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Interview mit Dieter Glawischnig Hey, ich wusste gar nicht, dass du auch Klavier spielen kannst

Dieter Glawischnig, der langjährige Chefdirigent der Hamburger NDR-Bigband, über Siebener-Takte, seinen Heino-nein-danke-Button und die unbändige Lust am Neuen.

20.01.2009 00:01
Tag der deutschen Einheit 2008
"Meine Rolle war es immer, auszugleichen und zu harmonisieren", sagt Dieter Glawischnig. Foto: NDR

Herr Glawischnig, wozu braucht eine Jazz-Bigband einen Dirigenten?

Die alten Bigbands mit den großen Namen, also die Count-Basie- oder Duke-Ellington-Band brauchten keinen Dirigenten. Da saß der Chef am Klavier und die Band spielte ihr Repertoire. Aber eine moderne Rundfunk-Band hat mit einem sehr differenzierten Repertoire zu tun. Sie spielt auch die alten Swing- und Latin-Stücke, auf der anderen Seite aber sehr moderne Literatur. Da gibt es zwar auch nicht unbedingt viel zu dirigieren. Man sollte sich bei Konzerten darauf beschränken einzuzählen, Einsätze zu geben, bei Tempowechseln genaue Vorgaben zu machen und bei verwickelteren Metren, also etwa Siebener- oder Elfer-Takten aufzupassen - und am Schluss abzuwinken. Ansonsten steht man halt auf der Bühne herum. Man kann diese Arbeit natürlich auf verschiedene Arten machen: appetitlich, zurückhaltend, aufdringlich oder blöd. Man muss wissen, was die Band braucht. Die Hauptarbeit eines Chefdirigenten ist es, mit der Band zu proben und dafür sorgen, dass das, was in den Partituren steht, auch umgesetzt wird. Und zweitens ist man als Chefdirigent dafür verantwortlich, dass die Musiker interessante Aufgaben bekommen.

Gehört zum Aufgabenbereich auch Motivierungsarbeit, wie bei einem Fußballtrainer?

In gewissem Sinne schon. Diese Musiker haben ja alle ihr ganz eigenes Profil und eine eigene Meinung zu der Musik, die sie spielen. Da prallt schon gelegentlich einiges aufeinander. Meine Rolle war es dann immer, auszugleichen und zu harmonisieren.

Der Dirigent als Harmonisierer? Erstaunlich.

Ja, aber hart in der Sache. Es gab immer viel auszugleichen, auch zwischen der Redaktion (des NDR, d. Red.) und den Musikern. Und man muss sich dafür einsetzen, dass Projekte, bei denen nicht unbedingt das Herzblut der Musiker fließt, ordentlich und professionell erledigt werden. Das haben wir immer geschafft.

"Ordentlich" heißt aber auch, dass das Projekt für die Musiker zumindest ansatzweise interessant sein muss.

Schon. Aber das Wichtigste war für mich doch immer, eigene Projekte zu schaffen, die für die Musiker interessant waren. Und darauf hin zu arbeiten, dass die Band um ihrer selbst willen geschätzt wird, wegen ihrer eigenen Potenzen also, und nicht etwa nur, weil sie mit einem Prominenten aus den USA, wie zuletzt mit Al Jarreau, eine erfolgreiche internationale Tournee absolviert hat. Andererseits wussten wir natürlich immer, dass das große Publikum die großen Namen als Aufhänger braucht. Das gehörte auch zu den wirklich schönen Seiten an diesem Job, mit den Helden der eigenen Jugend auf der Bühne stehen zu können: McCoy Tyner, Benny Golson... Nur Miles Davis ist uns entgangen. Für die Motivation der Musiker ist es übrigens auch wichtig, für Abwechslung zu sorgen, also immer wieder Gastdirigenten zu verpflichten, die mit eigenen Projekten kamen.

Für interessante und daher anspruchsvolle Projekte ist eine ausgezeichnete Verfassung der Band selbst eine entscheidende Voraussetzung.

Wir haben natürlich sehr kontinuierlich und nachdrücklich an der künstlerischen Entwicklung der Band gearbeitet und sehr genau aufgepasst, wenn Nachbesetzungen von frei werdenden Stellen anlagen. Wir wollten einfach die besten Leute nach Hamburg holen. Das hat sich letztlich gelohnt, wir haben eine ganze Reihe ausgezeichneter Musiker für die Band verpflichten können. Aus der Frankfurter Szene sind auch zwei dabei, Christof Lauer und Stefan Lottermann, und Günter Lenz schreibt viel für uns.

Die NDR-Bigband hat nach allem, was zu lesen ist, in den letzten Jahren überall, wo sie aufgetreten ist, jede Art von Publikum für sich eingenommen.

Ich denke, dass die Band in allen ihren Aufgabenbereichen herausragend ist: Sie spielt vergleichsweise konventionelle Bigband-Programme auf einem hervorragenden Niveau, aber auch die aktuellen Projekte oder Material, das normalerweise weit außerhalb eines Bigband-Repertoires liegt wie Kurt Weill oder Frank Zappa. Was übrigens auch wichtig für die Entwicklung der Bigband und für ihr Bedeutung im NDR war: Dass wir sehr viel gespielt haben. Wir waren im Sendegebiet sehr präsent und sind auch viel national und international auf Konzertreisen gewesen.

Wenn wir zurückblicken, war die NDR-Bigband in Deutschland ja der Modellfall bei der Umwandlung der alten Rundfunk-Tanz- und Unterhaltungs-Orchester in moderne Bands. Die Umwandlung war auch ein Paradigmenwechsel: Die Tanz- und Unterhaltungsorchester spielten zu verschiedenen Anlässen Gebrauchsmusik, aber mit den Veränderungen, wie sie beim NDR um 1980 eingeleitet wurden, kam der Kunstanspruch in die Bigband-Szene.

Ja, das stimmt, ich glaube, dass wir da mit Wolfgang Kunert als Redakteur eine ganz wichtige Arbeit gemacht haben.

Heutige Rundfunk-Bigbands orientieren sich entweder an dem in Hamburg kreierten Modell, oder sie existieren nicht mehr beziehungsweise nur noch als Telefon-Bands, weil man sich nur noch selten trifft.

So kann man es sehen. Lucas Schmid, der bei der WDR-Bigband so große Erfolge hat, war vorher Bassposaunist bei uns. In Frankfurt hat Jörg-Achim Keller, der jetzt in Hamburg mein Nachfolger geworden ist, die HR-Band nach einem ähnlichen Modell umgestaltet wie wir es in Hamburg installiert haben.

Eine Auflösung der Band, wie bei anderen Rundfunkanstalten, war nie im Gespräch?

Ich glaube, Anfang der neunziger Jahre war die Band ziemlich auf der Kippe. Inzwischen sagt der Intendant, dass er stolz auf sie sei und sie auch weiterhin schützen werde.

Sie waren, bevor Sie nach Hamburg gingen, Professor in Graz. Wie kamen Sie von dort in den achtziger Jahren ausgerechnet nach Hamburg?

Ich habe 1973 zum ersten Mal als Gastdirigent bei der NDR-Bigband gearbeitet, und wir fanden Gefallen aneinander. Als dann ein Chefdirigent gesucht wurde, stand ich eben auf der Liste, und es ergab sich, dass ich an der Musikhochschule zugleich eine Professur bekam. Diese Kombination war sehr attraktiv: Theorie und Praxis nebeneinander betreiben zu können. So kommt es auch, dass alle Musiker der Bigband Teilzeitprofessuren an der Musikhochschule haben. Das finde ich sinnvoll, und das gehörte auch zum Hamburger Modell. Ich hatte allerdings auch genug zu tun damit und musste meine eigenen musikalischen Aktivitäten, etwa mit meinem Trio, einschränken.

Das ist Professoren- und Chefdirigenten-Schicksal, als ausübender Musiker zurückstecken zu müssen.

Ja, aber wenn nach einem Trio-Auftritt irgendein junger Typ kommt und sagt: Ich kannte dich nur als Bigband-Leiter, ich wusste ja gar nicht, dass du auch Klavier spielen kannst - das ist schon ärgerlich.

Sie haben auch in früheren Zeiten mit der Band Fernsehauftritte absolviert. Stimmt die Geschichte, dass Sie in Hans-Joachim Kulenkampffs Sendung "Einer wird gewinnen", in der Heino auftrat, mit einem Heino-nein-danke-Button aufgetreten sind?

Ja, das stimmt. Bei meiner Verabschiedung in Hamburg hat sogar der Intendant noch einmal darauf Bezug genommen. Es war aber eine ganz harmlose Sache, und ich glaube, im Fernsehen war das auch gar nicht zu erkennen.

Waren Sie da schon Chefdirigent?

Das weiß ich gar nicht mehr genau. Ich denke, es war Anfang der achtziger Jahre, also werde ich die Stelle schon gehabt haben.

Hat dieser Button jemanden gestört? Heino zum Beispiel?

Ach was, der hat gelacht. Das ist ein ganz reizender Mensch. Der weiß, dass das, was er musikalisch macht, nichts Besonderes ist.

Durch die lange Geschichte Ihrer kompositorischen Arbeit für die Hamburger Bigband ziehen sich wie ein roter Faden Musik-Text-Projekte und vor allem die Zusammenarbeit mit Ernst Jandl, die beispiellos war und für mich der wichtigste Teil Ihres Werkes. Sehen Sie das auch so?

Ja, die Jandl-Stücke liegen mir sehr am Herzen. Wir haben auch sehr schöne Projekte gehabt, etwa mit Henning Venske und vor allem immer wieder mit Dietmar Mues. Für mich ist mein wichtigstes Stück "Als die Synagogen brannten", das zum 50. Jahrestag der sogenannten Reichskristallnacht herausgekommen ist.

Das wichtigste Stück oder das beste?

Das wichtigste.

"Wichtig" bedeutet, dass nicht nur ästhetische Kriterien im Spiel sind.

Sondern auch politische, oder ganz allgemein: Stoff zum Denken. Das haben wir auch mit den Jandl-Projekten geschafft, denke ich. Jandl ist ja für viele nur ein Witzbold, aber unsere Projekte haben zeigen können, wie klug und wie politisch er ist. Dagegen haben mich diese Jazz-und-Lyrik-Projekte, wie man sie früher gelegentlich hatte, nie besonders interessiert. Mich haben eher Gesamtkunstwerke gereizt, in denen man auch kompositorisch anspruchsvoll arbeiten konnte - also etwa musikalische Strukturen aus den Textstrukturen ableiten. Jandl hat gerade für diese Arbeitsweise wunderbare Stücke geschrieben. Kennen Sie den "Bericht über Malmö"? Er ist überaus musikalisch, das erste Rap-Stück, wenn Sie mich fragen.

Jandl ist für Sie ein Freund gewesen und ein lebensbegleitendes Thema?

Ja, er war oft mit uns live auf der Bühne, wir haben viele Jahre mit ihm im Trio gearbeitet, wir haben auch Jandl-Projekte mit Vokalisten wie Dietmar Mues oder Lauren Newton zusammen realisiert, und ich habe auch mit Dietmar Mues das Duo-Projekt "Ernst Jandl forever" gemacht.

Lehren Sie noch?

Nein, ich spiele und schreibe. Ich arbeite an ein paar musikalischen und zwei Buchprojekten, einem zur Ästhetik des Jazz und einem zur Geschichte der Bigbands in Deutschland.

Mit welchen Prioritäten?

Spielen!

Interview: Hans-Jürgen Linke

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