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Innsbrucker Dom Feminismus auf katholisch

„Solange Gott einen Bart hat, bin ich Feminist“: Den Innsbrucker Dom ziert derzeit ein überraschendes Zitat.

Dom von Innsbruck
Der Dom von Innsbruck dieser Tage. Foto: Jakob Hesse

Pilger wie Touristen mögen dieser Tage ein verdutztes Gesicht machen, wenn sie bei ihrem Besuch in Innsbruck pflichtgemäß auch den Dom in der Altstadt nahe des Innufers anpeilen. Der Dom zu St. Jakob, so der offizielle Titel der Kathedrale, ist derzeit nämlich ganz in Weiß gehüllt – abgehängt mit Staubschutznetzen wegen laufender Renovierungsarbeiten. Und dann auch das noch: Pinkfarbene Lettern stehen auf dem Verhang über dem Portal, die man auf einem katholischen Gotteshaus wohl nicht unbedingt als erstes vermuten würde: „Solange Gott einen Bart hat, bin ich Feminist“.

Den Slogan hat die Innsbrucker Künstlerin Katharina Cibulka auf die Netze vor der Kathedrale gestickt, die in der Hauptstadt des österreichischen Bundeslandes Tirol aktuell das Kunstprojekt „Solange“ realisiert. Dazu gehören weitere Slogans in gleicher Stoßrichtung, die Cibulka auf die Netze von prominenten Baustellen in ganz Innsbruck gestickt hat. Damit werde „eine Männerdomäne buchstäblich durchdrungen und neu besetzt“, schreibt Cibulka auf ihrer Internet-Seite.

Konservative lesen den Slogan ganz im Sinne der Künstlerin

Im Falle der katholischen Kirche ist natürlich nicht nur die aktuelle Baustelle in Innsbruck eine Männerdomäne, sondern auch die Chefetage – und fügt sich damit im doppelten Sinn in Cibulkas „Projekt über den Mythos der erreichten Gleichberechtigung“, wie sie ihre aktuelle Arbeit nennt.

Den Segen dafür, dass die Künstlerin so prominent den Finger in einen wunden Punkt der katholischen Kirche legen darf, bekam Cibulka von Domprobst Florian Huber höchstpersönlich. Er ist zugleich Generalvikar und damit quasi die rechte Hand des kunstaffinen Innsbrucker Bischofs Hermann Glettler, der von dem feministischen Slogan an seinem Bischofssitz genauso angetan ist wie seine rechte Hand.

„Für mich klingt der Spruch recht pfiffig und nicht ideologisch fixiert“, sagt Huber. Gleichwohl bezieht er ihn nicht in erster Linie auf das Bodenpersonal der Kirche, sondern auf die oberste Ebene – mit Blick auf Darstellungen von Gott als Mann mit Bart, die auch im Innsbrucker Dom zu sehen sind. „So etwas hätte man sich in den ersten Jahrhunderten des Christentums niemals zu malen getraut, das ist erst in der Renaissance und im Barock so üblich geworden.“ Huber geht es also um falsche Bilder und Vorstellungen von Gott, der schließlich kein Mann mit Bart sei, sondern eben dies – Gott. Insofern sei der Spruch „bildkristisch und weist darauf hin, dass wir Vorstellungen und Bilder immer auch hinterfragen müssen“.

Konservative Katholiken lesen den Slogan derweil ganz im Sinne der Künstlerin, der es mit ihren Leitsätzen freilich auch um gesellschaftliche Umsetzungen feministischer Anliegen geht. Gott bewahre, so der Tenor unter frommen Konservativen, die etwa auf kath.net eine solch „blödsinnige Aktion“ oder „plumpe Provokation“ als Kniefall vor dem Zeitgeist verstehen. Oder, wie es der „Cicero“-Kulturchef Alexander Kissler nannte: „Konfessionssterben von seiner allerschönsten Art“.

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