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Iain Levisons "Hoffnung ist Gift" Er muss doch was getan haben

Iain Levisons bestürzender Roman „Hoffnung ist Gift“ über einen unschuldig Verurteilten, könnte der Realität entsprungen sein. Ist er aber nicht - und genau das macht das Buch so gut.

Wer ein US-amerikanisches Gefängnis (hier in Phoenix) überlebt und wieder in die Freiheit gelangt, bleibt fürs Leben gezeichnet. Foto: ap

Iain Levisons bestürzender Roman „Hoffnung ist Gift“ über einen unschuldig Verurteilten, könnte der Realität entsprungen sein. Ist er aber nicht - und genau das macht das Buch so gut.

Eben erschien der erste, von 1989 bis 2012 reichende Report des „National Registry of Exonerations“. Er untersucht und sammelt, wie viele Menschen in den USA zu Unrecht – nicht wenige auch zum Tode – verurteilt wurden. Er fasst aber nur diejenigen, deren Urteile in diesem Zeitraum auch revidiert wurden: 901 waren es bis Februar 2012. Die Dunkelziffer unschuldig Inhaftierter oder gar Hingerichteter muss also höher liegen.

Richard Ricci ist vermutlich auch nicht in diese Statistik eingegangen, starb er doch im Gefängnis an einer Gehirnblutung, als man ihn noch für schuldig hielt, eine 14-Jährige entführt und getötet zu haben. Sie wurde, lebend, erst nach Riccis Tod bei ihren Entführern gefunden. Der Schriftsteller Iain Levison hat den Fall des Gelegenheitsarbeiters nun zu einem einfühlsamen, bestürzenden Roman gemacht.

Innensicht ohne jede Sentimentalismen

Sein angeblicher Täter heißt Jeff Sutton und ist Taxifahrer. Er hinterlässt einen fatalen Fingerabdruck auf einem Fenster des Tatorts, weil er mal Fensterinstallateur war und neugierig ist, während sein Fahrgast, die Mutter des späteren Opfers, im oberen Stockwerk Geld holt. Die Polizei verhaftet ihn zügig und lässt dann nicht mehr von ihm ab, prüft nicht einmal sein Alibi.

Mit verständlicher Bitterkeit merkt er, dass es in der Realität nicht läuft, wie er es aus dem Fernsehen kennt: „Ich möchte eine Folge von CSI sehen, in der die Spurensucher eine DNA finden, die nicht zu ihrer Theorie vom Fall passt, sodass sie diese einfach wegwerfen und bei ihrer Theorie bleiben.“ Er versucht, nicht zu hoffen, dass sich noch alles zum Guten wendet, denn „Hoffnung ist Gift“, wie der Roman in deutscher Übersetzung heißt.

Levison macht Jeff zum Erzähler, ohne diese Innensicht je für Sentimentalismen zu nutzen. Oft ist Jeffs Ton trocken, ironisch, manchmal verzweifelt, aber immer zutiefst plausibel und menschlich. Wie er – zu seiner Sicherheit bei Hinrichtungskandidaten untergebracht – nach jedem Wortwechsel, jedem Fitzelchen Freundschaft giert, und sei es mit einem mehrfachen Mörder. Wie er sich wünscht, er hätte sein Leben bis zu seiner Verhaftung besser genutzt: „Ich hätte tatsächlich öfter mal richtig mittagessen gehen sollen.“ Wie er schließlich entlassen wird – das Mädchen ist zur großen Überraschung der Polizei gefunden –, und nach einem knappen Jahr im Gefängnis fast zwanghaft ausprobieren muss, ob sich die Tür seines Hotelzimmers öffnen lässt.

Der Roman verändert die Wahrnehmung

Iain Levison weicht von Riccis Geschichte ab, indem er Jeff Sutton überleben lässt. Das gibt ihm die Möglichkeit, ein für alle Zukunft zerstörtes Leben zu zeichnen. Der unschuldig Verurteilte hat seinen Job und seine Wohnung verloren, aber schlimmer noch: Er hat auch sein seelisches Gleichgewicht verloren, seine Unbefangenheit, sein Vertrauen. Er sieht es den Mitmenschen, ehemaligen Freunden, Bekannten, Kollegen an, dass irgendwas hängen geblieben ist, dass sie glauben, er müsse doch was getan haben. Sonst hätte ihn die Polizei doch nicht verhaftet, oder?

Dieser Roman erreicht das Beste, was man von einem Buch erwarten kann: Er verändert die Wahrnehmung. Levison schafft beim Leser ein wenig heilsame Verunsicherung darüber, ob nicht mancher „Täter“, über den die Medien berichten, in Wahrheit unschuldig ist.

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