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Interview mit Bettina Röhl "RAF war keine Kinderhilfsorganisation"

Bettina Röhl wendet sich im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau gegen die Instrumentalisierung von Pädophilie-Vorwürfen bei der Bewertung der Geschichte ihrer Eltern Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl.

07.05.2010 00:05
Bettina Röhl ist die Tochter von Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl. Foto: dpa

Frau Röhl, Ihre Halbschwester Anja Röhl berichtet im Stern, dass sie von ihrem Vater, Klaus Rainer Röhl, sexuell missbraucht wurde. Nun diskutiert die Öffentlichkeit auch über die Geschichte der Zwillingsschwestern Regine und Bettina, die Rolle ihrer Mutter, Ulrike Meinhof und der RAF - wie geht es Ihnen dabei?

Es geht nicht, dass der stern in einer Geschichte, in der es um einen vorläufig erst einmal nur behaupteten Missbrauch geht, mit dem ich nichts zu tun habe, meine Person und auch die meiner Zwillingsschwester mit Wort und Bild hineinzieht. Das ist schlechter Journalismus. Ich sehe auch meine Rechte in dem stern-Text weitergehend beschädigt. Warum konnte Anja Röhl, wenn ihr fünfzig Jahre später danach ist, nicht ihre ganz persönliche Geschichte mit ihrem Vater öffentlich machen, wenn sie ein Medium dafür findet? Warum garniert der stern das Ganze mit Ulrike Meinhof und zwei Kindern, die mit der behaupteten Missbrauchsgeschichte nichts zu tun haben?

Vielleicht, weil man sich fragt, wie es diesen Kindern erging?

Wenn der Missbrauch nicht ausreicht, dann wird die Sache nicht besser, weil man sie mit Meinhof und Adolf Hitler anspitzt und zwei Kinder, meine Zwillingsschwester und mich, mit hereinzieht. Die Spekulation, dass Röhl pädophil geworden sei, weil er als Hitler-Junge zu Kriegsdiensten heran gezogen wurde, stützt die noch erst zu beweisende Behauptung Anja Röhls nicht. Auch die Masche, andere behauptete Missbrauchsopfer Röhls als Beweis dafür heran zu ziehen, dass die Missbrauchsbehauptung gegen Röhl stimme, wirft kein gutes Licht auf die Sache. Das Motto, wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, wer einmal pädophil ist, ist es immer, ist nicht mit den Grundsätzen des geltenden Rechts vereinbar, auch nicht mit den Grundsätzen des ordentlichen Journalismus.

Was sagen Sie zum behaupteten Missbrauch durch Ihren Vater Klaus Röhl?

Ich nenne es widerlich, dass meine Halbschwester Anja Röhl, die ich als Werkzeug von Ditfurth sehe und die sich seit einem halben Jahrhundert jammernd und zeternd über ihr Leben beklagt, das sie als Nebenrolle empfindet, sich in dieser Form meint, hervortun zu sollen und dabei nicht bei ihren Leisten bleibt, sondern meine Zwillingsschwester und mich mit herein zu ziehen versucht. Zu den Pädophilievorwürfen äußere ich mich, wenn es tatsächlich um diese Sache geht, und nicht Pädophilievorwürfe als Instrument ideologischer Interessenverfolgung missbraucht werden.

Was haben Sie gedacht, als Sie von der Veröffentlichung erfuhren?

Ich hatte gleich den Verdacht, als ich vorgestern von der Sache vorab erfuhr, dass Anja Röhl einen tatsächlichen oder behaupteten Missbrauch und ihre Story in den Dienst einer langanhaltenden ziemlich fanatischen und ziemlich verbiesterten linksradikalen Strategie einer gewissen Jutta Ditfurth stellt.

Was meinen Sie damit?

Seit Donnerstag morgen geistert eine Mail von Ditfurth durch die Gegend. Ditfurth verbreitet in der Mail die Botschaft, unbedingt den stern-und den taz-Artikel zu lesen. Die taz hat schon einmal die Sau rausgelassen, in dem sie heute spekuliert, dass meine Schwester und ich damals 1970 von einer sozusagen fürsorglichen Mutter Meinhof und ihren "Freunden" von der RAF vor dem pädophilen Vater Klaus Rainer Röhl in Sicherheit gebracht werden sollten und deshalb nach Sizilien heimlich gebracht wurden, um von dort aus in ein palästinensisches Waisenlager oder alternativ zur Meinhof-Schwester Wienke (Angehörige der Roten Hilfen, Angehörigen-Gruppen) gebracht werden sollten, um entweder unter palästinensischer Sonne oder unter dem Schirm des ideologischen Drucks der Meinhof-Schwester aufzuwachsen. Genau das war auch schon Ditfurths Botschaft in ihrem Buch mit Namen "Ulrike Meinhof. Die Biographie", das 2007 erschien.

Was stört Sie an dieser Darstellung Ihrer Mutter?

Dass über die Verschleppung meiner Schwester und meiner Person nach Sizilien schwadroniert und die oben geschilderte Behauptung aufgestellt wird, dass es sich nicht um eine Verschleppung, nicht um einen terroristischen Gründungsakt der RAF, nicht um eine Selbstkriminalisierung der Gruppe handelte, sondern um fürsorgliche Mutterliebe.

Medien spekulieren nun, ob Ulrike Meinhof die Kinder damit vor dem Vater schützen wollte.

Die RAF war keine Kinderhilfsorganisation. Das ist die Geschichtsumschreibung, die Ditfurth zu eigenem politischen Nutzen seit Jahren im Konzert mit einigen Ex-Terroristen (teils selber Täter der Verschleppung) zustande zu bringen versucht. Ditfurth hat im stern 2007 erklärt, dass dieser Punkt essentiell sei, weil mit der Bewertung von Meinhof und der Güte ihres Charakters die öffentliche Rezeption der RAF positiv oder negativ entschieden würde.

Hat sie mit dieser Einschätzung Recht?

Diese Funktion hat Meinhof in der Tat. Allerdings stimmt die Geschichte, die Stefan Aust seit Jahren als jemand, der an der Rettung von meiner Schwester und mir beteiligt war, erzählt, nämlich dass die RAF meine Schwester und mich nach Jordanien in ein Waisenlager verbringen wollte und dies auf hochkriminelle Weise.

Könnte das auch etwas mit der Angst vor pädophilem Verhalten Klaus Röhls zu tun gehabt haben?

Pädophile Einwürfe Meinhofs gegenüber ihrem geschiedenen Mann Röhl gehören in die prall und überbordend gefüllte Waffenkammer Meinhofs und der RAF, die bekanntlich den Staat, die Gesellschaft, das System mit und ohne Argument umstürzen wollten und deshalb Unmengen von Vorwürfen erfanden und erhoben. Meinhof schreckte nicht davor zurück, Haus- und Lebensgrundlagen Klaus Rainer Röhls von RAF-Sympathisanten im wahrsten Sinne des Wortes zertrümmern zu lassen. Meinhof schreckte auch vor Mordplänen an Klaus Rainer Röhl und auch vor Mordplänen an Peter Homann, ihren früheren Lebensgefährten, nicht zurück und auch vor Entsorgungsplänen ihrer Kinder nach Jordanien in ein Waisenlager in einem Zeltlager in einem Kriegsgebiet.

Woraus speisen sich Ihrer Meinung nach die Missbrauchs-Vorwürfe?

Pädophilievorwürfe kamen Meinhof im Sorgerechtsstreit gut zu pass. Ich wehre mich allerdings gegen den Ausdruck Sorgerechtsstreit entschieden, denn Meinhof kümmerte sich nicht um die Sorge zu Gunsten ihrer Kinder, das zeigt die Geschichte der Verschleppung, sondern für Meinhof war das Ganze auch ein Instrumentarium in der Auseinandersetzung mit Ex-Mann Röhl. Ich verwahre mich entschieden dagegen von Ditfurth und der vorgeschobenen Anja Röhl in solcherlei Machenschaften und solchen Kampagnenjournalismus hinein gezogen zu werden. Sexueller Missbrauch ist für derartige Manipulationen historischer Tatsachen kein probates Mittel. Anja Röhl hat sich notorisch darum bemüht, Stieftochter und gar die beste Stieftochter Ulrike Meinhofs zu sein, indes, sie war nie Stieftochter Meinhof, sie hat nie bei uns gewohnt.

Es wird nun öffentlich über Sie, Frau Röhl, gesprochen und spekuliert - ein Medienmissbrauch?

Dass man sich Spekulationen prompt anschließt und genüsslich über meinen Kopf hinweg abwägt, ob etwa das palästinensische Waisenlager, das übrigens in die Luft gebombt wurde, für mich besser gewesen wäre oder ein pädophiler Vater, ist pervers. Ich bin hier nicht Objekt solcher menschenverachtender Phantasien. Wenn ich darüber etwas sagen will, tue ich das oder ich lasse es. Die Täterschaft der RAF zu Lasten von meiner Schwester und mir zu deren moralischer Vergoldung und Politur quasi in Luft aufzulösen und quasi einen pädophilen Klaus Röhl, der von Meinhof ohnehin nur öffentlich Röhl, das Schwein genannt wurde, als Ersatz-Täter aufzubauen, das gehörte in die öffentliche Instumentalisierung von meiner Zwillingsschwester und mir, die Tradition hat, und die ich nicht mehr hinnehme.

Wo sehen Sie diese Instrumentalisierung im Moment genau?

Hier wird Trittbrettfahrerei im Angesichte eines öffentlichen Diskurses über Pädophilie betrieben, die finde ich abscheulich. Ich stehe weder als "Terroristentochter" noch als "Pädophilentochter" für die Phantasien der einen und die Phantasien der anderen Seite zur Verfügung. Die Vermarktung von meiner Schwester und meiner Person erst von Klaus Röhl, dann von Stefan Aust, von Medien-und Theatermachern und jetzt von Ditfurth, und das alles mit freundlicher Assistenz einer in Sachen RAF vollkommen durchgeknallten Justiz, hat schon lange jede Grenze überschritten. Übrigens nur am Rande: Aust und Klaus Röhl haben stets bemüht verschwiegen, dass sie weite Teile ihrer Geschichte von mir haben.

Interview: Matthias Thieme

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