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Hitler Stauffenberg 20. Juli Es ging nicht nur um ein Attentat

Die ehemalige Grünen-Politikerin und Buchautorin Antje Vollmer erinnert an das Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 und den militärischen Widerstand gegen das Nazi-Regime. Sie betont, wie viel Rettendes auch heute aus dem Inneren eines Landes kommen könnte.

Soldaten der Bundeswehr legen in der Henning-von-Tresckow-Kaserne einen Kranz zum Gedenkstein für den ehemaligen Generalmajor der Wehrmacht, Henning von Tresckow - einer der führenden Köpfe des Widerstandes. Foto: dpa

Frau Vollmer, warum feiern wir den 20. Juli?

Aus schlechtem Gewissen. Zuerst feierte überhaupt niemand den 20. Juli. Dann war es unter anderem Theodor Heuss, der meinte, es müsse einen Tag geben, an dem man an den Widerstand erinnert, der damals noch von manchen „Verrat“ genannt wurde. 180 Menschen wurden in diesem Zusammenhang hingerichtet, involviert in den Umsturzversuch des 20. Juli waren um die 1000 Menschen. Ich glaube, es gibt heute kaum jemanden, mal von den Fachhistorikern abgesehen, der davon auch nur zehn Namen nennen könnte. Das Interesse konzentriert sich auf einige wenige: Stauffenberg, Tresckow, Beck. Die kommen immer mal wieder vor, mal positiv, oft negativ. Ansonsten ist man aber nicht interessiert am 20. Juli. Es gibt keinen Identitätsbezug der Nachkriegsdeutschen.

Was sollte uns interessieren?

Wir sollten begreifen, dass es den Akteuren des 20. Juli nicht nur um ein Attentat gegen Adolf Hitler ging und auch nicht um Symbolik. Darum sind auch all diese Versuche, den militärischen Widerstand ins Lächerliche zu ziehen – was seien das für Militärs, denen es nicht einmal gelungen sei, Hitler umzubringen – so völlig daneben. Die Attentäter des 20. Juli waren keine geborenen Attentäter. Sie wollten einen Regimewechsel. Sie wollten dem NS-Regime die ganze Macht aus der Hand nehmen, dazu mussten sie eine Gegenstruktur aufbauen, um einen Regimewechsel – mitten im Krieg – erfolgreich durchführen zu können. Dazu haben sie über Jahre ein Netzwerk geschaffen. Für einen umfassenden Staatsstreichversuch. Das war das Ziel, und das ist das eigentlich Interessante.

Darauf kam man erst 1944?

Es gab schon 1938 einen ersten, gut vorbereiteten Versuch. Teile des militärischen Generalstabs waren aus nüchternen militärischen Gründen gegen den von Hitler angestrebten Krieg. Sie wollten ihn zunächst mit einem Hochverratsprozess gegen Hitler verhindern. Sie waren sich sicher, dabei die Unterstützung der Bevölkerung, die sie als kriegsmüde einschätzten, zu gewinnen. Dann unterschrieb Hitler das Münchner Abkommen. „Peace for our time“ jubelte am 30. September 1938 der britische Premierminister Neville Chamberlain. Hitler stand als Friedensfürst da. Da war es unmöglich, ihn als Kriegstreiber zu stürzen. Und später nicht, weil er dann siegte, siegte und siegte ...

Hat der 20. Juli nicht auch darum einen so schweren Stand, weil das ganze Milieu, aus dem diese Menschen kamen, nicht mehr existiert?

Das stimmt so und wird auch in den Widerstandsfamilien so gesehen. Sie haben nicht nur ihre Funktionen als politische Eliten verloren. Sie sind zum Glück auch so weit gründlich demokratisiert, dass sie dorthin nicht zurück wollen. Wenn wir heute ein Interesse an dieser Gruppe wecken wollen, dann spielen der Adel, das konservative Milieu usw. keine Rolle mehr. Entscheidend und für viele überraschend ist allein das Faktum: Tatsächlich gab es einige in Deutschland, die mit großer Ernsthaftigkeit – manche schon früh – begriffen, welche Kategorie von Verbrechen mit dieser nationalsozialistischen Ideologie gemeint war und von diesem Augenblick an, nach bestem Vermögen, versuchten, einen Plan zu entwickeln, wie das ganze Regime zu stürzen sei. Dass es die wirklich gab, auch unter denen, die eine Weile lang mitliefen und mitjubelten, das war für mich das Allererstaunlichste.

Es gab doch auch Kommunisten, Sozialdemokraten …

Die waren schon unmittelbar nach der Machtergreifung zerschlagen. Trotz ihrer riesigen, auch kampfbereiten Organisationen. Das müssen die Historiker wohl noch klären, woran deren Widerstand scheiterte. Der Stalinismus und seine Strategien – Sozialfaschismustheorie, Hitler-Stalin-Pakt, stalinistische Verfolgungen der eigenen Leute – werden da eine verhängnisvolle Rolle gespielt haben. Dann gab es als Organisation auch die Kirchen. Die haben einiges getan. Immerhin so viel, dass Hitler in seinen Monologen im Führerhauptquartier erklärte, er habe die politischen Organisationen alle zerschlagen können. Aber mit den Kirchen werde er erst nach dem Endsieg fertig werden. Die Kirchen arbeiteten freilich nicht an einem Regimewechsel. Die meisten jüngeren Historiker vertreten zum 20. Juli die These: Als der Krieg längst verloren, das Militär gründlich blamiert war, da fiel den Offizieren der Widerstand ein. Da wurde dann noch ein hilfloses Fanal gesetzt, eine Aktion, die nicht klappen konnte.

Es war aber ganz anders?

Ganz anders war es nicht. Es war ja nur eine ganz verschwindend kleine Minderheit, die den Umsturz plante. Aber es ist doch interessant zu wissen, wie die zu einem Wechsel ihrer Überzeugungen kam und wie groß das Netzwerk war, das trotz aller Diktatur aufgebaut wurde. Betrachten wir das Militär. Die alte, zahlenmäßig noch kleine Wehrmacht unter Hans von Seeckt hatte die Haltung: Wir sind gegenüber der Weimarer Republik neutral. Darum hatten sie den Kapp-Putsch nicht unterstützt. Als dann Hitler an der Macht war, waren die Militärs zunächst ganz auf seiner Seite, zumal er ihnen die verhasste SA als paramilitärische Organisation zu zerschlagen schien. Sie begannen natürlich nicht gleich mit einer Verschwörung, aber der Austritt aus dem Völkerbund beunruhigte einige. Ludwig Beck arbeitete seine Kritik an Hitlers Kriegsplänen aus und sammelte Gegner um sich. Er schlug 1938 von Brauchitsch vor, die gesamte Generalität solle zurücktreten, falls Hitler weiter zum Krieg dränge. Innerhalb dieser Verschwörung gab es noch radikalere Positionen. Oster wollte bei der geplanten Verhaftung ein Handgemenge erzeugen, in dem Hitler getötet werden sollte. Das war in der kleinen Gruppe des Widerstandes eine winzige Minderheit. Die meisten wollten die Sache friedlich durchziehen und Hitler wegen Hochverrat anklagen. Das Münchner Abkommen machte dieser Phase der Opposition der Militärs ein Ende.

Die Militärs waren also schon vor dem Krieg gegen den Krieg?

Der Generalstab war dagegen. Das ist doch immerhin eine erstaunliche Ausgangsposition für einen Gegner des Krieges. Anfang 1938 hatte deswegen Hitler den Oberbefehlshaber der Wehrmacht Werner von Blomberg und den Oberbefehlshaber des Heeres Werner von Fritsch – beide mit den Mitteln sexueller Denunziation – entlassen und an ihre Stelle seine Lakaien installiert. Jetzt hatte er freie Hand zur Realisierung seiner Kriegspläne. Beck und Hammerstein waren zurückgetreten, der militärische Widerstand musste neu versuchen, die oberste Generalität zu gewinnen. Darum der Kampf um solche Zögerer wie Generalfeldmarschall von Kluge. Er hatte auf dem Höhepunkt des Krieges als Chef der Heeresgruppe Mitte 1,2 Millionen Soldaten unter sich. Das waren mehr als jemals etwa Napoleon unterstanden. Hätten die Frondeure es geschafft, dass nur dieser Feldmarschall die Fronten wechselte, der Krieg wäre zu Ende gewesen und Hitler auch.

Sie sprechen immer wieder von einem Regimewechsel. Dergleichen lieben wir ja heute.

Wie und mit welchen Kräften stürzt man ein Unrechtsregime? Das ist die Frage, die der 20. Juli aufwirft. Der deutsche Widerstand wurde von den alliierten Kriegsgegnern an keinem Punkt unterstützt. Kann man überhaupt von außen helfen bei einem Regimewechsel? Diese Frage war doch auch während des ganzen Kalten Krieges hoch aktuell – und sie ist es immer noch in den heutigen heißen Kriegen. Ein Regimewechsel von außen scheint nach herrschender Systemlogik zu erfordern, dass erstmal alles zusammenbombardiert wird. So baut man auf einer Tabula rasa ein neues Land. Dann werden freilich dieselben autoritären Charaktere das neue Regime tragen, die zuvor das alte trugen. Die Männer und Frauen des 20. Juli wollten einen Regimechange wenigstens teilweise als Selbstbefreiung. Das musste doch versucht werden.

Der 20. Juli sollte also genau das nicht werden, wofür er heute steht: ein Fanal, ein Zeichen dafür, dass ein paar gegen die Nazis waren.

Es ging ihnen schon längst nicht mehr um die eigene Ehre. Sie wollten Deutschland retten und die Opfer der Verbrechen. Sie dachten auch an den Tag danach. Sie machten Pläne, wer nach dem Sturz die Zivilverwaltung übernehmen könnte und nicht korrumpiert war. Wer auch von der Bevölkerung – alles keine aufgeklärten Demokraten, sondern viele, viele Nazi-Mitläufer – akzeptiert werden würde. Die Idee war eine Art Volksfront, also inklusive Sozialdemokraten, ja sogar Kommunisten. Sie waren im Widerstand andere geworden. Sie hatten vielleicht nicht ihre Sympathien gewechselt, aber sie wollten eine realistische Chance für einen Machtwechsel und die hätte es nicht gegeben, wenn sie sich einzig in ihrem eigenen Milieu bewegt hätten. Stauffenberg, Tresckow und Schulenburg waren sich sicher, dass nach dem Krieg Schluss sein werde mit allen Privilegien des Adels. Das lag schon hinter ihnen.

Ich kenne eine Frau, die kam mit ihren Eltern nach Deutschland. Kurden. Ihr Dorf war immer wieder von türkischen Militärs niedergebrannt worden, viele in ihrer Familie wurden inhaftiert, einige umgebracht. Im Unterricht in Deutschland spielten solche und ähnliche Erfahrungen keine Rolle. Wir brachten ihr bei, dass das, was vor mehr als 50 Jahren in Deutschland war, das Allerschlimmste sei, das jemals passiert ist.

Dass für uns der Nationalsozialismus schlimmer, radikaler, unverzeihlicher ist als alles sonst, das finde ich okay. Da würde ich keinen Deut uminterpretieren. Trotz allem, was es sonst an Untaten in der Welt gibt. Ich verstehe aber, dass das für die Kurdin in der Türkei kein rechter Trost ist.

Diese Menschen sind jetzt Deutsche. Ihre Geschichte wird jetzt Teil der deutschen Geschichte.

Ich stimme zu, wir machen etwas falsch, wenn wir die eine singuläre, völlig unbegreifliche NS-Geschichte dazu benutzen, um in jedem anderen Fall zu fragen: Ist das schon wie Hitler oder ist es das nicht? Es hieß, Saddam Hussein sei der neue Hitler. Das Massaker von Srebrenica war nicht schlimm genug. Wir mussten dazu sagen: wie Auschwitz. Das ist der intellektuelle Kurzschluss, den wir immer wieder begehen. Der Vergleich erklärt gar nichts. Das kurdische Mädchen reagiert wohl darauf. Da hat sie ganz recht. Sie denkt wohl, wir schieben sie beiseite mit unserem Hitler-Leid und mit unserem Hitler-Selbstmitleid auch. Vielleicht hat sie das Gefühl, unsere Besessenheit von unserem Problem hindere uns, Mitgefühl zu entwickeln für ihre Situation. Die Auseinandersetzung mit unserer Nazi-Geschichte hat uns sensibilisiert, sie macht uns aber vielleicht manchmal auch narzisstisch und dumm. Das nimmt zu, je weiter der Schrecken zurückliegt.

Hat das etwas damit zu tun, dass wir unsere Freiheit jetzt am Hindukusch verteidigen?

Es hat jedenfalls mit den Befreiungsfantasien zu tun, die wir seit ein paar Jahren pflegen. Wenn jemand kommt und sagt: Das ist wie Auschwitz, dann springen wir auf und wollen Amerikaner spielen. Wir müssen dann hin mit Truppen und von außen das Land befreien.

Sie denken anders darüber?

Bei mir ist es genau umgekehrt gegangen. Je mehr ich mich mit dem 20. Juli befasste, desto klarer wurde mir, wie viel Rettendes und Befreiendes von innen kommt. Wir kennen diese Kräfte nur viel zu wenig. Dabei käme alles darauf an, die zu unterstützen. Wenn ich mich wirklich für die Situation in einem Lande interessiere, wenn ich hineinhöre, dann weiß ich besser, wen ich ermutigen, wem ich helfen muss. Wir müssen diese Kurzschluss- und Tagfantasien – die kriegen das sowieso nicht hin, wir müssen mal eben intervenieren – beenden. Der meist ahnungslose Befreier von außen, der Beglücker, der auf Drohnen und Bomben daherkommt, ist keine überzeugende Figur der Weltgeschichte.

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