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Hitzewelle „Kühlung! Kühlung! Kühlung!“

Aktuell jagt ein Hitzerekord den nächsten. Doch ist 2018 tatsächlich der bislang heißeste Sommer? Ein Rückblick auf den Sommer 1540.

Sommerhitze
Für Bären war es sicherlich auch bereits 1540 zu heiß. Foto: dpa

Seit Mai heißt es: „Heiß, heißer am heißesten“. Ein Hitzerekord jagt den anderen. „Wenn das der Klimawandel ist, verbringe ich ihn im Freibad“, sagen die einen. Die anderen rufen nach dem Staat, der ihre Ernteausfälle kompensieren soll. Wir suhlen uns in der Katastrophe. Wer noch nicht seinen Verstand an Herrn Alzheimer abgegeben hat, der erinnert sich an die Hitzewelle des Jahres 2003. 

2014 gab es eine große Debatte darüber, ob 2003 den Rekord innehabe oder nicht doch 1540. Eine umfangreiche Studie war zu dem Schluss gelangt, dass in jenem Jahr, mitten in der kleinen Eiszeit, die uns aus den Winterbildern der niederländischen Malerei entgegentritt, Mitteleuropa von einer monatelangen Dürre- und Hitzeperiode erfasst worden war. Mehr als 300 Quellen waren von einer von der Universität Bern aus geleiteten Forschergruppe ausgewertet worden. Eine schwierige Arbeit. 

Thermometer, die den Namen verdienten, gab es noch nicht. In manchen Chroniken wird erwähnt, dass man jetzt schon Monate auf Regen warte. In Brandenburg zum Beispiel soll es 1540 sechsundzwanzig Wochen keinen Niederschlag gegeben haben. Wie verlässlich sind solche Sätze? Wie sah es in Berlin aus? Über das Wetter weiß man nichts. Im März 1540 wurde auf dem Rabenstein, der Berliner Richtstätte vor den Toren der Stadt, also dort, wo heute der Straußberger Platz ist, Hans Kohlhase zusammen mit seinen Freunden Georg Nagelschmidt und Thomas Meißner zu Tode gerädert. 

Kohlhase-Chroniken reden nicht vom Wetter

Der um 1500 in der Gegend des märkischen Müncheberg geborene Kohlhase handelte mit Honig, Heringen und Speck. 1530 wurde er Bürger von Cölln und bezog ein Haus auf der Fischerinsel. 1532 raubte ihm ein sächsischer Adliger seine Pferde. Kohlhase zog vor Gericht, verlor den Prozess. Daraufhin erklärte er dem Land Sachsen und dem Adligen in einem offenen Brief vom 12. März 1534 die Fehde, also Brandschatzung, Raub und Entführungen. Er soll, so die späteren Gerichtsakten, 300 Unterstützer gehabt haben. Hans Kohlhase diente 1810 Heinrich von Kleist als Vorlage für seinen „Michael Kohlhaas“. Aber das alles interessiert uns ja heute nicht. Wir reden vom Wetter und müssen feststellen: Die Kohlhase-Chroniken tun das nicht. 

Natürlich redete auch die Brandenburgische Kirchenordnung von 1540, mit der die Reformation nach Berlin kam, nicht vom Wetter. Die Kirchenordnung ist wahrscheinlich das erste Buch, das in Berlin gedruckt wurde. Am 15. August 1540 wird der Eislebener Theologe Johann Agricola zum ersten evangelischen Hof- und Domprediger nach Berlin berufen. Über die Temperaturen des Tages ist nichts überliefert. Im selben Sommer bereiste eine Gruppe von Theologen Berlin und Cölln. Ihre Visitationsberichte sind eine wichtige Quelle für zum Beispiel das Bettelwesen in der Doppelstadt. Über Hitze wird darin nirgends geklagt.

Dass der Rhein im Sommer an mehreren Stellen durchwatet werden konnte, dass man auch die Bodenseeinsel Lindau zu Fuß erreichen konnte, das allerdings sagt etwas aus über die Zustände während jener Monate. Aber sahen die Chronisten das alles selbst oder schrieben sie nur auf, wovon sie gehört hatten? Wie groß waren die Waldbrände wirklich, über die sie berichteten?

Die Berner Forscher kamen 2014 zu dem Schluss, dass die Dürre von 1540 eine der größten, verheerendsten der europäischen Geschichte war. Wie man das wissen kann, angesichts der spärlichen Überlieferung und der Schwierigkeiten dendrologischer Untersuchungen, weiß ich nicht. Wenn man zusammenträgt, wo überall die Wassermühlen nicht funktionierten, weil es kein Wasser gab und wo man sie nicht brauchte, weil das Getreide verdorrt war, das man hätte mahlen wollen, dann bekommt man ein Bild. Die Forscher zitieren einen Elsässer Weinbauern, der erklärte, „der Juli war bis an sein Ende glühend und schrecklich gewesen“. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Heiße Zeiten

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