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Interview mit Najem Wali Geteilte Verzweiflung

Ein Gespräch mit dem irakischen Schriftsteller Najem Wali über die Rolle der Juden im Irak und sein neues Buch "Reise in das Herz des Feindes".

02.02.2009 00:02
Die Flagge mit dem Davidsstern zur Begrüßung neuer Zuwanderer zu Neujahr 1949. Foto: getty

Herr Wali, man sollte denken, als Iraker machen Sie sich genug Sorgen über die Entwicklungen in Ihrem Geburtsland. Warum interessieren Sie sich so sehr für Israel?

Der Konflikt zwischen Israel und den arabischen Staaten gilt als die Mutter aller Konflikte. Und das nicht nur mit Blick auf die aktuelle politische Konstellation. Die Juden sind historisch gesehen die älteste Gemeinschaft in Irak. Christen und Muslime kamen erst sehr viel später. Mein Interesse an Israel hat aber auch einen sehr persönlichen Grund. Ich verdanke einem jüdischen Arzt mein Leben, nachdem ich als Kind versehentlich eine viertel Flasche Petroleum getrunken hatte. Obwohl ich Dawud Gabbay, so hieß der Arzt, später aus den Augen verloren habe, ist mir diese Geschichte immer im Gedächtnis geblieben.

In Ihrem neuen Buch "Reise in das Herz des Feindes", das Dawud Gabbay gewidmet ist, erzählen Sie nicht zuletzt die Geschichte der irakischen Juden, die nach 1948 nach Israel ausgewandert sind. Was Sie schildern, kommt einem bisweilen vor wie der Traum von einer multikulturellen Gesellschaft. Ist das nicht zu schön, um wahr zu sein?

Ja, vielleicht ist es eine Utopie, die anfangs übrigens auch in der zionistischen Bewegung sehr verbreitet war. Die frühe Kibbuz-Bewegung war von solchen Gemeinschaftsideen durchdrungen. Das hat selbst nach 1968 die Leute noch fasziniert. Ich habe Anfang der achtziger Jahre in Deutschland in verschiedenen Wohngemeinschaften gewohnt, in denen immer auch Leute lebten, die eine Zeitlang im Kibbuz verbracht hatten. Wenn man sich die israelische Gesellschaft jenseits der besetzten Gebiete heute anschaut, dann kann man noch immer sehr viel von diesem Multikulturalismus finden. Als Iraker finde ich es faszinierend, wie es diesem kleinen Land Israel gelungen ist, einen funktionierenden Staat zu gründen. Dem Irak ist in über 5000 Jahren eine solche Staatsbildung im Grunde nicht gelungen. Von diesem Staat profitieren übrigens nicht nur die Israelis. Die so genannten 48er, die Palästinenser, die nach 1948 nicht ausgewandert sind oder sich nicht aus Israel haben vertreiben lassen, genießen dort bis heute mehr Rechte als ihre Brüder in vielen anderen arabischen Ländern. Ich will das keineswegs idealisieren, aber ich kann meine Augen davor auch nicht verschließen.

Stark inspiriert scheinen Sie von der israelischen Stadt Haifa. Was macht Haifa für Sie zu einem fast märchenhaften Ort?

Haifa ist es gelungen, im alltäglichen Leben eine gewisse Balance zwischen Juden, Arabern, Templern und Drusen hinzubekommen. Später kamen noch viele russische Juden hinzu. Diese Art Schmelztiegel hat mich immer fasziniert. Es gibt so etwas wie eine gelebte Zweisprachigkeit. Die Jugend spricht Arabisch und Hebräisch. Haifa war die einzige israelische Stadt, die in ihrer Geschichte einen Bürgermeister arabischer Herkunft hatte, der von Juden und Arabern gleichermaßen gewählt wurde. Heute hat die multikulturelle Stadt einen Bürgermeister jüdischer Herkunft, der von allen religiösen Gemeinden respektiert wird. Es wäre naiv, jegliche Konflikte zu leugnen. Die Gefahr, dass diese geschürt werden, besteht immer. In Haifa gelingt es jedoch, auf ganz pragmatische Weise an die Konflikte heranzugehen.

Es gehört zu den politischen Gemeinplätzen, dass für den Weltfrieden die Lösung des Palästina-Problems von zentraler Bedeutung ist. Sie schreiben nun, dass es sehr viel wichtiger sei, die Irak-Frage zu klären. Was verstehen Sie darunter?

Mich interessiert daran die identitätspolitische Situation. Die Iraker machen gerade die Entdeckung, dass sie kulturell und religiös unterschiedlich sind. Jahrelang hat ihnen eine Diktatur weisgemacht, dass sie alle gleich sind. Saddam Hussein hat nicht davor zurückgeschreckt, die Geschichte des gesamten Zweistromlandes diesbezüglich zu fälschen. Das konnte man sogar an den Gesichtern der Leute ablesen. Vergleichen Sie die Bilder. Bis 2003 sahen alle Iraker einander ähnlich. Die Männer trugen den gleichen Schnurrbart wie Saddam und hatten die gleiche Frisur. Man hat die Gemeinsamkeiten untermauert. Aber die Unterschiede waren deswegen nicht verschwunden. Ich bin in Basra geboren und hätte in Bagdad kein Haus bauen dürfen oder ein Auto anmelden können. All dieser Fragen bin ich mir während meiner Reisen durch Israel wieder bewusst geworden. Mir kam wieder zu Bewusstsein, dass die kulturellen Defizite der Iraker nicht für die irakischen Juden galten. Sie verfügten noch über die alte Bagdadi-Sprache und pflegten uralte musikalische Traditionen. Die irakischen Juden haben über 2000 Jahre im Irak gelebt und die irakische Kultur geprägt, so dass nur noch sehr schwer zu sagen ist, was jüdisch und was irakisch ist. Mir ist ein Satz von meinem Großvater im Ohr geblieben, der gesagt hat, dass der Niedergang der irakischen Kultur mit dem Weggang der Juden begann. Daran versuche ich anzuknüpfen.

So gesehen ist die Gründung des Staates Israel gar nicht das zentrale Problem für die anhaltenden Konflikte?

Ich glaube, dass man die kulturelle Situation der Region nicht aus den Augen verlieren darf. Das gilt nicht zuletzt für die Israelis. Sie sind ein Teil dessen, was ich das Mediterrane nenne. Es wird Israel nicht gelingen, sich dauerhaft davon abzusondern. Israel ist ein Teil der Region, und sie müssen sich mit deren Kultur auseinandersetzen. Umgekehrt gilt auch, dass der Staat Israel ein vergleichsweise neues Modell verkörpert, das die anderen arabischen Gesellschaften mit mehr Neugier betrachten sollten. Sie sollten sich fragen, wie sie von diesem Modell profitieren können. Einfach verschwinden jedenfalls wird dieses Modell nicht mehr. Was ich als mediterrane Kultur bezeichne, ist ja keineswegs eine Form von synthetischem Multikulturalismus. Das Mediterrane ist sehr alt. Es ist ja die Stammregion dreier großer Weltreligionen. Christentum, Judentum und Islam lassen sich kulturell nicht so leicht voneinander trennen.

Sie bevölkern Ihre Reiseerzählung mit einer großen Zahl polyglotter, liberaler jüdischer und arabischer Intellektueller. An jeder Ecke machen Sie Bekanntschaften, die man nicht für möglich gehalten hätte. Wie viel Wunsch und wie viel Wirklichkeit steckt in diesen Begegnungen?

Als ich nach Israel eingeladen wurde, hatte ich nicht die Absicht, ein Buch zu schreiben. Ich hatte keine Idee, geschweige denn eine Gliederung im Kopf. Im Nachhinein kommt mir die Reise wie eine Fiktion vor. Aber es ist nichts erfunden. Jede Begegnung, jede Geschichte hat sich so zugetragen. Natürlich hatte ich zunächst Angst davor, als Iraker in Israel auf Ablehnung zu stoßen. Aber auf der Straße und in den Cafés habe ich dann sehr viel anderes erlebt, als ich erwartet hatte. Ich würde mir wünschen, dass israelische Schriftsteller solche Bücher auch über Kairo oder Damaskus schreiben.

Beeinflussen die Nachrichten aus Gaza Ihre Haltung zu Israel?

Ich habe immer bekräftigt, dass wir in den arabischen Ländern mehr Intellektuelle brauchen, die es wagen, die jeweiligen Verhältnisse in ihren Ländern zu kritisieren. Deswegen überlasse ich es den israelischen Intellektuellen, sich zu ihrem Land und zum Vorgehen des Militärs zu äußern. Im Übrigen kenne ich das Dilemma des Soldaten sehr gut. Ich war selbst ein irakischer Soldat. Deshalb wird meine Sympathie für die israelische Bevölkerung nicht von den militärischen Strategien beeinträchtigt. Der Gazakrieg sagt sehr viel aus über das israelische Dilemma. Er zeigt, wie verzweifelt Israel ist. Das gehört zu den Gemeinsamkeiten, die ich gefunden habe. Beide Seiten teilen dieselbe Verzweiflung. Israel, hat einmal ein Kollege gesagt, ist wie einer, der plötzlich entdeckt, dass er Krebs hat und beschließt, sich umzubringen. Dies ist keine Lösung. Genau wie Israel mit dem Krieg von Juli 2006 Hassan Nasrallah und Hisbollah gestärkt hat, hat es diesmal der Hamas einen Gefallen getan. Die Hamas wird die Milliardenhilfe für den Wiederaufbau in die Kriegsmaschinerie und in politische Propaganda stecken.

Sie berichten von Suad, einer jungen Muslima aus dem Südlibanon, die nach einer wahren Odyssee heute Soziologie studiert, mit einem jungen Juden aus Bosnien liiert ist und in Jerusalem lebt. Sie scheinen solche Geschichten geradezu anzusaugen. Woher nehmen Sie die Hoffnung, dass die Menschen der Region, wie Sie schreiben, einmal nur sich selbst gehören?

Ich hege diese Hoffnung, weil ich solche Leute getroffen habe. Leute, die sich keine religiösen Vorschriften machen lassen wollen. Die Religion verändert sich mit den Menschen, die sie leben. Das kann man auch zwischen Hamburg und München entdecken. Als ich in Bayern zum ersten Mal jemanden "Grüß Gott" habe sagen hören, glaubte ich, er mache einen Scherz. Katholiken in Bayern sind nun einmal anders als in Peru. Wenn wir uns diese Unterschiede bewusst machen, dann kann es keinen einheitlichen Islam oder ein einheitliches Christentum geben.

Interview: Harry Nutt

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