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Holocaust-Forschung Wenn es um die eigene Familie, die eigene Firma geht ...

Sobald es in die Details geht, ist der Nationalsozialismus weiterhin ein heikles Thema. Ein Gespräch mit der Holocaust-Forscherin Susanne Heim.

„Immer wieder kleine Denkanstöße“: Die „Stolpersteine“, hier in Berlin-Wilmersdorf. Foto: REUTERS

Frau Heim, Ihr Großvater Claus Heim (1884–1968) war einer der Führer der schleswig-holsteinischen Landvolkbewegung, die half, die Weimarer Republik zu verunsichern. Was bekamen Sie mit von ihm?
Ich kann mich noch gut an ihn erinnern. Ich war gerade zwölf geworden, als er starb. Er gehörte zum militanten Flügel der Landvolkbewegung. Aber er hat, als ich ihn erlebte, doch immer wieder betont, dass er froh war, dass bei den verschiedenen Anschlägen keine Menschen umgekommen waren. Es waren demonstrative Anschläge auf Landratsämter, um gegen die Zwangsversteigerungen der Bauernhöfe während der Agrarkrise zu protestieren. Wieviel Sorgfalt sie damals darauf verwandt haben, dass dabei niemand zu Schaden kam, weiß ich allerdings nicht.

Als Sie in der außerparlamentarischen Linken die Debatten über „die Gewaltfrage“ mitbekamen, kam Ihnen das bekannt vor?
Mir fiel vor allem auf, wie unterschiedlich die Gewalt bewertet wurde. Mein Großvater war auch nach dem Zweiten Weltkrieg ein angesehener Mann in Dithmarschen. Weder die Attentate noch die Tatsache, dass er dafür im Zuchthaus gesessen hat, haben daran etwas geändert. Während die Anschläge der Baader-Meinhof-Gruppe als terroristisch angesehen wurden, hatte man für die aufständischen Bauern von damals durchaus Verständnis und Respekt. Die Anwendung von Gewalt, wenn es um die Verteidigung der Höfe ging, schien auch noch in den späten siebziger Jahren, als ich für meine Diplomarbeit Interviews über die Landvolkbewegung gemacht habe, den meisten Leuten völlig legitim. Das wäre sicher anders gewesen, wenn die Landvolkbewegung Landräte ermordet hätte. Es ging ihr darum, auf Missstände aufmerksam zu machen, zumal die Bauern den Eindruck hatten, dass sich in Berlin niemand dafür interessierte, was auf dem Land geschah. Dass die Anwendung demonstrativer Gewalt dazu beitragen kann, öffentliche Aufmerksamkeit herzustellen, diese Erfahrung haben die 68er ja dann auch gemacht. Um aber auf Ihre Frage zurückzukommen: Natürlich kam mir das bekannt vor. Die Anwendung von Gewalt gegen Sachen zur Durchsetzung politischer Ziele war nicht von vornherein diskreditiert, nicht in der außerparlamentarischen Linken und auch nicht in der frühen Anti-Atomkraft-Bewegung, die damals in Schleswig-Holstein eine wichtige Rolle spielte.

Hat Ihre inzwischen Jahrzehnte lange Beschäftigung mit der Judenvernichtung mit Ihrer Herkunft aus diesem Milieu etwas zu tun?
Nicht direkt. Über die Auseinandersetzung mit der Landvolkbewegung und der Agrarkrise habe ich angefangen, mich mit Fragen der Modernisierung und Umstrukturierung der Agrarwirtschaft auch im Nationalsozialismus zu beschäftigen und schließlich mit Bevölkerungspolitik im allgemeinen. Dazu gehörten in der NS-Zeit auch Methoden wie Zwangsumsiedlung, Vertreibung und letztlich Massenmord. Ich habe über Migrationsregulierung nach 1945, über Geburtenkontrollpolitik und die Debatte um die „Überbevölkerung“ gearbeitet; und über jüdische Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland. Das steht eher im Gegensatz zu meiner Herkunft. Denn meine Familie ist seit Jahrhunderten in der selben Gegend ansässig. Meine Vorfahren väterlicherseits haben sich nicht groß vom Fleck bewegt – von Ausnahmen abgesehen wie etwa dem erwähnten Großvater, der, bevor er sich in der Landvolkbewegung engagierte, eine Weile in Paraguay gelebt hat.

Die Erforschung des Nationalsozialismus und der Judenvernichtung ist inzwischen ein blühender Erwerbszweig. Da gibt es ja im Prinzip überhaupt keine Kontroversen mehr.
Das würde ich nicht sagen. Zum Beispiel ist nach wie vor umstritten, inwieweit die Ermordung der Juden durch den Antisemitismus erklärt werden kann, welche Rolle die Kollaboration in den verschiedenen Ländern spielte oder was „ganz gewöhnliche Männer“ zu Massenmördern gemacht hat. Aber natürlich ist die Situation heute ganz anders als vor vierzig Jahren, als über die „dunkle Zeit“ am liebsten gar nicht gesprochen wurde. Heute weiß jeder, der sich öffentlich äußert, dass er sagen muss: „Der Nationalsozialismus war verbrecherisch.“ Gerade darum aber fällt es ihm unter Umständen schwer anzuerkennen, dass die Firma, die er heute leitet, dass das Institut, dem er vorsteht, dass die Familie, aus der er kommt, mitmachte bei diesen Verbrechen. Sobald es die eigene Institution oder – wie wir unlängst wieder bei den Historikern gesehen haben – die eigenen Doktorväter betrifft, gibt es bemerkenswerte Widerstände, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Sowie es in die Details geht, ist der Nationalsozialismus immer noch ein heikles Thema.

Sie arbeiten an keiner Universität, sind keine Beamtin, sondern haben einen Forschungsauftrag nach dem anderen.
Zur Zeit bin ich vor allem mit der auf 16 Bände angelegten Dokumenten-Reihe „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945“ beschäftigt. Ich bereite darin auch eigene Dokumentenbände vor, für die forsche ich dann auch. Aber ein Großteil meiner Zeit ist durch die Koordination der Editionsarbeit ausgefüllt. Wenn eine Lektorin, ein Übersetzer oder womöglich einer von den Historikerkollegen „abspringt“, die an den Bänden arbeiten, muss ich mich drum kümmern, wie wir Ersatz finden. Auf den Herausgebersitzungen diskutieren wir, was in die jeweiligen Bände hinein soll, welche Schwerpunkte in den Einleitungen zu setzen sind. Der Bayerische Rundfunk macht eine Sendereihe, in der Auszüge aus den Bänden vorgelesen werden. Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem gibt eine Auswahl der Dokumente auf Hebräisch heraus. Alles das und viel mehr muss abgestimmt werden.

Die Reihe sammelt ganz unterschiedliche Dokumente. Das sind erschütternde Lektüren. Ich habe selten länger als eine halbe Stunde am Stück darin lesen können. Wie halten Sie das aus?
Die Edition käme nicht voran, wenn ich auch nur dreißig Minuten lesen könnte und dann wieder eine Pause bräuchte. Aber ich und wir alle, die an der Edition arbeiten, kommen an Punkte, an denen wir nicht weiterlesen wollen oder können. Manchmal widert einen die Lektüre an, zum Beispiel, wenn jemand voller Stolz über sein Geschick bei der Judenvernichtung schreibt. In manchen Dokumenten schildern Verfolgte die Ermordung ihrer Angehörigen oder der gesamten jüdischen Gemeinde ihrer Stadt. Wenn mir das unerträglich wird, stehe ich auf und kümmere mich um organisatorische Belange. Wir haben uns dickere Felle zugelegt, aber unempfindlich wird man nicht. Auch wenn man sich viele Jahre lang damit beschäftigt.

Sie leben seit vielen Jahren mit Thomas Schmid zusammen, einem Reporter, der auch in der Frankfurter Rundschau aus Krisengebieten in vielen Teilen der Welt berichtet. Wie muss ich mir das bei Ihnen abends am Küchentisch vorstellen: Thomas Schmid erzählt von den aktuellen und Sie von den vergangenen Genoziden?
Meistens geht es schon mehr um das aktuelle Geschehen, zumal mich das ja auch interessiert. Zudem berichtet Thomas zwar oft über aktuelle Konflikte und Kriege, aber um Genozid geht es in seinen Artikeln nicht. Ich erzähle natürlich auch von meiner Arbeit. Aber ich muss nicht unbedingt alles, was ich in den Archiven lese, bei Thomas loswerden. Das bekommen meine Kollegen eher ab. Den ersten Schock bei der Lektüre eines Dokuments habe ich, bevor ich nach Hause komme, schon im Büro „behandelt“.

Wird, was Sie im Büro lesen, nicht durch die Berichte aus der Gegenwart noch intensiviert?
Stellen Sie sich unseren Küchentisch nicht als eine Klagemauer über den Weltenlauf vor. Thomas hat nicht immer nur mit Furchtbarem zu tun. Es gibt auch Schönes und Lustiges. Aber ich finde schon, dass er es deutlich schwerer hat. Die allermeisten Menschen, deren Geschichte ich recherchiere, sind lange tot. Das einzige, das ich tun kann, ist an sie zu erinnern. Bei Thomas geht es um lebendige Menschen. Oder um zu Tode gebrachte, ermordete, gefolterte Menschen. Ein guter Freund von ihm starb beim Erdbeben in Haiti, ein anderer wurde im Kosovo erschossen. Das ist doch etwas ganz anderes als meine Archivrecherchen!

Das Morden geht weiter. Stellen Sie sich nicht manchmal die Frage: Wofür mache ich mir die Arbeit?
Ich glaube nicht, dass unsere Editionsarbeit die Welt saniert. Und ein fanatischer Neonazi wird durch die Lektüre der Dokumente nicht von seinem Glauben abkommen. Aber ich bilde mir schon ein, dass dieses Land anders, deutlich schlimmer, aussähe, wenn nicht sehr viele, seit vielen, vielen Jahren sich diese Arbeit machten. Eine Dokumentation, die im Detail belegt, mit welchen Methoden und von wem die Juden ausgegrenzt, verfolgt und schließlich ermordet wurden, wer sich daran beteiligt hat und welche Konsequenzen das Wegsehen hatte, kann zumindest dazu beitragen, dass die Erinnerung nicht zum Ritual erstarrt. Nichts gegen eine Kranzniederlegung am vorgesehenen Ort und eine Rede zur richtigen Zeit, aber damit darf es nicht getan sein. Wichtiger sind Initiativen wie die Stolpersteine, die immer wieder kleine Denkanstöße liefern. Am eindrücklichsten aber sind die Menschen, die sich in ihrer Freizeit hinsetzen und die Biografien über die einstigen Nachbarn schreiben. Das ist doch eine großartige Arbeit. Davon, finde ich, kann es nicht genug geben.

Interview: Arno Widmann

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