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Interview mit Hélène Grimaud "Glenn Gould hat mich befreit"

Ein Gespräch mit der französischen Pianistin Hélène Grimaud über Johann Sebastian Bach, Dogmen und den Zusammenhang von Glauben und Kreativität.

30.12.2008 00:12
"Wenn ich die Größe dieser Pianisten als Endgültigkeit akzeptieren würde, müsste ich ja aufhören zu spielen", sagt Hélène Grimaud. Foto: Deutsche Grammophon

Frau Grimaud, Sie haben in einem Interview als Ihre Vorbilder für die Interpretation der Musik von Johann Sebastian Bach einmal Edwin Fischer, Murray Perahia, András Schiff und Angela Hewitt genannt. Was ist mit Swjatoslaw Richter und Glenn Gould?

Die hat mir anscheinend jemand heraus redigiert. Natürlich sind Gould und Richter Idole für mich, was das Bach-Spiel angeht. Meine erste Bach-Erfahrung war allerdings Edwin Fischer. Mein Vater gab mir eine Aufnahme mit ihm, ich war auf der Stelle fasziniert, bin es immer noch, wenn ich sie höre. Was ich ebenfalls erstaunlich und erstaunlich reizvoll finde: Sie können sich irgendein Präludium und eine Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier von einem der genannten Pianisten anhören, und jedes Mal kommen Sie zu der unausweichlichen Erkenntnis: Das ist es für mich, diese eine Interpretation. Aber noch einmal zu Gould: Was ich am meisten an seinen Interpretationen bewundere, vor allem bei Bach, ist sein Mut. Und deswegen war er so wichtig für mich. Er hat mich gewissermaßen befreit von allen Dogmen, die es bei Bach gab. Er ließ mich die Klischees vergessen: dass Bach der Anfang von allem sei, dass seine Musik einer Bibel gleichkäme. Kurzum eben all das, was für einen Interpreten seiner Musik total sterilisierend war.

Die Frage aber ist doch: Was meinen die Klischees, abgesehen davon, dass aus ihnen pure Unkenntnis der Musikgeschichte spricht? Welche Konsequenzen haben sie für den Inhalt einer Interpretation?

Gar keine. Es geht darum, das Material zu begreifen, seine Zuordnungen. Deswegen ist es für mich wichtig zu wissen, dass Bach von den klassischen Komponisten weiter entfernt war als von den romantischen. Es gibt in Bach unleugbar ein Element von Stille, von Licht, von Geheimnis, kurz etwas Unerklärliches. Und natürlich ist diese Musik dialektisch. Sie schafft die Verbindung zwischen menschlicher Existenz und göttlicher Unendlichkeit. Genau das ist, was Menschen, die Bach hören, in den Bann zieht. Und noch etwas: Die Essenz seiner Musik ist unabhängig von dem Vehikel, das diese Musik transportiert. Das haben Sie bei keinem anderen Komponisten.

Was glauben Sie: Wie würde Bach komponiert haben, wenn er nicht ein Protestant, sondern ein Katholik gewesen wäre? Hätte er dann wohl anders komponiert?

Eine sehr interessante Frage. Und sehr schwierig zu beantworten. Lassen Sie es mich so sagen: Wir würden es bevorzugen, dass er nicht anders komponiert hätte, aber natürlich hätte er anders komponiert als Katholik. Sie können die Herkunft und den Glauben nicht von einem Menschen trennen, also auch nicht von einem schöpferischen Menschen. Da gibt es eine tiefe Beziehung.

Gehören Sie einer Religion an?

Ich bin weder katholisch noch protestantisch. Der Stammbaum meiner Familie ist zu drei Vierteln jüdisch, zu einem Viertel katholisch. Aber erzogen worden bin ich absolut säkular, so hat die Religion keinerlei Auswirkung auf meine moralisch-ethische Entwicklung gehabt. Wie steht es mit Ihnen: Was sind Sie?

Katholik. Aber nicht aktiv.

Und was glauben Sie: Hätte Bach anders komponiert?

Ich denke schon. Nehmen wir Beethoven. Da kann man das Katholische in jedem Takt hören. Ein Protestant würde sich nie so direkt ausdrücken. Und vermutlich auch nicht so kraftvoll, zuweilen kraftmeiernd. Beethoven diskutiert die Dinge, Bach lässt sie dahin fließen. Er sagt: Es ist meine Idee von Leben, mein Ausdruck, ich stelle euch Idee und Ausdruck zur Verfügung. Vielleicht ist das der wesentliche Unterschied zwischen einem katholischen und einem protestantischen Komponisten.

Ja, da ist etwas dran. Denn Bach ist wirklich unglaublich organisch. Und seine Musik ist so unglaublich perfekt. Weil sie absolut natürlich ist in einem Sinn. Diese Musik versucht nicht darzulegen, zu diskutieren oder gar zu überreden, sie ist sich selbst genug. Sie will nichts demonstrieren.

Bei Gould hat man manchmal den Eindruck, er wolle genau das tun. Es gibt kluge Leute, die behaupten, die gesamte Bach-Rezeption habe sich geändert mit ihm. Stimmen Sie dem zu?

Ja.

Aber wir haben Richter, wir haben Fischer, und wir haben Harold Salomon. Kennen Sie ihn?

Ja. Vor allem seinen Beethoven. Aber ich kenne seine Bach-Interpretationen nicht. Wie sind sie?

Verrückt. Unglaublich langsam, unglaublich intensiv. Irgendwie schwebend. Man kann sagen: spirituell. Gould ist das nicht, oder?

Nein. Was mich an seiner Bach-Interpretation beeindruckt, ist die vitale Energie. Darin ist er einzigartig. Da ist kein Druck, keine Konzeption mit schönen Momenten. Bei Gould gibt es etwas Animalisches, so eine Art Grummeln, das konsequent durchgehalten ist, ein Atem, der buchstäblich Ausdruck von etwas Lebendigem ist. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll. Aber bei Gould schwingt irgendeine Dimension mit, die wir nicht zu fassen vermögen.

Aber ist es nicht ungeheuer schwierig, nach einem Pianisten wie ihm, nach Richter und auch Friedrich Gulda, den wir nicht vergessen sollten, Bach zu spielen? Sie haben vorhin gesagt, Gould habe Sie befreit von den Dogmen. Aber hat er nicht eine andere Art von Festnahme verursacht?

Überhaupt nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn ich die Größe dieser Pianisten als Endgültigkeit akzeptieren würde, müsste ich ja auf der Stelle aufhören, Klavier zu spielen. Dann hätte ich schon Schumanns Kreisleriana nie spielen dürfen und schon gar nicht Stücke von Rachmaninow, nach Legenden wie Serkin, Arrau, Backhaus und Rachmaninow selbst. Das Gleiche gilt für Bach. Es befreit mich wirklich, Goulds Interpretationen zu kennen. Sie erst geben mir den Impetus zu spielen. Und das ist eines der schönsten Geschenke, die Sie kriegen können: Inspiration, Dinge zu tun, die Sie vielleicht gewöhnlicher Weise nicht tun würden.

Interview: Jürgen Otten

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