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Interview "Ausländerfeindlichkeit ist Mainstream"

Der Regisseur David Wnendt und die Hauptdarstellerin Alina Levshin über ihren Film „Kriegerin“.

19.01.2012 16:53
Eine Migrantin aus Odessa verkörpert die junge Rechtsradikale: Alina Levshin als Marisa. Foto: Ascot Elite; dpa

Ihr Film „Die Kriegerin“ handelt von einer jungen Neonaziclique in Ostdeutschland. Im Mittelpunkt steht eine zwanzigjährige Frau. Als Sie den Film drehten, war Ihnen da bewusst, wie aktuell er ist?

David Wnendt: Ich bin auf das Thema gestoßen, weil es so ein offensichtliches Problem ist. Wenn man sich in den vergangenen zehn Jahren mit diesem Thema beschäftigt hat, war einem klar, dass es ein massives Problem ist, das uns früher oder später auf die Füße fallen wird. Dass es in dieser Form geschieht, konnten wir natürlich nicht wissen. Was überrascht, ist, dass einem nun erst klar wird, wie sehr das Thema in den vergangenen Jahren verdrängt worden ist. Die Experten wird es nicht gewundert haben.

Die Brutalität, die sich jetzt zeigt, hat Sie aber doch überrascht?

David Wnendt: Man schätzt, dass es etwa 10.000 wirklich gewaltbereite Rechtsextremisten gibt. Bei denen, die ich interviewt habe, lautet das Credo: Taten statt Worte. Die wollen eine Revolution, einen Systemsturz. Die Hürde, in den Untergrund zu gehen, ist hoch. Das wird nicht jeder machen, aber dass unter den 10.000 ein paar dazu bereit sind, ist wohl nicht erstaunlich. Erstaunlich ist eher, dass sie damit so lange durchgekommen sind. Allein ein Bankraub ist hoch riskant. Allein die Tatsache, dass die Zwickauer Zelle in ihrer Zeit im Untergrund 14 Banken ausgeraubt hat, ohne geschnappt zu werden, ist doch erstaunlich.

Jetzt ist der Film auch deshalb so aktuell, weil er eine Frau in den Mittelpunkt stellt. Wie sind Sie darauf gekommen?

David Wnendt: Frauen sind noch eine Minderheit in der rechten Szene, sowohl bei der NPD als auch bei den Freien Kameradschaften, aber sie werden immer mehr. Ich habe das beobachtet und ich habe viel darüber gelesen. Es gibt ein ganzes Forschungsnetzwerk, das sich damit beschäftigt. Immer mehr Frauen sind nicht nur Mitläuferinnen oder wegen ihres Freundes dabei, sondern genauso rassistisch, gewaltbereit und ideologisch wie ihre männlichen Kollegen. Sie arbeiten auf den verschiedensten Ebenen mit. In unserem Film wird ja eher eine chaotische, anarchische Gruppe gezeigt. Es gibt aber auch Frauen, die sich in Schulen, in Elternbeiräten und anderen Institutionen engagieren und versuchen, diese zu unterwandern.

Frau Levshin, warum wollten Sie diese Rolle spielen? Was hat Sie gereizt, das Hässliche zu zeigen?

Alina Levshin: Das ist für jeden Schauspieler reizvoll, eine Rolle zu spielen, die nicht nah an einem selbst ist. Als ich das Drehbuch gelesen hatte, wusste ich, dass ich diese Rolle spielen wollte. Ich musste einfach ausprobieren, ob ich das kann.

Waren Sie an den Recherchen beteiligt? Haben Sie mit Frauen aus der Szene gesprochen, um sich in die Rolle einzufühlen?

Alina Levshin: David hatte zuvor viele Gespräche geführt. Das Material habe ich mir angesehen.

David Wnendt: Ich konnte einige der Gespräche, die ich geführt habe, filmen.

Alina Levshi: Ich hatte also jemanden vor mir, ich hatte sie vor Augen und es waren ganz verschiedene Frauen, eine alleinerziehende Mutter etwa, die sich für den Bund der Mädchen engagiert, die Gemeinschaft will, singen mit den Kindern. Das fand sie toll. Andere waren politischer. Das hat mich überrascht. Wenn man in Berlin wohnt, kann man das nicht so einschätzen. Ich war überrascht, wie unterschiedlich die Frauen sind und wie sie ihre Meinung vertreten, mit Argumenten untermauern.

Wie verliefen die direkten Begegnungen?

Alina Levshin: Ein Mädchen habe ich zusammen mit David getroffen. Sie wusste, worum es geht. Ich war sehr aufgeregt, weil ich befürchtet hatte, es wird schwierig, wenn sie mich fragt, woher ich komme. Davor hatte ich Angst. David fand aber, es wäre gut, wenn ich sie treffen, sie beobachten kann, schaue, wie sie sich bewegt und dann sehe, was ich da rausholen kann. Es kam dann aber ganz anders, als ich vermutet hatte. Wir waren etwa zwei Stunden bei ihr, und sie war die ganze Zeit mit ihren Kindern beschäftigt, hat nichts gefragt. Sie war mit sich beschäftigt und ihren Problemen.

Der Film wurde in Ostdeutschland gedreht. Haben Sie beide das Gefühl, dass die Brutalität, die da gezeigt wird, ein Phänomen des Ostens ist? Oder hätte man ihn so auch im Westen drehen können?

David Wnendt: Das Phänomen ist im Osten vielleicht ein wenig anders gelagert. Was die absolute Zahl der rechten Gewalttaten angeht, liegen Ost- und Westdeutschland gleich auf. Weil im Osten deutlich weniger Menschen leben, gibt es dort prozentual mehr rechte Gewalttaten. Gleichwohl gibt es auch im Westen Regionen, in denen die Zahlen enorm ansteigen, im Ruhrgebiet beispielsweise. Im Osten ist die rechte Szene allerdings anders ausgerichtet. Sie betont den Sozialismus im Nationalsozialismus. Sie sind Kapitalismusgegner, wollen aber einen Sozialismus mit nationaler Ausrichtung.

Wir gegen den Rest der Welt?

David Wnendt: Genau. Das macht sie auch attraktiv für die sogenannte normale Bevölkerung. Die will keine Gewalt und keinen Terror, kann sich aber mit den Argumenten der rechten Szene anfreunden. Die jungen Rechten im Osten existieren nicht einfach im luftleeren Raum, sie sind dort verwurzelt. Es gibt Anknüpfungspunkte für die Gesellschaft.

Würden Sie sagen, dass auch der Fremdenhass, der im Film dargestellt wird, schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist?

David Wnendt: Absolut. Ein Beispiel. Ich bin einmal bei einer rechten Demo in Lübben mitgelaufen, in Brandenburg. Rechts und links gab es ein paar Gegendemonstranten, aber auch viele nicht beteiligte Jugendliche, die interessiert zugeschaut haben. Ich bin dann noch einmal nach Lübben gefahren und habe dort einige Zeit verbracht. Ich hatte Kontakt zu einer Gruppe, die sich selbst als neutral ansah. Es gab die Nazis, es gab die Russlanddeutschen, auch ein paar Punks und Verbindungen der Gruppen untereinander. Will heißen, es war eigentlich eine gemischte Gesellschaft. Wenn aber die Rede auf Ausländer kam, waren sich alle einig. Sie sind alle ausländerfeindlich. Ich habe keinen getroffen, der aus dieser Haltung ausgebrochen wäre. Dabei hat das nichts mit ihrer Realität zu tun. Die Zahl der Asylbewerber, auch die der dort lebenden Ausländer ist verschwindend gering. Wenn man die Mädchen fragt, warum sie gegen Ausländer sind, erzählt jede die Geschichte vom Ausländer, der sie im Bus angemacht hat. Wenn diese Jugendlichen nach Berlin fahren, ist das für sie Sodom und Gomorra. Und es sind nicht nur die Jugendlichen, die so denken, es sind auch deren Eltern und Großeltern. Ausländerfeindlichkeit ist etwas Normales. Das ist Mainstream.

Wie recherchiert man in dieser Szene? Wie sehr muss man da eintauchen?

David Wnendt: Ich habe eineinhalb Jahre für diesen Film recherchiert, zu unterschiedlichen Zeiten. Auf Demos der rechten Szene, wo ich mitgelaufen bin, war das natürlich eine Gratwanderung. In den Jugendclubs habe ich gesagt, dass es mir um eine Recherche geht. Und bei den Frauen bin ich ganz offen vorgegangen und habe gesagt, es geht um national gesinnte Frauen und einen Spielfilm, den ich drehen will. Ich wollte die Szene von innen erleben, aber meine Haltung war klar. Ich war sozusagen ungefährdet.

Offensichtlich bedarf es ja einer gewissen Überwindung. Auch die Medien pflegen ja einen Ekel vor der rechten Szene.

David Wnendt: Das ist etwas, was ich nicht verstehe. Wenn es ein so offensichtliches Problem gibt, dann ist es die Aufgabe von Journalisten ebenso wie von Filmemachern, es auch zu benennen. Mir sind aber oft Menschen begegnet, die mir, schon bevor sie das Drehbuch gelesen hatten, erklärt haben, darüber sollte man überhaupt keinen Film machen.

Was passiert mit einem Film, wenn er derart ins Schwarze trifft?

David Wnendt: Das Beste, was so ein Film erreichen kann, ist, eine Diskussion auszulösen. In unserem Fall fand die Diskussion schon statt, bevor der Film angelaufen ist. Wir haben ihn schon Schülern vorgeführt, er hat sie offenbar beeindruckt.

Das Gespräch führte Katja Tichomirowa.

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