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Interview mit Susie Orbach Der Körper als Selbstzweck

Die britische Psychoanalytikerin Susie Orbach hatte Prinzessin Diana wegen ihrer Bulimie auf der Couch liegen. Hier spricht sie über Essstörungen, Diätwahn und Schönheitschirurgie.

06.04.2009 00:04
Noch schöner werden: Am Anfang wird gezeichnet, dann wird geschnitten und geschabt. Foto: getty

In Ihrem neuen Buch "Bodies" beschreiben Sie, dass Phänomene wie Körperhass, Essstörungen, Diät- und Schlankheitswahn explosionsartig angestiegen sind. Wie kommt das?

Diese Phänomene sind allgegenwärtig und wir nehmen sie nicht einmal als Probleme zur Kenntnis, weil unsere gesamte Kultur sich dieser Obsession vollends verschrieben hat. Das beginnt mit Menschen, die völlig selbstverständlich die meisten Lebensmittel nicht anrühren oder nur einmal am Tag oder nur an Wochenenden essen, und geht bis zu Kindern, die Angst haben vorm Essen oder vollkommen darauf fixiert sind. Es gibt eine Massen-Obsession im Bereich der Ernährung. Auf der anderen Seite stehen ganze Industriezweige, die mit den Körper-Unsicherheiten der Menschen immer mehr Geld machen: die kosmetische Chirurgie, die Schönheitsindustrie, die Diätindustrie.

Gleichzeitig sind aber immer mehr Menschen fettleibig.

Die Sorge über die steigende Fettleibigkeit ist berechtigt, aber wir müssen sie in einen größeren Zusammenhang stellen. Wenn es so etwas wie ‚normales' Essen nicht mehr gibt, wenn man vor lauter Sorge um Gewicht und Kleidergrößen kein Gefühl mehr dafür besitzt, wann man Appetit hat und wann man satt ist, dann kann das zu extremer Dünnheit führen. Gleichzeitig kann es genauso leicht ins Gegenteil, also in unkontrolliertes Essen und Fettleibigkeit umschlagen. Es sind die zwei Seiten derselben Medaille. Anorexie oder Bulimie sind nur weniger sichtbar als Fettleibigkeit, aber sie sind genauso verbreitet.

Die berühmteste Patientin Ihrer Analysepraxis war Prinzessin Diana, die Sie wegen ihrer Bulimie behandelt haben. Sind Prominente gefährdeter als andere Menschen?

Der Druck mag größer sein, aber ich glaube nicht, dass er der entscheidende Faktor ist. Ein öffentliches Leben zu führen und die ganze Zeit fotografiert zu werden, ist die eine Sache. Das kann es schwieriger machen, ist aber kein wesentliches Kriterium für die Entwicklung von Bulimie.

Überrascht Sie der vorherrschende Körper-, Schönheits- und Schlankheitskult? Drei Jahrzehnte nach Ihrem berühmten ersten Buch "Fat is a Feminist Issue" hat er neben den Frauen auch noch die Männer erfasst.

Ich wünschte, ich wäre überrascht, aber schon damals hätte man diese Entwicklung vorhersagen können. In den 1980er Jahren geschah Folgendes: Die Frauen kauften sozusagen ihre Körper zurück. Man hatte ihnen gesagt: Okay, ihr bekommt mehr Rechte und mehr Platz im öffentlichen Raum, aber dafür müsst ihr besonders dünn sein oder einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen. Gleichzeitig gab es Änderungen auf dem Arbeitsmarkt. Das zeigte sich auch daran, dass in den 1980er Jahren Männermagazine anfingen wie Frauenmagazine auszusehen. Die neue Art der Problemlösung für Männer bestand plötzlich darin, sich zu stählen, um sich in ihren trainierten Körpern besser zu fühlen. Der Körper als Selbstzweck rückte immer mehr in den Vordergrund.

Sie schreiben, dass jeder von uns wöchentlich zwischen 2000 und 5000 Bildern von Körpern ausgesetzt ist, die durch digitale Bearbeitung idealisiert wurden. Wie soll der Einzelne da einen individuellen Selbstwert entwickeln?

Wir schreiben Gesundheitswarnungen auf jedes Päckchen Zigaretten, aber wir warnen nicht vor diesen bearbeiteten Bildern. Das ist sehr, sehr schwierig. Gegen diese Monokultur der Körperdarstellungen hilft nur eine Gegenbewegung: Eltern müssen versuchen, ihren Kindern gegenüber den Körper nicht als das Feld darzustellen, über das Probleme gelöst werden können. Und sie müssen versuchen, nicht zu sehr von ihren eigenen Körpern besessen zu sein.

An welchem Punkt in der Entwicklung eines Kindes entstehen falsche Körperbilder?

Das wissen wir noch nicht. Es liegt nahe, dass es so wie für die Sprachentwicklung auch eine kritische Phase für die Entwicklung des Körpergefühls gibt. Jedenfalls geht es um die ersten Lebensjahre. Wenn sich ein Kind in dieser Zeit in seinem Körper stabil und wohl fühlt, dann ist das eine gute Grundlage. Diese Sicherheit fungiert als Schutz gegenüber einer übermächtigen Bildkultur. Die Tatsache, dass Probleme wie Körperhass, Körperkult, Essstörungen und Diätwahn so explodiert sind, lässt mich aber glauben, dass wir derzeit keine Körper heranziehen, die sich sicher fühlen.

Dann treten Schönheits-, Kosmetik- und Diätindustrie auf den Plan…

…die sich das zunutze machen und den Menschen mit ihren Problemen helfen. Denn die Leute denken sich ja nicht: "Das ist eine schreckliche Industrie!", sondern "Eine Nasenoperation oder eine Diät wird mir sicher helfen!"

Geht es Ihnen da anders?

Nein, durchaus nicht. Ich sehe eine Werbung für eine neue batteriebetriebene Wimperntusche und denke mir: "Oh, das ist ja super!" Aber dann lache ich über mich und denke mir: "Moment einmal! Das brauchst du nicht! Es ist ökologisch schlecht, und außerdem hast du schon drei Wimperntuschen in deiner Handtasche!"

Wo genau liegt denn die Grenze zwischen harmloser Beschäftigung mit der eigenen Schönheit und ungesundem Körperfetischismus?

Das ist eine sehr gute Frage, die ich über einen Umweg beantworten werde. Gerade wurde Barbies 50. Geburtstag gefeiert. Als meine Tochter, die jetzt 20 ist, klein war, dachte ich, es sei kein Problem, wenn sie mit Barbie-Puppen spielt. Ein Spielzeug wie jedes andere: ein Ort der Imagination, kein wirkliches Vorbild, einfach ein Gegenstand, mit dem man sich beschäftigt, der Phantasie und Vorstellungskraft anregt. Nicht viel anders als das Spielen mit einem Kinder-Postbüro. Irgendwann lässt das Interesse daran nach.

Heute funktioniert das nicht mehr so?

In der Zwischenzeit sieht man viele Frauen, die wie lebende Barbies aussehen. Das ist ein Problem. Damit kommen wir zur Frage nach der Grenze zurück: Sie ist fließend, aber allgemein würde ich sagen, dass sie dort liegt, wo die Beschäftigung mit dem Körper aufhört, eine Quelle der Freude zu sein und anfängt, einen zu quälen und vor sich herzutreiben. Ich meine nicht das einfache Auftragen von Lippenstift, sondern ein Gefühl, wo man sich absolut nicht mehr wohl fühlen kann, wenn man nicht zuerst das, das und das an seinem Körper getan hat.

Zum Beispiel?

Viele Leute fühlen sich wirklich getrieben. Ihr Körper ist für sie ein riesiges Projekt. Manche haben zum Beispiel Angst, sie könnten ihren Job verlieren, weil sie die ganze Zeit essen. Wenn Essen jedes Mal aufs Neue eine Quelle der Besorgnis, der Scham oder des schlechtes Gewissen darstellt, dann haben Sie ein Problem.

Paris Hilton ist die global präsente Personifikation von Barbie. Über Figuren wie sie exportiert der Westen eine bestimmte Form von Körperideal in die entlegensten Ecken der Welt. Dadurch muss doch die Körpervielfalt enorm abnehmen?

50 Prozent aller koreanischen Mädchen lassen sich ihre asiatischen Lider operieren, um "westliche" Augenlider zu haben. Wir entwickeln eine vollkommen homogenisierte Sicht auf Körper. Singapur arbeitet daran, die Welthauptstadt der kosmetischen Chirurgie zu werden. Da geht es nicht nur um die Einwohner von Singapur, die sich selbst einen westlichen Look verpassen, sondern Menschen aus dem Westen fahren dorthin, um sich von Experten operieren zu lassen. Es ist beängstigend.

In Ihrem Buch beschreiben Sie einen Psychoanalytiker-Kongress in Brasilien, wo sie eine der wenigen Frauen waren, die nicht schönheitsoperiert war.

Etwas anderes hat mich dort noch viel mehr erschüttert hat: Die völlig unhinterfragte Art, mit der meine Kollegen über eine Frau sprachen, die einen Vortrag hielt. Der Tenor lautete: Was denkt die sich dabei öffentlich aufzutreten, so wie sie ausschaut? Das war die Antwort auf meine Frage, was die Kollegen vom Inhalt ihres Vortrags gehalten hatten.

In Ländern wie Brasilien, den USA oder Argentinien gelten schönheitschirurgische Eingriffen inzwischen als Norm. Dort würde es ein Analytiker wohl nicht weiter alarmierend finden, wenn seine Klienten Schönheitsoperationen hätten?

Das ist wahr und ich hatte das wirklich nicht erwartet. Ich glaube, ich bin ein bisschen naiv. Was tut ein Psychoanalytiker? Er hilft einem Menschen über seine Verhaltensweisen, Motivationen und Gefühle nachzudenken. In diesen Fällen scheint es aber so zu sein, als wäre der Raum zwischen Denken und Handeln eingebrochen. Letzte Woche war ich auf einem Analytikertreffen in New York. Auch dort habe ich Analytiker mit operierten Maskengesichtern gesehen.

Die sind vermutlich nicht imstande, bei ihren Klienten das Selbstwertgefühl zu fördern, das von Schönheits-Normvorstellungen unabhängig ist.

Es gibt unter Therapeuten viele, die der Meinung sind, dass an Schönheitschirurgie nichts Problematisches ist.

Und wie ist es bei Ihnen?

Ich bin keine Malen-nach-Zahlen-Therapeutin. Ich denke, ich würde mich aufs Zuhören verlegen und wissen wollen, welche Gedanken und Ideen sich die betreffende Person zu diesem Plan gemacht hat. Ich hatte Leute in meiner Praxis, die schönheitsoperiert waren. Es ist verzwickt.

Aber nicht unbedingt beunruhigend?

Ich hoffe nicht. Denn auf gewisse Weise hat sich Schönheitschirurgie tatsächlich zu etwas ziemlich Normalem und Alltäglichem entwickelt. Vor 20 Jahren hätte ich ganz anders darüber gedacht.

Es gibt aber auch sehr drastische chirurgische Eingriffe in den Körper. Im Buch erzählen Sie den äußerst seltsamen Fall von Andrew.

Andrew ist ein Mann in mittleren Jahren, der Zeit seines Lebens seine Beine als so überflüssig empfand, dass er sie chirurgisch entfernen lassen wollte, um sich ganz fühlen zu können. Als das nicht möglich war, packte er seine Beine so lange in einen Sack mit Trockeneis, bis eine Amputation medizinisch notwendig wurde. Ich wollte die Vorstellung von unserem Körper als etwas Natürlichem ins Wanken bringen. Indem ich jemanden zeige, für den sich seine Beine überflüssig anfühlen, stelle ich dieses Bild in Frage.

So etwas wie einen "natürlichen" Körper gibt es nicht?

Ganz genau. Es gibt nur Körper, die im Kontext eines kulturellen Umfelds unter bestimmten Bedingungen geschaffen werden: in dieser Familie, zu diesem Zeitpunkt, in dieser Weise. Ich wollte einfach einen dramatischen Weg finden, darauf hinzuweisen.

Wenn es also keinen "normalen" Körper gibt, dann bleibt als einziges Beurteilungskriterium für ein positives Körperverhältnis, ob man sich in seinem Körper wohl fühlt?

Richtig. Anders gefragt: Was wäre eine nicht-psychotische Position gegenüber dem eigenen Körper? Das hieße, sich des Drucks von außen bewusst zu sein, darüber zu schmunzeln, sich Gedanken zu machen, sich aber trotzdem auf einer fundamentalen Ebene in seinem Körper stabil zu fühlen.

Sie haben für die Kosmetik-Marke "Dove" eine Werbekampagne mitkonzipiert, die seit 2004 läuft. Ganz normale Frauen verschiedener Altersgruppen und mit sehr unterschiedlichen Nicht-Model-Körpern werben da für "Dove"-Produkte. Wie erklären Sie sich den großen Erfolg?

Ich glaube, am Anfang schauten sie auf die "Dove"-Plakate und dachten: "Was ist denn das? Da stimmt was nicht." Aber dann sehen sie es wieder und denken sich vielleicht: "Oh, das ist aber wirklich einmal interessant." Es funktioniert wie eine Erleichterung.

Welche Vision steht dahinter?

Meine Vision war die Frage: Ist es möglich, die Sehgewohnheiten zu verändern? Ich glaube allerdings, dass wir noch nicht sehr weit damit gekommen sind.

Interview: Julia Kospach

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