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Interview Hubert Wolf Die verlorene Macht der Äbtissinnen

„Es gibt in der Kirche nichts, was immer schon und nur so war“: Kirchenhistoriker Hubert Wolf im Gespräch über predigende Äbtissinnen mit den Vollmachten eines Bischofs und andere abgedrängte Traditionen in der katholischen Kirche. Damit befasst sich auch sein neues Buch, „Krypta“.

Durften einst agieren wie die Bischöfe: Glasfenster mit einer Äbtissin, Stiftskirche St. Cyriacus, Gernrode im Ostharz. Foto: imago stock&people

Herr Wolf, Sie beziehen sich in Ihrem neuen Buch auf den Papst, der aus weiter Ferne nach Rom kommt und gegen „gräuliche Missbräuche“ der Kurie wettert. Dieser Papst war der Reformer Hadrian VI., der Anfang des 16. Jahrhunderts nach einer kurzen Amtszeit grandios gescheitert und früh gestorben ist. Was muss heute Papst Franziskus besser machen als sein Vorgänger?

Franziskus braucht Bündnispartner, an denen es Hadrian fehlte, um mit den Krankheiten der Kurie aufzuräumen, die er in seiner in ihrer Schärfe einzigartigen Rede am 22. Dezember angeprangert hat. Für sein Reformprogramm muss er weder mit der Tradition der Kirche brechen noch etwas neu erfinden, sondern lediglich bewährte Modelle aus dem vergessenen oder verdrängten Schatz der Kirchengeschichte hervorholen. Dafür biete ich eine Art Materialsammlung.

Als da wäre?

Das vielleicht Wichtigste ist das Subsidiaritätsprinzip. Von der katholischen Soziallehre erfunden, überall hoch gelobt, nur in der Kirche selbst mit spitzen Fingern angefasst. Ob es denn überhaupt auf die katholische Kirche anwendbar sei, fragte sich noch die Bischofssynode 1985 allen Ernstes. Dabei hatte Papst Pius XII. schon 1946 betont, dass es auch in der Kirche gelte, „unbeschadet ihrer hierarchischen Struktur“.

Der historische Befund, „alles schon mal dagewesen“, gibt aber noch keine Antwort auf die Frage, was denn künftig gelten soll.

Nein. Das ist auch nicht die Aufgabe des Historikers. Aber eine große Religionsgemeinschaft lässt sich nicht dadurch erneuern, dass man alles über den Haufen wirft. Im Gegenteil: Wenn man feststellt, dass eine bestimmte Praxis in der Kirche über längere Zeit unbestritten Bestand hatte, gehört sie auch heute zu den legitimen Optionen. Umgekehrt erweist sich das „Traditionsargument“, etwas müsse so sein, weil es „schon immer so war“, als ein ahistorisches Konstrukt. Es gibt in der Kirche nichts, was immer schon so und nur so war.

Den Ausschluss der Frauen von den geistlichen Ämtern ausgenommen?

Falsch! Zumindest in der Eindeutigkeit, in der Sie es formulieren. In den Frauenklöstern etwa agierte die Äbtissin früher genau wie ein Bischof: Sie setzte Pfarrer ein, sie erließ Katechismen, gab die Erlaubnis für Eheschließungen, verkündete das Evangelium und predigte in der Messe. Erst im 20. Jahrhundert wurden aus dem Ritus der Äbtissinnenweihe peinlichst alle Elemente eliminiert, die auch nur entfernt an die Bischofsweihe erinnerten.

Nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf?

Genau. Und das macht im Umkehrschluss ja deutlich, dass die Dinge bei der Frage nach dem Zugang von Frauen zu den Ämtern keineswegs so klar liegen, wie in der Kirchenleitung gern getan wird.

Welche der „kryptischen Traditionen“, auf die Sie bei Ihrem Quellenstudium gestoßen sind, war für Sie denn die frappierendste?

Am spannendsten fand ich den Mythos von Trient.

Sie meinen das Konzil von Trient im Zeitalter der Reformation von 1547 bis 1563.

Die „Traditionalisten“ tun ja immer so, als wären die tridentinische Messe, das tridentinische Bischofsideal und das tridentinische Priesterseminar das Maß der Dinge in der katholischen Kirche. Wenn man aber genau hinschaut, sind alle diese Dinge Erfindungen des 19. Jahrhunderts, die dem Konzil nachträglich untergeschoben wurden. Aus dessen eigentlich recht offenem Geist wurde ein Ausbund an Engstirnigkeit.

Womit belegen Sie das?

Ein „Original tridentinischer“ Bischof war ein selbstbewusster Bischof, kein Filialleiter der römischen Zentrale. Nicht umsonst beriefen sich die Gegner des Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes permanent auf das Konzil von Trient. Ein „tridentinischer Bischof“ hielt auch jährlich eine Synode mit kollegialen Beratungen über die Lage in seinem Bistum ab. Ein tridentinischer Bischof in der historischen Konstruktion des 19. Jahrhunderts hingegen ist einer, der dem Papst keinesfalls widerspricht und selbstverständlich niemals in eigener Regie eine Synode einberufen würde. Da könnten sich seine Priester ja womöglich zusammenrotten und den Aufstand proben!

Wie entgehen Sie der Gefahr einer ebenfalls ahistorischen Projektion der Vergangenheit auf die Gegenwart?

Indem ich die Dinge nicht einfach eins zu eins übertrage, sondern frage: Welche Inspirationen und Intuitionen ergeben sich aus der Vergangenheit? Beispiel Bischofsernennungen: Natürlich wird man heute nicht so verfahren können wie im 4. Jahrhundert, als die Mailänder den heiligen Ambrosius per Akklamation zum Bischof bestimmten.

Aber das bewährte Modell einer Beteiligung des Kirchenvolks an der Auswahl der Bischöfe steht in produktiver Weise quer zur Vorstellung

, das sei ausschließlich Sache des Papstes. Im Ergebnis könnte man dazu kommen, die Entscheidung des Papstes mit einer Form der Konsultation zu kombinieren.

Zurück zu den Brüdern im Geiste der Reform, Hadrian VI. und Franziskus. Lässt Hadrians Scheitern Sie an Franziskus’ Erfolgsaussichten zweifeln?

Der Historiker stellt keine Prognosen, sondern sammelt Fakten. Hadrian war in der Kurie isoliert und hat es versäumt, nach Unterstützern zu suchen. Auf Franziskus angewandt, scheint mir eines klar zu sein: 2015 wird ein entscheidendes Jahr. Die Beratungen über Familie und Sexualmoral muss er mit belastbaren Ergebnissen beenden. Sonst wird es heißen: Dieser Papst hält schöne Predigten und setzt wunderbare Zeichen, aber ihm fehlt die Kraft zur Veränderung. Und die Kurie würde endgültig dazu übergehen, den Papst auszusitzen.

Kann man den Kurienmitarbeitern das verdenken, nachdem der Papst sie quasi kollektiv für krank erklärt hat? Das war doch ein Motivationskiller erster Güte.

Wer mit kirchlichen Textgattungen vertraut ist, erkennt in der Papstrede vom Dezember unschwer das Genre des Beichtspiegels. Es soll der Gewissenserforschung dienen. Dafür muss es aufrütteln. Man kann die Rede aber auch als Hilferuf nach außen interpretieren: Ihr Katholiken da draußen, helft mir, die Krankheiten in meiner Kirchenzentrale zu bekämpfen! Hadrian VI., um noch einmal auf ihn zu kommen, hatte kein Fernsehen, kein Internet, das seine Botschaften in Echtzeit auf dem Globus verbreitet hätte. Franziskus hingegen nutzt die Medien sehr bewusst, um diejenigen um sich zu sammeln, die sich hinter ihn und seinen Reformkurs stellen.

Interview: Joachim Frank

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