literatur eine gewisse Lebendigkeit behaupten kann. Aber das ganz normale Verlagsgeschäft, das sich Herumärgern mit dem Buchhandel, die Hetze jedes halbe Jahr, ein tolles Programm zu machen und dann Applaus zu kriegen und kaum Publikum dafür - das mag ich nicht mehr. Das ist aus.

Insofern durchaus eine Ermüdung gegenüber den Betriebsgeräuschen?

Absolut, ja.

Also nicht ausschließlich eine finanzielle Entscheidung? Man hört, dass ein Mäzen, der Sie unterstützt hat, wegfällt.

Das stimmt. Aber der zweite Mäzen, der einfach nur sich selbst hat und sich und seine Arbeit in einen solchen Verlag stecken konnte, das war ich. Und der ist ein bisschen müde geworden. Wenn da nicht sehr viel mehr an positivem Feedback kommt, dann wird es einfach schwierig, solche Sachen durchzuhalten.

Einerseits elitär Ihren Literaturbegriff aufrechterhalten, und doch ans Publikum heran wollen?

Na klar! Das ist doch der eigentliche Impetus: dass man auf die Literatur einwirken will. Aber das ist mir vielleicht nicht gelungen.

Ihr letztes Programm, dieses Herbstprogramm 2009, ist beeindruckend - von Pasolinis "Friulanischen Gedichten" bis zu Ulf Stolterfohts Lyrik; dessen großes "Fachsprachen"-Projekt wird hoffentlich weiter bei Ihnen erscheinen können?

Das hoffe ich auch.

Und können Sie etwas sagen zu Ulrich Schlotmanns 1100-Seiten-Roman "Die Freuden der Jagd", den Sie jetzt bringen?

Ich bin mit Schlotmann bekannt geworden über Stolterfoht, der hat immer große Stücke auf ihn gehalten und gesagt: "Das ist der Beste, den musst Du machen." Er hat zehn Jahre gebraucht, um dieses Buch zu schreiben, und ich habe diesen Verlag immerhin so lange machen können, es zu veröffentlichen. Hier schließt sich vielleicht der Kreis. Bei Schlotmann und nicht bei Paulhan. Um Treue geht es bei vielen Dingen, die ich mache. Man muss an den bleibenden Wert glauben und an diesen Werten arbeiten.

Sprechen Sie auch über Auflagenzahlen, oder sind sie Ihr Geheimnis?

Nein, ich halte nichts von der Geheimniskrämerei oder den Angebereien vieler Verleger.

Wie viel werden Sie von Schlotmanns Roman drucken lassen?

Da habe ich mich noch nicht entschieden. Vielleicht 700 Exemplare. Der Buchhändler, der immer schon schwierig zu umgarnen war, beginnt sich doch nachhaltig zu verabschieden. Das erstaunte Schlotmann, den alten Buchhändler, auch nicht: Na klar, sagt er, die fürchten, das Buch nicht mehr remittieren zu können! Der Buchhandel sieht seine raison d´être also offenbar eher in der Remittende als im Gewinn des Publikums.

Können Sie zu dem Projekt von Schlotmann etwas sagen?

Es ist eine Prosa, die aber etwas genuin Lyrisches insofern hat, als sich eine bestimmte Situation immer wiederholt. Nämlich die, dass ein Mann in den Wald hineingeht. Wir hören diesem Mann beim Denken auf seinen Waldgängen zu. Er nimmt irgendwo einen Anstoß - das kann ein ganz kleines Thema sein, etwas Politisches, Dinge aus der Kultur, Frauen, Hunde, Jogger Dinge, die tatsächlich im Zusammenhang mit der Jagd stehen. Das ergibt ein Panoptikum aller üblen Denkmuster, inklusive Sexismen und Rassismen, die Männer so entwickeln, wenn sie in die Welt hinausgehen.

Also ein Gedankenroman?

Ich weiß gar nicht, ob es ein Roman ist. Aber es ist ein großer Torpedo-Angriff auf männliche Denkgebäude, und es ist mehr als ein großer Spaß.

Die 15 Jahre, die Sie dieses Programm gemacht haben werden, wenn das Jahr jetzt zu Ende geht, müssen schon eine glückliche Zeit gewesen sein. Man schaut auf die Autoren, von Elke Erb, dieser eigensinnigen Lyrikerin, über Gertrude Stein und Arthur Rimbaud, den schon erwähnten Stolterfoht, bis zu Kurt Aebli. Eine elektrisierende Mischung

Ich habe genau mit den Leuten arbeiten können, mit denen ich arbeiten wollte. Dass die einen auch erhören, nicht nur man selbst sie - ja, ich könnt´s mir nicht besser vorstellen. Insofern habe ich auch keinen Bedarf, mein Programm zu verändern. Und dass ich das eine oder andere Buch machen konnte, das sonst nicht erschienen wäre, das ist schon ein Glück.

Könnten Sie einen Höhepunkt benennen, herausragende Ereignisse oder Bücher?

Ich will nicht eitel klingen, aber es gibt so viele herausragende darunter, dass es ungerecht wäre, einzelne herauszugreifen. Ich weiß aber, dass Dinge darunter sind, von denen man noch gar nicht bemerkt hat, dass ich sie verlegt habe, zum Beispiel die Übersetzungen durch Werner Hamacher: die Amerikanerin Jorie Graham und den Franzosen Jean Daive, zu dem er auch ein unglaubliches und ausführliches Nachwort geschrieben hat, das in Frankreich bereits als eigenes Buch veröffentlich wurde und hierzulande noch immer der Entdeckung harrt. Da geht die Saat vielleicht erst noch auf.

Einer wie Jean Daive hat ja einen unglaublich französischen Stil. Wenn man nicht weiß, wie die Franzosen "so ticken", bleibt einem das doch fremd. Einiges in Ihrem Programm richtet sich wohl an Kenner, was natürlich sehr schön ist, aber die Schwierigkeiten kann man sich dann eben auch lebhaft vorstellen.

Das ist durchaus so. Es ist aber auch das, was mich am meisten verwundert: dass Dinge, die nur ein kleines bisschen anders sind, als man es gewohnt ist, sofort Sanktionen nach sich ziehen, eben in der Form von Nichtbeachtung bis Verachtung. Man wird bestraft. Das scheint mir schon ein spezifisch deutsches Problem zu sein, die leidige Sache mit der Autorität. Das Unbekannte ist per se immer das Unmächtige. Die Deutschen haben vielleicht immer noch nicht gemerkt, dass das unbekannte Ticken von anderen ein höchst interessantes, produktives Ticken sein kann. Da fehlt die Neugier und die Aufgeschlossenheit.

Nun ist die Schweiz ein mehrsprachiges Land. Da dürfte automatisch ein ganz anderer Resonanzraum vorhanden sein?

Die Außenseiterrolle der Schweiz wurde mir immer wieder zu einem Verhängnis. Die meisten Leser sitzen in Deutschland. Aber man merkt, dass man als Schweizer nicht wirklich dazugehört. Selbst wenn man deutschsprachiges Ausland ist. Das ist nicht ganz einfach zu begreifen, warum diese Festung Berlin beispielsweise so derart dicht gebaut werden musste im letzten Jahrzehnt, das verstehe ich eigentlich nicht.

Gerade Berlin, das sich rühmt, so offen zu sein?

Offen für alles, was Berlin und Hauptstadt und Wir sind Papst und Weltmeister ist.

Der letzte Titel Ihres letzten Programms heißt "Für - Die Philologie" von Werner Hamacher. Kann und soll man das programmatisch verstehen?

Naja, dieses letzte Programm habe ich nicht als letztes Programm konzipiert. Dieses Programm ist insgesamt relativ stark philologisch. Da sind viele Texte, die sich mit anderen Texten beschäftigen. Es hat sich herausgestellt, dass viele Leute gar nicht mehr wissen, was wir da treiben, und dass man es ihnen erklären muss. Insofern hat das durchaus etwas Programmatisches, ja. Aber dennoch: Ich habe ja jetzt wieder mehr Zeit, über den Tellerrand zu schauen. Wenn man beispielsweise nach Frankreich blickt, dann ist man schier erschlagen, was es dort alles gibt.

Was meinen Sie konkret?

Was es dort an Zeitschriften gibt, wie viele Verlage existieren, wie viele Formen von Veröffentlichungen. Wir alle sind ja mit der Misere des Buchhandels beschäftigt und schauen uns an, was im Internetzeitalter alles möglich sein könnte. Sehen Sie sich den französischen Verlag Léo Scheer an; wenn Sie auf die Website (www.leoscheer.com) gehen, dann finden Sie eine ganze Abteilung, die sich mit elektronischem Publizieren beschäftigt, wie ich es überhaupt noch nie gesehen habe. Es werden Tools zur Verfügung gestellt, so dass die Leute ihre eigenen Bücher dorthin stellen. Das ist ein literarisch hochambitionierter Verlag. Undenkbar, dass ein deutscher Verleger sich über den Dünkel hinwegsetzte, nicht selbst zu bestimmen, was er verlegt; und dass er dann auch noch so viele Sachen bekommt!

Elfriede Jelinek publiziert fast nur noch im Netz.

Eben. Ich hingegen habe natürlich sehr viel Geld in die Produktion von Büchern gesteckt. Aber vielleicht ist man darauf in Zukunft gar nicht angewiesen, es geht auch anders.

Sie sehen also in eine offene, aber vielleicht nicht unbedingt traurige Zukunft?

Ja, das hoffe ich (lacht). Ich selbst werde daran wohl nicht mehr so sehr mitwirken, aber ich bin sehr gespannt, was die Jüngeren machen werden.

Interview: Ina Hartwig

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