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Interview Jürgen Renn Wissenschaftsgeschichte Geschichte schreiben, Geschichte machen

Das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte untersucht, wie Erkenntnis produziert wird. Ein Gespräch mit Institutsdirektor Jürgen Renn.

Ob größer automatisch besser ist, auch darüber forscht das Max-Planck-Institut, dem Jürgen Renn vorsteht. Foto: REUTERS

Herr Renn, als ich Philosophie studierte, sagte mir eines Tages die Sekretärin des Seminars: „Ich habe in so vielen Instituten gearbeitet. Es ging immer um die Vermittlung des aktuellen Wissensstandes. Nur hier in der Philosophie nimmt man Ansichten von vierhundert vor Christi Geburt so ernst wie solche von heute.“
Die Dame hatte recht. Die meisten Naturwissenschaften sind rekursiv blind. Sie arbeiten ohne Rückspiegel. Sie vergessen die Ergebnisse von gestern. Im besten Falle waren sie die Voraussetzungen für den Wissensstand von heute. Ansonsten waren sie einfach falsch.

Sie gehen den falschen Wegen nach?
Wir sind überzeugt, alle menschliche Erkenntnis ist historisch, Produkt einer geschichtlichen Konstellation. Wir glauben nicht, dass es eine universell gültige Wahrheit gibt. Auch nicht in der Naturwissenschaft. Wissenschaft ist ein konstruktiver Prozess, in dem Menschen sich Erkenntnisse aufbauen. In der Auseinandersetzung mit der Natur, aber immer auch mit und in ihrer jeweiligen Kultur. So gibt es immer nur vorläufige Erkenntnisse. Wenn man verstehen will, was an ihnen korrigierbar ist oder wenn man ihre Grenzen erkennen möchte, dann ist es nützlich, sich ihre Geschichte anzuschauen. Die Wissenschaftsgeschichte selbst hält gute Beispiele dafür bereit, dass eine solche Reflexion auf die Vergangenheit einen vorwärtsbringen kann in der aktuellen wissenschaftlichen Forschung.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Einstein. Raum und Zeit waren für die Physiker damals völlig selbstverständliche Begriffe. Einstein dagegen hat seine kritische Analyse dieser Begriffe durch einen Rekurs auf die Philosophie entwickeln können. Dort gab es ein Verständnis dafür, dass Raum und Zeit keine selbstverständlichen natürlichen Gegebenheiten sind, sondern Konstrukte, die durchaus auch anders sein könnten.

Relativiert die wissenschaftsgeschichtliche Reflexion die Ergebnisse der Wissenschaft?
Jedes Denken ist eine Relativierung des schon vorhandenen Denkens. Die wissenschaftliche Forschung relativiert – wenn man diesen Begriff unbedingt verwenden möchte – die bisherigen Forschungsergebnisse.

Ist es nicht gleichgültig, was die gesellschaftlichen Voraussetzungen eines Forschungsergebnisses sind? Wichtig ist doch, ob es stimmt oder nicht stimmt.
Was heißt „stimmt“ und was heißt „stimmt nicht“? Das sind selbst sehr kontextabhängige, historische Begriffe. Die Geschichte ist von Zufällen geprägt. Nehmen Sie die Evolution. Es hätte durchaus auch intelligente Dinosaurier geben können. Aber aus mir unbekannten, aber erforschbaren Ursachen kam es nicht dazu. Die Evolution ist pfadabhängig. Es gibt kein Zurück. Mit dem Aussterben der Dinosaurier war dieser Abschnitt der Geschichte vorbei. Es gibt keinen Jurassic Park. In der Wissenschaftsgeschichte ist das ganz ähnlich. In der Frühzeit der Mathematik gab es eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze. Von der babylonischen, der ägyptischen Mathematik aus hätte die Geschichte dieser Wissenschaft auch einen anderen Weg nehmen können. Aber die uns bekannten Globalisierungsprozesse haben dazu geführt, dass der griechische Weg und seine Weiterungen heute weltweit dominiert. Wobei der griechische Weg natürlich ohne seine Voraussetzungen in der babylonischen Kultur ebenfalls undenkbar wäre.

Ihr Erfolg hat nichts damit zu tun, dass die griechische Mathematik besser war?
Besser wofür? Ihre Felder konnten die Babylonier genau berechnen, obwohl sie einen anderen Flächenbegriff hatten als Euklid. Sie berechneten auch nicht-rechteckige Flächen nach einer Vorschrift, die wir nur auf rechteckige Flächen anwenden würden. Unter dem Gesichtspunkt der Euklidischen Geometrie erzielten sie so nur Näherungswerte, aber da sie die Euklidische Geometrie nicht kannten, hatten sie kein Problem damit.

Das erinnert an die Diskussion um die Planetenbahnen…
Da hielt man lange Zeit, trotz aller Probleme, die die komplexe Bewegung der Wandelsterne am Himmel aufwarf, an der Annahme fest, dass diese Bewegungen letztlich auf Kreisbahnen zurückgehen. Ähnliches gilt auch für die Wurfbahnen von Geschossen, von denen wir seit Galilei wissen, dass sie einer Parabel folgen. Aber zunächst behalf man sich mit Berechnungen, die auf der Annahme einer zunächst gerade nach vorne laufenden und dann gerade nach unten fallenden Bewegung beruhten. Für die damalige Praxis reichte das.

Wurden diese Wechsel der Auffassungen allein durch die Entwicklung der Wissenschaft selbst erreicht oder haben sie zu tun mit außerwissenschaftlichen Entwicklungen?
An diesen Entwicklungen waren viele Menschen beteiligt. Bei der Entdeckung der Wurfparabel spielten Praktiker eine große Rolle. Sie erkannten, ohne komplizierte Mathematik verwenden zu müssen, dass die beobachteten Bahnen der Geschosse bestimmten Gesetzen folgen, wie etwa, dass sie bei einem Winkel um die 45 Grad eine maximale Schussweite bei gleicher Pulverladung erreichten. Aus der Summe ihrer Erfahrungen konnten letztlich die wesentlichen Eigenschaften der Wurfparabel erschlossen werden.

Sieht man sich im Internet Ihre Website an, stößt man sofort auf den Flughafen Schönefeld.
Wie bitte?

Es ist die Karte eines chinesischen Bauprojektes aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert.
Sie illustriert ein neues Thema des Max-Planck-Institutes für Wissenschaftsgeschichte: „Ist größer besser?“ Es geht dabei um Großtechnologie und die dahinter stehenden Planungsprozesse. Diese werden in der jetzt neu besetzten dritten Abteilung unseres Instituts erforscht, die von meiner Kollegin Dagmar Schäfer geleitet wird. Sie ist Sinologin und Technikhistorikerin. Staatliche Planung hat in China eine lange Tradition. Die Chinesen wissen schon sehr lange, dass bei Planungen immer etwas schiefgeht, dass man ständig korrigierend von der Planung abweichen, umplanen muss. Sie sehen: Es geht jetzt nicht mehr nur um rein wissenschaftliche Prozesse, sondern um eine bestimmte Form menschlicher Rationalität.

Was lernt man aus den alten Erfahrungen?
Die Frage der Partizipation ist wichtig. Wer hat eine Chance, mit seinen Beobachtungen, Erkenntnissen zur Verbesserung des Prozesses beizutragen? Wir haben jetzt gerade in meiner Abteilung ein großes Projekt zu einer Wissensgeschichte der Architektur abgeschlossen. Da geht es um die Planung und das Wissen hinter großen Bauprojekten von der Steinzeit bis zur Renaissance. Die von mir mitherausgegebene dreibändige Wissensgeschichte der Architektur ist frei im Internet verfügbar.

Das alles schon beim Turmbau zu Babel?
Nicht in Abstimmungen, aber in einem ständigen Austausch über die nötigen Voraussetzungen etwa für den Bau eines Mausoleums wie dem auf unserer Website. Allerdings ging es bei den Planungen damals vor allem um die Bereitstellungen der erforderlichen Ressourcen an Menschen, Tieren und Geräten. Die technische Planung im Einzelnen war Sache der Leute auf der Baustelle. Erst allmählich hat sich eine eigenständige Rolle des Architekten herauskristallisiert. Das begann in Griechenland, als man einen ständigen Vermittler zwischen den wechselhaften demokratischen Prozessen der Stadtstaaten und dem Bauprozess selbst brauchte.

Einer der Kernsätze der Max-Planck-Institute lautet: Dem Anwenden muss das Erkennen vorausgehen. Das ist doch exakt das Gegenteil dessen, was Sie gerade beschreiben.
Das ist ein Satz von Max Planck. Es ist der Satz eines theoretischen Physikers. Die Genese des Planckschen Strahlungsgesetzes, für das er berühmt wurde, verlief auch anders. Es ging Ingenieuren in der Physikalisch-Technischen Reichanstalt hier in Berlin darum, Glühlampenstandards zu schaffen. Plancks theoretische Reflexion kam erst danach. Aber natürlich braucht die Wissenschaft die Freiheit, Dinge nur um der Erkenntnis willen auszuprobieren. Das meint das Planck-Zitat. Einstein hat einmal gesagt, wenn es allen nur darum gegangen wäre, Beleuchtungsfragen zu klären, hätte man die Petroleumlampen verbessert, aber nie das elektrische Licht erfunden.

Was glauben Sie, wie wird die Wissenschaft der Zukunft aussehen?
Sie muss noch stärker vernetzt sein. Sie muss aus den Disziplinen hinaus und muss sich an den großen Problemen orientieren, die oft nicht einmal mehr sauber nach naturwissenschaftlichen und geistes- und sozialwissenschaftlichen Dimensionen getrennt sind. Die Disziplinen sind historisch entstanden und an vielen Stellen längst überholt. Es geht also nicht nur um Interdisziplinarität. Es gab die Nationalstaaten. Die hatten ihr Gutes. Jetzt bauen wir an Europa. Wie es genau aussehen wird, wissen wir nicht. Genau so verhält es sich mit Physik, Chemie, Biologie zu einer neu zu bildenden Naturwissenschaft. An vielen Max-Planck-Instituten werden wegweisende Forschungen gemacht, die Disziplinen sprengen. Dabei geht es um bio-geo-chemische Kreislaufprozesse, um Psycholinguistik oder um empirische Ästhetik. Wichtig ist mir, dass das Wissen offen verfügbar bleibt, vernetzt und genutzt werden kann, um die Probleme des Anthropozäns zu lösen, also die Probleme, die Menschen durch die planetaren Auswirkungen ihrer Technologien und ihrer globalen Wirtschaft verursacht haben.

Interessant an Ihrem Institut ist, dass es sich mit allem beschäftigt. Dass aber das Thema Gewalt darin fast keine Rolle spielt.
Machtverhältnisse thematisieren wir schon. Die spielen auch in den Institutionen der Wissensökonomie eine Schlüsselrolle. Interessant aber ist, dass Machtverhältnisse Wissen offenbar nie vollkommen determinieren. Es gibt fast immer einen emanzipatorischen Überhang des Wissens, der auch die Machtverhältnisse in Frage stellen kann.

Was ist mit der erheblichen Rolle, die die Lust auf Gewalt spielt?
Es ist schwierig, sie zu untersuchen. Aber es scheint mir nötig. Man muss alle diese Dimensionen des Menschen verstehen. Gerade wenn man sie eindämmen möchte, darf man sie nicht einfach verdrängen. Man muss sie begreifen. Das, was jetzt von Seiten des „Islamischen Staates“ passiert, ist nicht zu verstehen ohne die Lust auf Gewalt. Manchmal denke ich, dieser Versuch, eine Brücke zu schlagen zwischen einer hoch idealisierten Vergangenheit und einer hoch idealisierten Zukunft durch die Schaffung eines geschlossenen Weltbildes, das Gewalt legitimiert, muss hochattraktiv sein für Jugendliche, die glauben, auf diese Weise an der Geschichte teilhaben zu können, während sie sich sonst überall aus ihr ausgeschlossen fühlen. Das aber ist eine gefährliche Illusion, die die Machtmechanismen hinter solchen Ideologien nicht durchschaut. Wir müssen nicht nur diese Mechanismen, sondern auch die Wirksamkeit der mit ihnen verbundenen Illusionen besser verstehen lernen.

Interview: Arno Widmann

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