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Integration Die ungewürdigte Leistung

In Deutschland vollzieht sich die Integration von Migranten viel entspannter und erfolgreicher, als es die aufgeregte Debatte suggeriert. Beobachtungen und Erfahrungen. Von Navid Kermani

24.02.2009 09:02
Navid Kermani
Navid Kermani, Publizist, Schriftsteller und Regisseur (Archivbild). Foto: ddp

Deutschland ist heute ungleich offener als noch vor zwei, drei Jahrzehnten. Und dass heute intensiv über Einwanderung debattiert wird, ist auch ein Beleg dafür, dass sie endlich wahrgenommen wird. Ein Dauerthema ist neuerdings die mangelnde Integrationsbereitschaft der Türken. Als Beleg dafür wird angeführt, dass Türken eher untereinander heiraten würden. Man mag von dem Argument halten, was man will, aber die Iraner in der Generation meiner Eltern, die eine deutsche Frau geheiratet haben, hatten damals enorme Schwierigkeiten, als Schwiegersöhne akzeptiert zu werden.

Viele der deutschen Frauen, die sich in Freunde oder Verwandte meiner Eltern verliebt hatten, wurden von ihren Familien regelrecht verstoßen und sind es zum Teil immer noch. Das klingt heute merkwürdig, zum Glück, aber das war in dem Deutschland, in das meine Eltern einwanderten, eher die Regel als die Ausnahme. Und das ist nicht mehr so, schon gar nicht mehr in der Generation meiner Töchter, wo es selbstverständlich geworden ist, dass man zu Deutschland gehört, aber Marica heißt oder Merve.

Ich selbst merke, dass ich immer seltener gefragt werde, wann ich denn zurückgehen werde in meine Heimat. Bis vor einigen Jahren war das eine Frage, die mir regelmäßig gestellt wurde: Wann gehen Sie zurück? Ich fand die Frage gar nicht diskriminierend, ich fand sie auch nicht beleidigend. Ich fand die Frage vor allem kurios. Zurück - das wäre in meinem Fall Siegen in Südwestfalen, und dorthin möchte ich nun wirklich nicht zurück. Ich fragte mich immer, wann verstehen denn die Deutschen, dass wir nicht zurückgehen werden? Ich glaube, allmählich begreifen sie es, sogar in der Politik: So kritisch ich die jüngsten Gesetze zur Einwanderung und zum Flüchtlingsschutz bewerte, so bin ich doch im Großen und Ganzen einverstanden mit beinahe allen Maßnahmen, die von der Bundesregierung oder auch von vielen Landesregierungen zur Sprachförderung bei Einwandererkindern, der Integration in den Schulen oder zum Schutz von Frauen beschlossen wurden. Insgesamt ist die Politik hier seit einigen Jahren - spät zwar, aber immerhin - auf einem guten Wege, der allerdings noch entschlossener und selbstbewusster begangen werden müsste.

Die Diskrepanz aber zwischen medialer und gesellschaftlicher Realität ist mir am stärksten aufgefallen im Zuge der Diskussionen um den Bau einer Moschee in Köln. Wenn man manche Feuilletons las, musste man den Eindruck gewinnen, dass da ein gewaltiger Kulturkampf tobe und es massenhafte Proteste gäbe gegen eine repräsentative Moschee. Die Diskussion vor Ort, die ich als Kölner sehr genau wahrgenommen habe, wurde viel gelassener geführt, auch von denjenigen Bürgern, die den Bau mit Skepsis betrachten.

Hassprediger berichteten über den Moscheen-Bau in Köln, die Bürger selbst blieben gelassen

Im Laufe der Kontroverse hat sich deutlich gezeigt, dass es in Köln eine breite gesellschaftliche und politische Unterstützung für den Bau gibt, so strittig viele Fragen im Detail sind, Fragen nach der Größe des Gebäudes, nach der sozialen Mischung im Viertel, auch nach den Finanziers und der Rolle des türkischen Staates - völlig legitime Fragen.

So hatten die Hassprediger zwar hier und da die Hoheit in der Berichterstattung, aber in Ehrenfeld selbst, bei der zentralen Bürgerversammlung, hatten sie keine Chance. Drei, vier Vertreter der rechtsextremistischen Partei Pro Köln wurden wegen ihrer Pöbeleien des Saals verwiesen, die anderen von der Mehrheit der 800 Bürger übertönt. Und im vergangenen September demonstrierten in Köln 50,000 Menschen nicht etwa gegen die Moschee, sondern für die Solidarität mit ihren muslimischen Mitbürgern.

Dieses Land, die Bundesrepublik, hat eine gewaltige Integrationsleistung vollbracht. Die Zusammensetzung der Bevölkerung hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte fundamental verändert, ohne dass es zu sozialen Spannungen großen Ausmaßes gekommen wäre, vergleichbar etwa den Konflikten, die die Vereinigten Staaten mit den Hispanics haben, die Franzosen mit den Nordafrikanern oder etwa die türkischen Städte mit den Landflüchtlingen.

Einwanderung solchen Ausmaßes verläuft niemals glatt, sie ruft immer Spannungen hervor, Ängste, die berechtigt, Konflikte, die real sind. Dies berücksichtigt, ist die Eingliederung von Millionen Menschen aus einer größtenteils sehr fremden, ländlich-islamisch geprägten Welt in Deutschland vergleichsweise gut gelungen - und das, obwohl es über Jahrzehnte keinerlei Integrationspolitik gab. Während die konservativen Parteien bis zum Ende der Kohl-Ära die Einwanderung schlicht leugneten, wurde sie von vielen Linken verklärt, nach dem Motto: Ausländer, befreit uns von den Deutschen! Aber kein Mensch auf der Welt ist deshalb schon gut, weil er kein Deutscher ist, nicht einmal der Ausländer. Probleme der ländlichen Einwanderer wie krasse Unbildung, mangelnde Deutsch-Kenntnisse oft noch in der zweiten, dritten Generation, das sehr patriarchalische Weltbild sowie die Benachteiligung der Frauen wurden vielfach ignoriert.

Und dennoch ist die soziale Wirklichkeit, wie ich sie täglich wahrnehme, bemerkenswert entspannt; und ich lebe mitten in der multikulturellen Realität, wo anders als in den bürgerlichen Wohnsiedlungen die Toleranz täglich erprobt und auf die Probe gestellt wird, in einem Viertel, in dem viele Migranten leben.

Genoss ich als Student die Vielfalt, die unser Viertel bietet, habe ich als Vater keine Chance mehr, die Probleme der multikulturellen Gesellschaft zu ignorieren. So habe ich auch höchstes Verständnis dafür, wenn eine Schule zum Beispiel beschließt, dass auf dem Hof nur noch Deutsch gesprochen werden darf.

Wir selbst haben unsere Tochter nicht in den nächstgelegenen Kindergarten geschickt, weil wir nach ein, zwei Besuchen befürchteten, dass sie dort eher Türkisch als Deutsch lernen würde. Es wäre verhängnisvoll, würde man solche und noch weit größere Konflikte, die das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen in unseren Städten mit sich bringt, nicht offen aussprechen. Nur so können sie so engagiert angegangen werden wie in der katholischen Grundschule, wo wir unsere Tochter später einschulten. Dort lag der Migrantenanteil immer noch bei über 50 Prozent - aber wie Lehrer, Eltern und Kinder es gemeinsam geschafft haben, die Vielfalt nicht nur zu bewältigen, sondern ins Positive zu wenden, ja, selbst den alt eingesessenen Deutschen als Bereicherung vorzuführen, das hat mich oft erstaunt.

Aus Rücksicht auf Muslime im Kindergarten nicht mehr Advent zu feiern, ist das falsche Signal

Gelernt habe ich allerdings auch, dass Integration dort gelingt, wo die heimische - also auf der Schule meiner Tochter: katholische und kölsche - Kultur nicht schamhaft in den Hintergrund gerückt, sondern gepflegt und selbstbewusst vertreten wird. Aus Furcht vor den Reaktionen muslimischer Eltern nicht mehr Advent zu feiern, wie es in manchen Kindergärten oder Schulen geschieht, ist mit Sicherheit das falsche Signal. Es geht nicht darum, sich selbst zu verleugnen, sondern den anderen zu achten. Wer sich selbst nicht respektiert, kann keinen Respekt erwarten.

Gewiss gibt es viele Gegenbeispiele, Schulen, an denen das Miteinander weniger gut funktioniert. Und doch kann die Schule meiner Tochter kein Einzelfall mehr sein, wenn nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2006 der Anteil von Migranten mit Abitur mit 21 Prozent erstmals höher war als der Anteil von Deutschstämmigen, von denen nur 18 Prozent Abitur hatten.

Bevor ich nun noch davon schwärme, wie stolz meine Tochter war, dass ihre Klasse auf der Weihnachtsfeier ein persisches Lied vortrug (damit also ihr Anderssein anerkannte), und am Ende alle Kinder, Lehrer und Eltern, Kopftuch hin oder her, in der überfüllten Turnhalle als Höhepunkt "O Tannenbaum" sangen, sollte ich lieber zu den Schwierigkeiten zurückkehren. Selbst in einer katholischen Schule kann nicht jeden Tag Weihnachten sein.

Einmal, es war kurz vor eins, bat mich Frau Euskirchen aus der Mittagsbetreuung telefonisch, rasch in die Schule zu kommen, weil meine Tochter auf dem Schulhof verprügelt worden sei. Als ich eintraf, fand ich meine Tochter umringt von ihren Freundinnen aus der 2. Klasse und einigen älteren Mädchen. Immerhin, sie weinte schon nicht mehr, aber der Schrecken stand ihr ins Gesicht geschrieben. Der Junge hatte sie zweimal mit aller Kraft in den Bauch geboxt. Jetzt stand er verlegen in der Ecke. Er schien ein türkischer Junge zu sein, vielleicht auch ein Kurde, jedenfalls ein Ausländer, wie selbst wir sagen, mag er auch in Köln geboren sein.

Frau Euskirchen beteuerte, wie leid es ihr täte. Sie hätten sich in der Schule immer bemüht, dass alles friedlich bliebe. Sie hätten Kinder aus so vielen Ländern, und es sei doch alles immer harmonisch gewesen. Aber jetzt sei sie so hilflos. Der Junge sei ein Problem. Kaum älter als meine Tochter sei er, acht oder neun. Schon mehrfach habe er Kinder geschlagen, aber noch nie so brutal. So etwas habe sie unter ihren Kindern noch nie erlebt. Und sie fühle sich doch verantwortlich für alle Kinder, auch für meine Tochter. Dennoch habe sie die Gewalt nicht verhindern können. Jetzt schossen ihr Tränen in die Augen. Sie wolle nicht so eine Brutalität unter den Kindern. Aber der Junge würde einfach nicht hören auf sie, auf keine von den Betreuerinnen.

Kulturelle Prägung und Gewalt: Der Gedanke ist manchmal da, aber man spricht ihn nicht aus

"Bitte reden Sie mit ihm", sagte sie und schaute mich beinahe flehend an. - "Das mache ich", sagte ich und meinte zu erraten, was wir beide dachten: Muslimische Jungen sind ein Problem, sie neigen zur Gewalt und hören schon deshalb nicht auf ihre Lehrerinnen und Betreuerinnen, weil es Frauen sind. Dann hoffte ich, Frau Euskirchen würde bedenken, dass der Mann, den sie um Vermittlung bat, ebenfalls Ausländer war und seine muslimische Tochter nun wirklich nicht als Problemkind gelten könne mit ihrem sonnigen Gemüt, ihren musischen Interessen, der Teilnahme an der Kölsch-AG. Und Karnevalsprinzessin wäre sie auch gern einmal. Ich hoffte, dass Frau Euskirchen nicht alle muslimischen Kinder für gewalttätig und schwer integrierbar halten würde.

Schnell wurde mir klar, dass es Unsinn war, was ich dachte. Wie konnte ich mir nur einbilden, dass Frau Euskirchen, die jeden Tag mit Kindern aus unterschiedlichen Ländern zu tun hatte, nicht zu differenzieren wusste. Ich selbst war mir bewusst, dass es schwierige Kinder gibt, die blond sind, und schwarzhaarige, die beim Lesewettbewerb ganz vorne landen. Und doch hatte die Gewalttätigkeit mit ihrer kulturellen Prägung zu tun. Das dachten wir beide, ohne es auszusprechen. Erst überlegte ich, den Jungen nach Hause zu begleiten, um mit dem Vater zu sprechen, aber ich befürchtete, dass der Junge vielleicht Prügel bekommen würde, sobald er mit dem Vater allein wäre. Ich nahm meine Tochter und den Jungen mit in ein leeres Klassenzimmer, wo wir uns an einen Tisch setzten. Ich forderte sie auf, mir jeweils ihre Sicht des Vorfalls zu schildern. Sie waren sich nicht uneinig. Der Junge leugnete nichts. Er sagte nur, dass meine Tochter im Weg gestanden habe, als er die Treppe hinab zum Schulhof stürmte, und nicht weggegangen sei, als er sie dazu aufforderte. Ja, richtig, später sei er noch einmal wiedergekommen und habe sie wieder geboxt, weil er das doof fand von ihr.

Ich fragte ihn, ob er das in Ordnung fände, was er da gemacht hatte. - "Nee, war nicht in Ordnung", sagte er: "Tut mir leid."

Ich erklärte dem Jungen, dass man sich manchmal ärgert über andere Kinder, dass man auch mal motzen oder im Notfall schreien könne, aber schlagen, das sei absolut verboten, verboten, verboten. Ich wiederholte das Wort dreimal. Und schon gar nicht ein Mädchen. Und schon gar nicht ein Mädchen, das kleiner ist. Das sei nicht nur blöd, sondern auch noch absolut feige.

Ich war mir durchaus bewusst, dass ich an einen Ehrenkodex appellierte, den ich eigentlich ablehnte, aber spontan fiel mir kein anderes Argument ein, um den Jungen zu überzeugen. - "Wenn ich noch einmal höre, dass du irgend jemanden schlägst, egal wen, kriegst du richtig Ärger", sagte ich mit ruhiger Stimme und schaute ihm so grimmig in die Augen, wie ich es aus US-Filmen kenne. Anfangs senkte er den Blick. Dann schaute er mich an und nickte: "Ist in Ordnung. War doof von mir. Mach ich nicht mehr." - "Und was tust du jetzt?" - "Ich entschuldige mich bei ihr." - "Dann tu’s auch." Er gab ihr die Hand. - "Tut mir leid." - "Okay", sagte meine Tochter.

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