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Interview „Man liebt die Juden, solange sie weit weg sind“

Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems, spricht über die Mär vom christlich-jüdischen Abendland, modernen Antisemitismus und ein Schweiz-Modell, das keine Seite wollte.

Jüdische Versammlung in New York
Das weiterhin transnationale Judentum passt nicht ins rechte Weltbild. Hier chassidische Kinder in New York. Foto: rtr

Herr Loewy, in Deutschland ist die Bedrohung durch den Antisemitismus so groß geworden, dass der Bundestag die Einrichtung des Amtes eines Antisemitismus-Beauftragten beschloss. Wie ist die Lage in Österreich?
Das politische Österreich ist auch dort angekommen, wo Deutschland schon eine Weile ist. Man liebt die Juden und Israel. Man benutzt die Juden als die „guten Anderen“, um mit gutem Gewissen seinem Rassismus gegen die „anderen Anderen“ frönen zu können. Man sagt, die Muslime seien die Antisemiten von heute, und Israel sei das Bollwerk des christlich-jüdischen Abendlandes gegen die muslimische Bedrohung. Das läuft freilich darauf hinaus: Man liebt die Juden, solange sie keine Juden sind.

Was heißt das?
Solange sie weit weg und territorial verortet sind. Man liebt die Juden, wenn sie aufhören, ein transnationales Volk zu sein und sich endlich in einem eigenen Staat genauso daneben benehmen, wie man sich selbst am liebsten auch wieder daneben benehmen würde. Dumm nur, dass es so viele Juden gibt, die sich überhaupt nicht von Israel, nicht vom christlich-jüdischen Abendland oder von der neuen rechten Politik Europas vereinnahmen lassen.

Und Österreich?
Wir haben Herbert Kickl, den FPÖ-Innenminister, der augenzwinkernd davon redet, die Flüchtlinge in „konzentrierten Lagern“ am Stadtrand unterzubringen. Wird er dann auf seine Wortwahl hingewiesen, sieht er sich missverstanden. Neben ihm steht ein Bundeskanzler, der erklärt, er werde die Mittelmeerroute schließen, so wie er bereits die Balkanroute geschlossen habe. Dabei weiß jeder, dass sie bis heute nicht zu ist. Und dass sich heute viel weniger Menschen auf diesem Weg in Richtung Europa bewegen, hat nichts mit dem österreichischen Kanzler Sebastian Kurz zu tun, sondern ist das Ergebnis der Verhandlungen zwischen Angela Merkel und Recep Erdogan. Seit ein paar Jahren fahren auch FPÖ-Politiker gerne nach Israel und demonstrieren dort ihre Solidarität mit den Siedlern in den besetzten Gebieten. Und ein jüdischer Nationalratsabgeordneter der türkischen Neo-ÖVP klatscht den Blauen dafür Beifall und erklärt einer israelischen Zeitung, die antisemitische Bedrohung ginge nicht mehr von Nazis, sondern von „den Muslimen“ aus; die FPÖ sei nur noch „gegen Einwanderung“.

Ist Österreich damit Vorreiter?
Nein, im Gegenteil. Die Rechte in Deutschland hat doch schon lange ihr Herz für Israel entdeckt. Ich meine damit nicht die Pegida, die Israel-Fahnen schwingend durch die Städte marschiert, oder die AfD, sondern ich habe den rechten Mainstream im Auge, der von einem christlich-jüdischen Abendland redet, das es nie gegeben hat. Man will damit nur eines sagen: Die Muslime gehören nicht dazu. Und dann wundert man sich, dass Muslime, dergestalt ausgegrenzt, ihre Identität im eigenen Fundamentalismus suchen.

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