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Interview mit Charlotte Gainsbourg "Ich habe meine Grenze gesucht"

Charlotte Gainsbourg im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über ihren neuen Film "Antichrist", die Arbeit mit dem Regisseur Lars von Triers und warum sie sich von einer Pornodarstellerin doubeln ließ. ()

08.09.2009 00:09
Charlotte Gainsbourg hat für die Hauptrolle in Lars von Triers "Antichrist" als beste Darstellerin in Cannes ausgezeichnet worden.Charlotte Gainsbourg: Foto: mfi

Charlotte, haben Sie "Antichrist" eigentlich überstanden, ohne irgendwelche Schäden davon getragen zu haben?

Ich denke ja. Jedenfalls versuche ich mir das einzureden. Aber es war natürlich eine aufwühlende und verstörende Rolle. Während der Dreharbeiten bin ich zwei Monate lang blutüberströmt und schreiend durch einen Wald gelaufen. Ich war wie in Trance. Ich träumte viel in dieser Zeit, aber ich hatte auch Vergnügen an dieser Figur.

Das heißt, diese extreme aggressive Rolle hatte etwas durchaus Lustvolles für Sie?

Absolut. Ich habe das Schreien regelrecht genossen. Es war, als ob man mir erlaubt hätte, zwei Monate lang durch eine Krise zu gehen und mich vollständig gehen zu lassen. Diese Freiheit hat man im Leben nicht so ohne weiteres. Nicht mal Kindern erlaubt man, derart auszurasten. Ich habe mich in dieser Rolle vollkommen ausgetobt.

Wie haben sie diese Trauer so lange ertragen?

Nur, indem ich aus ihr ausgebrochen bin. Das hätte ich sonst nicht zwei Monate durchstehen können. Aber ich habe mich gern in der Atmosphäre des Filmes eingeschlossen. Wir waren vollkommen von der Welt abgeschnitten in einem Wald in der Nähe von Köln. Wir drehten in dieser sehr schönen Natur, aber wohnten in einem nagelneuen Hotel, das auf einen Golfplatz raus ging. Alles war sehr aseptisch. Es gab keine Lobby, keine Rezeption. Am Ende des Tages ging jeder sofort auf sein Zimmer. Obwohl diese Rolle auch etwas Euphorisierendes hatte, war ich nach zwei Monaten vollkommen erschöpft.

Antichrist, Trailer. Dänemark/Deutschland/Frankreich/Italien/Schweden 2009

Überall war zu lesen, dass "Antichrist" eine Zäsur in Ihrer Karriere markiert. Empfinden Sie das genauso, dass es ein "davor" und ein "danach" gibt?

Nachdem ich aus Cannes wiedergekommen bin, gratulierten mir alle und freuten sich mit mir, was mich sehr gerührt hat. Ich hatte das Gefühl, eine große sportliche Leistung vollbracht zu haben, als hätte ich die Fußballweltmeisterschaft gewonnen! Aber in Wahrheit hatte das "Danach" für mich zu diesem Zeitpunkt längst begonnen. Noch vor Cannes habe ich bereits wieder gedreht. Eigentlich, ohne mir die Zeit zu nehmen, vorher durchzuatmen. Während der Dreharbeiten von "Antichrist" hatte ich natürlich das Gefühl, dass der Film, der danach kommen würde, schwierig sein würde. Mir war bewusst, dass ich eine extreme Rolle spiele und dass man von mir vermutlich so schnell nicht wieder verlangen wird, so weit zu gehen. Ich musste extreme Sensibilität, extremes Leid, aber auch extreme Aggressivität zeigen und das alles in einem Gemisch aus Horror, Blut und Sex.

Es war das erste Mal, dass Sie mit Lars von Trier zusammengearbeitet haben...

Ja, und es war wie eine Offenbarung für mich. Auch eine große Begegnung mit einem Menschen, der mir, obwohl ich ihn bis heute nicht richtig kenne, sehr vertraut vorkommt und zu dem ich eine große Nähe empfinde.

Weil er Sie an Ihren Vater erinnert?

Ich bin sicher, dass das eine große Rolle gespielt hat. In seiner Art, provokativ und dabei sehr zerbrechlich zu sein. Auch unberechenbar. Wobei mein Vater eigentlich weniger unberechenbar war als Lars. Er hatte eine Form von Humor, die ich gut kannte, er provozierte - dann kam natürlich der Alkohol dazu, der alles extremer macht. Insofern hat mich Lars, der ähnliche Tendenzen hat, natürlich an meinen Vater erinnert. Aber eigentlich kam er mir noch weniger stabil vor. Es gab Tage, da ging es ihm so schlecht, dass wir Angst hatten, er würde alles hinschmeißen. Aber da erschöpft sich eigentlich auch schon der Vergleich, außer, dass ich in vielen Szenen so weit gehen konnte, weil ich ihm einfach gefallen wollte -genau so wie ich auch meinem Vater gefallen wollte.

Wo andere provozieren, um sich von ihren Eltern zu entfernen, nehmen Sie den Weg der Provokation, um sich ihnen anzunähern. Täuscht der Eindruck oder hat diese Rolle viel mit ihren Eltern zu tun?

Ich habe jedenfalls während der Dreharbeiten lange Unterhaltungen mit meiner Mutter per SMS geführt. Ich hatte das Gefühl, eine Grenze zu übertreten: Es ging mir wie einem Kind, das provozieren will. Aber ich musste mir dabei selbst etwas Gewalt antun, obwohl es mir im Grunde auch Spaß machte. Vielleicht, weil ich einmal nicht das liebe, brave Mädchen sein wollte, als das mich alle Welt sieht. Ich wollte überraschen, zeigen, wozu ich fähig bin. Mich beweisen. Ich hatte nämlich während der ganzen Dreharbeiten das Gefühl, eine Art Notnagel zu sein, weil der Film nicht für mich geschrieben worden ist und Eva Green eigentlich die Rolle der Frau hätte übernehmen sollen. Ich fühlte mich deshalb von Anfang an wie ein Eindringling und musste zeigen, wozu ich imstande bin, musste mir und anderen beweisen, dass ich diese Rolle wirklich verdient hatte.

Lars von Trier wird vorgeworfen, einen frauenfeindlichen Film gemacht zu haben, weil er diese extrem empfindsame, extrem aggressive Frau zeigt, die am Ende wie eine Hexe verbrannt wird. Können Sie diese Vorwürfe nachvollziehen?

Nein. Für mich hätte diese Frau auch ein Mann sein können. Ich habe mir während der Dreharbeiten eigentlich immer vorgestellt, dass ich Lars selbst spiele. Alle Angstkrisen, die ich spielen musste, hatte ich vor Augen. Was man im Nachhinein über seine vermeintliche Frauenfeindlichkeit gesagt hat, kann ich nicht nachvollziehen. Denn was er der Frauenfigur in diesem Film zumutet, steht er selbst durch. Natürlich spielt seine Angst vor Frauen da mit rein, seine Angst vor seiner Mutter, sein Verhältnis zu Kindern. Obwohl er ein Mann ist, besteht zwischen ihm und dieser Frau eine enge Verbindung durch den Schmerz. Sie empfindet, was er empfindet. Deswegen habe ich ihn auch nicht als außen stehenden Zuschauer, sondern als einen Verbündeten wahrgenommen, der mich durch die Rolle durchgeführt und verstanden hat.

Können Sie dennoch nachvollziehen, warum der Film in Cannes so zwiespältig aufgenommen worden ist?

Ich habe ehrlich gesagt damit gerechnet. Aber ich habe vor allem damit gerechnet, dass das Publikum in Cannes heftig reagiert und den Film ablehnt. Das Gegenteil war der Fall. Es waren die Filmkritiker, die schlecht reagierten, nicht die Zuschauer. Im Vergleich mit ihnen ist die Presse offensichtlich viel reaktionärer. Aber ich hoffe, dass das nicht in allen Ländern der Fall ist.

Die Frage ist doch, ob die Gewalt von "Antichrist" unbegründet, ob sie gewissermaßen umsonst ist?

Das ist sie auf keinen Fall. Lars ist nicht jemand, der um der Provokation Willen provoziert. Er muss sich selber provozieren, weil er als Künstler weiterkommen möchte. Das mag einem manchmal abstrakt oder unsinnig vorkommen, weil er nicht unbedingt Antworten auf die Fragen gibt, die er aufwirft. Bei ihm ist eben alles sehr instinktiv und er kann oder will seinen Film nicht erklären.

In Cannes ist er sogar harsch von einem Journalisten angefahren worden, er möge sich bitte rechtfertigen...

Ich fand das erschreckend, dass man jetzt offensichtlich keine Filme mehr machen kann, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Es gibt so wenige Regisseure, die sich mit ihren Filmen ausdrücken wollen. Die Mehrheit schließt sich doch dem Mainstream an und produziert nur Stereotypen, ein leichtes Kino, das die Leute zum Lachen bringt, aber um Gottes Willen nicht zum Nachdenken oder dass sie sogar schockiert. Die Zeiten sind offensichtlich derart hart, dass man nur noch Filme machen darf, die von der eigenen Existenz ablenken.

Welche Botschaft hat der Film Ihrer Meinung nach?

Ich bin nicht gut in Analysen, aber bei Lars habe ich das Gefühl, dass die Frau als quasi übermenschliches Wesen mit übernatürlichen Kräften auf einem Podest steht, von dem er sie am Ende runterreißen muss. Für mich ist es jedenfalls ziemlich leicht nachzuvollziehen, dass Frauen ein anderes Verhältnis zur Natur haben, dass sie auch Schuldgefühle empfinden können, wenn sie zwischen ihrer Rolle als Mutter und Subjekt ihrer Sexualität entscheiden sollen. Natürlich gibt auch der Film auf diese Fragen keine Antwort, auch wenn er zeigt, dass diese Frau ihr Kind vorher schlecht behandelt hat, dass sie eine Art Rabenmutter war und am Ende für schuldig befunden wird und sterben muss. Aber das sind nun mal Dinge, die existieren. Warum ist es verwerflich, diesen Wahnsinn zu zeigen?

Hat es Ihnen für die Rolle geholfen, selbst Mutter zu sein?

Nein. Ich habe meine Kinder außen vor gelassen und wollte nicht an sie denken. Die Gefühle der Trauer, des Verlustes, des Schmerzes sind vollkommen erfunden. Natürlich benutzt man immer, was man selbst erlebt hat und schöpft aus seinen eigenen Erfahrungen. Aber ich wollte es vermeiden, auf diese Gefühle Bilder meines eigenen Lebens zu legen.

Kann man das denn wirklich verhindern?

Ja, problemlos. Ich habe bei den Dreharbeiten dieses Films im Grunde zum ersten Mal gespürt, dass man sich in einer bestimmten Szene nicht unbedingt aus der eigenen Erfahrung bedienen muss. Die Dinge kommen von allein, ganz unbewusst, ohne dass man sie ruft. Normalerweise fallen mir Szenen, in denen ich weinen muss, sehr schwer. Aber diesmal habe ich, obwohl ich ständig weinen sollte, mich dadurch nicht verunsichern lassen und einfach dem Augenblick vertraut. Seltsamerweise kommen die Tränen von ganz alleine, wenn man in der Aufrichtigkeit ist.

Wollen Sie damit sagen, Sexszenen fallen Ihnen leichter als vor der Kamera zu heulen?

Ja, die Seele offen zu legen ist schwieriger als den Körper zu zeigen. Sexszenen sind letztlich Körperszenen, wo man sich vielleicht etwas schämt oder verlegen ist, weil man seinen nackten Körper an einem nackten Körper spürt, den man nicht kennt. Aber man ist sich dabei doch sehr bewusst, dass es etwas Künstliches ist, was einem nicht sehr nahe geht. Manchmal sind alle Beteiligten so verlegen, dass es schon wieder lustig ist. Ich erinnere mich, bevor wir mit den Dreharbeiten begonnen haben, hat sich Lars ausgezogen. Willem Defoe auch. Einfach, um die Scham aus sich heraus zu lassen. Ich wollte nicht. Aber wenn man einmal die Grenze übertritt, ist es gar nicht so schlimm.

Was empfinden Sie, wenn Sie ihren nackten Körper auf der Leinwand sehen?

Ich finde mich nicht schön, falls Sie das meinen. Ich bin zu mager. Es ist kein Frauenkörper, den ich da sehe. Aber es ist viel besser als früher, da habe ich es gehasst, mich zu sehen. Inzwischen akzeptiere ich meinen Körper, ich bewohne ihn. Und solange ich meine Brüste nicht zeigen muss, habe ich kein Problem mit Nacktszenen. Meinen Hintern kann ich zeigen, das macht mir nichts. Auch die Masturbationsszene war gar nicht so schwierig. Es hat mich amüsiert, so weit gegangen zu sein. Ich habe vor allem gelernt, dass ich gar nicht so leicht zu schockieren bin.

Sie werden in den extremsten Szenen von Pornodarstellern gedoubelt. Hätten Sie diese Szenen nach allem, was sie zeigen, nicht auch selbst spielen können?

Oh, nein! Ich habe in dieser Sache eine ganz eindeutige Grenze. Lars hatte im Drehbuch wirklich alles in allen Einzelheiten aufgeführt. Die Sexszenen, wie er sie wollte, was man sehen sollte. Er bestand darauf, dass ich mich damit vor den Dreharbeiten intensiv beschäftige, weil er wirklich wollte, dass ich weiß, worauf ich mich einlasse. Er wollte vermeiden, dass ich mitten in den Dreharbeiten alles hinschmeiße.

Gab es Momente, wo es für sie zu weit ging?

Es gab eine Szene, die war eigentlich als Überblendung gedacht, wo man das Geschlecht des Pornodarstellers und dahinter mein Gesicht sieht. Lars fragte mich, ob er wie geplant zwei Aufnahmen machen und beide überblenden soll oder ob ich mich darauf einlasse. Ich habe mir das zugetraut. Warum sollte mich das stören, eine Einstellung mit einem Pornodarsteller zu machen? Als es dann soweit war, wurde mir ganz anders. Ich bin wirklich nicht prüde, aber plötzlich kam ich mir vor wie in einem falschen Film: Es war nicht mehr Willem Defoe, sondern dieser Pornodarsteller, der sich masturbierte, weil sein Geschlecht erigiert aufgenommen werden sollte. Lars fragte mich, ob wir dann noch die Szene drehen können, wo ich einen Holzblock auf sein Geschlecht werfe. Es ging nur um meine Hände. Aber da war dann endgültig Schluss. Die pornographischen Szenen hätte ich schlicht und einfach nicht drehen können. Da ist meine Grenze. Eigentlich eine lächerliche Grenze...

Wieso lächerlich?

Sagen wir so: Ich habe meine Grenze gesucht und wusste vorher wirklich nicht, wo sie war. Ich kann mir Sachen theoretisch sehr schlecht vorstellen. Aber neben jemand zu liegen, den man nicht kennt, mit dem ich den Film nicht hätte drehen wollen, ändert alles. Es hat mich überrascht und zugleich auch geärgert, dass ich vorher nicht gewusst hatte, wo meine Grenze ist. Ich bin nicht jemand, der vorher sagt: Bis dahin und nicht weiter.

Was eigentlich ziemlich normal ist....

Nein. Es gibt Leute, die Prinzipien haben. Ich gehöre nicht dazu. Das macht einen verletzlicher, keine Prinzipien zu haben. Andererseits muss man einfach nur mutiger sein und sich nicht überrennen lassen und Halt schreien, wenn man nicht weitergehen will.

Welches Bild haben Sie von Deutschland, nachdem sie zwei Monate in einem gruseligen Wald und einem menschenleeren Hotel verbracht haben?

Das Hotel und der Wald waren zwei eigene Welten. Der Wald war wunderschön, aber machte mir wirklich Angst.

Das klingt nicht wie eine Liebeserklärung...

Sagen wir so: Ich habe kein ganz so schreckliches Bild, wie man denken könnte.

Interview: Martina Meister

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