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Holocaust und Vatikan Ein Schuldbekenntnis ist überfällig

Ein vatikanisches Schuldbekenntnis zum Schweigen über die Shoa und eine Vergebungsbitte für die Diplomatie Pius XII. sind überfällig. Davon aber ist im Vatikan keine Rede.

14.04.2015 18:27
Klaus Kühlwein
Papst Pius XII.: Der Todeszug verließ die Ewige Stadt in Richtung Auschwitz ohne päpstlichen Widerstand. Foto: REUTERS

Siebzig Jahre nach dem Ende der Shoa wäscht der Vatikan immer noch seine Hände in Unschuld. Zu bedauern gebe es nichts – im Gegenteil. Pius XII. habe so viele Juden gerettet wie kein anderer und er habe seine Stimme erhoben gegen den Vernichtungswahn der Nazis. Er sei einer der großen Gerechten dieser Welt. Für den Vatikan ist klar: Alle Angriffe auf den mittlerweile verehrungswürdigen Pius XII. seien haltlos und oft nur boshaft – meist beides zusammen.

War das Schweigen der Kirche zur Judenvernichtung ein Fehler? Ist sie mitschuldig geworden, weil sie abseits stand bei der großen Judenjagd in Europa? Mittlerweile sehen das die deutschen, die österreichischen und noch mehr die französischen Oberhirten so. Es gibt viele selbstkritische Äußerungen zur eigenen Vergangenheit. Und die Weltkirche, der Vatikan? Fehlanzeige! Dort weist man eigenes Versagen oder gar Mitschuld weit von sich: Einzelne Katholiken vor Ort haben gefehlt, wir nicht! – so das Credo.

Wie selbstgerecht argumentiert wird, lässt sich in der einzigen Verlautbarung Roms zur Shoa aus kirchlicher Sicht gut nachlesen. Das Dokument mit dem gewichtigen Titel: „Wir Erinnern. Eine Reflexion über die Shoa“ (1998) will nur „einige christliche Kreise“ für den Antijudaismus in der Geschichte verantwortlich sehen. Sie hätten gewisse Aussagen im Neuen Testament irrig ausgelegt. Die „Kirche“ habe daran keinen Anteil gehabt – das wird eigens betont.

Auch bei der zentralen Frage nach der Hilfe für Juden in Zeiten der Shoa wird zwischen einzelnen Christen an der Basis und der Kirche an sich sorgsam unterschieden. Einige Christen hätten eine Gewissenslast auf sich geladen, Pius XII. aber habe vorbildlich gehandelt. Er und seine Vertreter hätten so viel unternommen, dass sie „Hunderttausenden von Juden das Leben“ retten konnten. Papst Pius ist der Einzige, der im Dokument namentlich als Judenhelfer hervorgehoben wird.

„Schlimmeres verhütet“

Nach wie vor verteidigt man im Vatikan das Schweigen des Papstes zur Shoa mit dem Argument, dass es „Schlimmeres verhütet“ habe – für die Kirche und für die Juden. Die These wird nicht besser, wenn sie wie ein Mantra ständig wiederholt wird. Man muss sie auch plausibel machen. Dazu gehört mehr, als auf das vermeintlich notwendige Abwägen von Gütern hinzuweisen. Unabhängig davon musste Pius klären, ob er in seiner Situation überhaupt eine Güterabwägung vornehmen durfte.

Die moraltheologische Tradition der Kirche gibt für Gewissensfragen strenge Maßstäbe vor. Nur wenn keine unveräußerlichen Werte verletzt werden, darf man konsequentialistisch entscheiden, das heißt erwarteten Nutzen und Schaden abwägen. Erst dann schlägt die Stunde kalkulierter, zweckrationaler Diplomatie.

Er habe keine Wahl, argumentierte Pius XII. öfters. Er müsse bei der Frage nach einem Protest oder gar Widerstand gegen die NS-Judenvernichtung die Folgen bedenken. Daher könne er nicht anders als schweigen und diplomatisch „klug“ entscheiden. Das sehen die Bischöfe in Deutschland, Österreich und Frankreich für ihre Kirche anders.

Trotz Verständnis für die schwierige Situation, halten sie das Schweigen ihrer Amtsvorgänger für einen moralischen Fehler. Es war Versagen und Schuld und nicht klug in vertrackter Situation. Sie haben recht damit. Sie hätten auch recht, wenn sie die Kirchenpolitik des Hl. Stuhls einschlössen. Diesen Schritt jedoch muss der Vatikan selbst tun. Niemand sonst kann das abnehmen.

Es gibt reichlich Stoff zur Gewissenserforschung; zum Beispiel:

– Statt sich den hellsichtigen und eindringlichen Weckruf der Jüdin Edith Stein Anfang April 1933 zu Herzen zu nehmen, ignorierte man sie und schloss überstürzt ein Konkordat mit Hitler einige Wochen später. Mittlerweile ist der Vatikan mächtig stolz auf „seine“ Edith Stein – statt die menschenverachtende Behandlung der Juden im Reich zu brandmarken, eine Enzyklika, die nur über die NS-Rassen- und Staatslehre räsoniert und Artikel in der einflussreichen, halbamtlichen Civiltà Cattolica und dem amtlichen „L’ Osservatore Romano“ über die Judenfrage mit despektierlichen Äußerungen. Die Artikel wurden von Kardinalstaatssekretär Pacelli (Pius XII.) redigiert und freigegeben.

– Statt das machtvolle Wort: „Geistlich sind wir alle Semiten“ des alten Papstes Pius XI. im September 1938 aufzugreifen und als Speerspitze gegen die neuen Rassengesetze Mussolinis zu verwenden, verhinderte Pacelli dessen Veröffentlichung in vatikanischen Medien und sorgte für eine Tilgung des Wortes im Fundus päpstlicher Lehräußerungen. Die Kurie und die Päpste heute sind der Peinlichkeit ausgesetzt, dass sie auf eine fremde, außervatikanische Quelle verweisen müssen, wenn sie das Semiten-Wort Pius XI. selbstbewusst zitieren.

– Statt sich im Namen Jesu über die brennenden Synagogen zu empören, angezündet am Abend des weltweit begangenen hohen Festtages der Kirche zur „Mutter aller Gotteshäuser der Stadt Rom und des Erdkreises“/Lateranbasilika, gab es nach Wochen des Schweigens neuerlich einen Versuch gütlichen Einvernehmens zwischen Rom und Berlin. Einsam betete damals der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg öffentlich am 10. November: „Draußen brennt der Tempel. Das ist auch ein Gotteshaus.“ Vom Vatikan kam nichts: keine entsetzte Protestnote, kein öffentliches Gebet, kein mahnendes Glockengeläut von den Bruderkirchen.

– Statt am Vorabend des Weltkrieges die vorbereitete Anti-Rassen-Enzyklika Pius XI. zu veröffentlichen, in der jedes Drangsalieren und Verfolgen von Juden gegeißelt wurde, begrub Pius XII. als frisch gewählter Papst das Projekt. Es sei zu erwarten gewesen, dass jetzt die Diplomatie Oberhand gewinne, kommentierte bitter der deutsche Pater Gundlach SJ, einer der Mitautoren der Enzyklika.

– Statt den diabolischen Genozid am europäischen Judentum öffentlich anzuprangern, den Gläubigen das Gewissen zu schärfen, sich schützend vor die Juden zu stellen und Widerstand zu leisten, getreu dem päpstlichen Hüter- und Wächteramt, gab es die Diplomatie des Schweigens, der Zurückhaltung und pedantischer Neutralität. Wer keinen Standpunkt einnimmt, nimmt auch einen Standpunkt ein.

Fatale „kluge“ Diplomatie

Die einzige Gelegenheit, bei der Pius Opfer des Krieges allein aufgrund ihrer Abstammung beklagte, war am Schluss der Weihnachtsansprache 1942. Das Wort Jude nahm er dabei nicht in den Mund, ebenso wenig die gigantische Zahl, die er verlässlich am Ende des Hiob-Jahres 1942 kannte: rund zweieinhalb Millionen tote Juden! Zweieinhalb Millionen! Stattdessen sprach Pius pauschal von insgesamt Hunderttausenden schuldloser Opfer. Nur ein kleinerer Teil davon seien todgeweihte Abstammungsopfer. Wie „kluge“ Diplomatie entsetzliche Fakten verzerren und abwiegeln kann!

– Statt die Juden seiner eigenen Bischofsstadt Rom vor der drohenden SS-Razzia im Herbst 1943 zu warnen, sie während der Razzia zu verteidigen, zu schützen und vor der kollektiven Ermordung zu retten, verschanzte sich Pius XII. hinter der scheinbar diplomatischen Notwendigkeit kein Aufsehen zu erregen und Berlin in Ruhe zu lassen.

Der Todeszug verließ die Ewige Stadt in Richtung Auschwitz ohne päpstlichen Widerstand. Es gab auch kein Wort des Trostes an die Hinterbliebenen, kein Missfallen gegenüber deutschen Stellen in Rom oder Berlin, nicht einmal eine unverdächtige Meldung im „L‘ Osservatore Romano“.

Niemand kann heute ernsthaft bestreiten, dass Pius XII. durch Hintertürdiplomatie zahlreichen Juden die Ausreise in sichere Länder oder die Flucht in Verstecke ermöglichte. Das war für den Vatikan mit seinen diplomatischen Kontakten und Fähigkeiten eine selbstverständliche Christenpflicht. Diese Form der Hilfe verlief in der Regel auch risikolos. Vorwerfen kann man Papst Pius auch keinen Antisemitismus, wohl aber einen Antijudaismus. Dieser blühte in der Kirche bis Ende der fünfziger Jahre und stellte einen Nährboden dar für den Antisemitismus. Pius war nicht „Hitlers Papst“, er sympathisierte nicht mit dem NS-Regime oder dem Krieg gegen Stalin, obwohl er den Kommunismus für gefährlicher hielt als den Nationalsozialismus.

Das große Problem Pius XII. war, dass er die Gewissensfrage, die die Shoa ihm stellte, zweckrational lösen wollte. Statt offen und mutig wie ein Prophet dem dämonischen Vernichtungswerk Hitlers entgegenzutreten, übte er sich in zurückhaltender und vorsichtiger Diplomatie. Er hatte zu große Angst, einen Schritt zu tun, der Berlin provozieren und unkalkulierbare Folgen hervorrufen könnte.

Doch gab es für einen Stellvertreter Christi etwas Wichtigeres, etwas Heiligeres als auf sein Gewissen zu hören, das unbedingt verpflichtete? Hätte Hitler Opfer verlangt vom Vatikan und der Christenheit für einen päpstlichen Aufschrei des Gewissens und einen aktiven Schutz der Juden, wären das heilige Opfer gewesen – für die Liebe, die Gerechtigkeit und die Wahrheit.

In Rom betet man seit zweitausend Jahren täglich „mea culpa, mea maxima culpa“. Warum fällt es so schwer auch für den Stuhl Petri „mea culpa“ zu sagen und über die eigenen Sünden zu weinen? „Tränen sind schmelzendes Seeleneis, dem Weinenden sind alle Engel nah.“ So schrieb einmal der Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse.

Siebzig Jahre nach dem Ende der Shoa ist es mehr als an der Zeit, dass man sich im Vatikan an die Brust schlägt, demütig eigenes Versagen anerkennt und um Vergebung bittet. Nur so wird sich das Tor zur Versöhnung öffnen.

Der Autor hat eine Zugangsgenehmigung zum Vatikanischen Geheimarchiv und zum Archiv der Glaubenskongregation. Sein Buch über „Pius XII. und die Judenrazzia in Rom“ erschien 2013 in zweiter Auflage.

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