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Hitler-Ausstellung in Berlin Auf der Flucht vor dem Thema

Erstmals in Deutschland beschäftigt sich eine Ausstellung zur Wirkung Hitlers. Das Deutsche Historische Museum Berlin präsentiert mehr als tausend Exponate. Die Ausstellung "Hitler und die Deutschen" blendet die Verführungskraft der Nazis aus.

14.10.2010 12:22
Exponate der Ausstellung "Hitler und die Deutschen - Volksgemeinschaft und Verbrechen" im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Foto: dapd

Das ist keine Ausstellung über Hitler. „Wir haben uns nicht eingelassen auf die bizarre Persönlichkeit Hitlers“, erklärte auf der Pressekonferenz Hans Ottomeyer, Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums. Das stimmt. Aber warum heißt die Ausstellung dann „Hitler und die Deutschen“? Der Historiker mag sein Objekt hassen oder lieben, aber ernst nehmen muss er es. Das Interesse der Ausstellungsmacher an Hitlers Persönlichkeit geht gegen Null. Aber auf eines setzen sie: Sein Name taugt zur Reklame.

Das ist das Unappetliche dieser Veranstaltung. Man gibt sich frivol, und dann wird nichts Frivoles geboten. Die Schau ist aber auch noch feige. „Volksgemeinschaft und Verbrechen“ lautet der Untertitel. Mit ihm soll, erfuhr man auf der Pressekonferenz, unter anderem klargestellt werden, dass Hitler an sich kein Gegenstand des Interesses ist, sondern es erst wird durch die Rolle, die er in der Volksgemeinschaft, die er selbst mörderisch umdefinierte, spielte.

Aber so ernst, dass man zum Beispiel im Kapitel „Gleichschaltung und Selbstgleichschaltung“ die Namen derer erwähnte, die die Selbstgleichschaltung betrieben, dass man sie vorstellte, so ernst meint man auch das nicht. Es gibt eine Stellwand, auf der sind die Freunde und Förderer der frühen 20er Jahre abgebildet. Nein: Die Förderer gerade nicht. Frau Bruckmann nicht und Frau Bechstein ebenso wenig. Die Ausstellung erwähnt die Eliten, die Hitler stützten, aber sie zeigt sie uns nicht.

Sie zeigt uns überhaupt sehr wenig. Die Ausstellung besteht in erster Linie aus Lichtkästen, in denen wir Fotos betrachten und kurze Texte lesen können. Der Sieg der Focus-Ästhetik. Dazwischen einmal eine riesige Vitrine mit wohl mehr als einem Dutzend Uniformen. Da können wir Orden anstaunen. Hitler-Bilder gibt es nur als Reproduktion, und nichts, gar nichts in dieser Ausstellung führt einem etwas von der Ästhetik des Dritten Reiches vor Augen.

Doch es gibt ein Schaustück. Ein Sideboard aus dem Arbeitszimmer des Führers in der Reichskanzlei. Daneben ein paar kleine Fotos, die zeigen, wie die Reichskanzlei aussah. Wer den Film „Il conformista“ von Bernardo Bertolucci von 1970 gesehen hat – der Film hatte in Deutschland bezeichnenderweise den Titel „Der große Irrtum“ –, der hat eine Ahnung von der bezwingenden Gewalt der Ästhetik dieser Möbel und der sie beherbergenden Architektur. Das Sideboard versteckt das mehr, als dass es zeigte.

Diese Ausstellung ist auf der Flucht vor ihrem Gegenstand. Vor Hitler, aber auch vor dem Dritten Reich. Angeblich geht es um die Verbindung von Volksgemeinschaft und Verbrechen. Aber darüber gibt es nur Texte. Dem KZ-Kittel mag der Ausstellungsbesucher die Uniformen der NS-Chargen gegenüberstellen, aber nichts in dieser Ausstellung ermöglicht ihm, eine Ahnung zu bekommen von dem, was die Menschen damals bewegte, wenn sie „mein Führer“ sagten.

Der Mann ist durch den Expressionismus gegangen – den Kintopp-Expessionismus

Nichts stimmt nicht. Es gibt gleich zu Beginn ein Foto vom 4. November 1923: Hitler und Rosenberg bei einer SA-Parade. Hitler im Regenmantel. Nähme man ihn heraus, die Aufnahme könnte von Sander sein. Wäre da nicht die Haltung. Nein: die Positur. Der Mann ist durch den Expressionismus gegangen. Den Kintopp-Expessionismus. Man kann das komisch, ja lächerlich finden. Aber man begreift mit einem Mal, was für eine Faszination es war, die von ihm ausging. Man begreift sie auch, weil rechts im Bild eine Dame hinüberschaut zu ihm. Das Weiß ihrer Augen wird sichtbar, so sehr verdreht sie sie nach ihm.

Ausstellungen über den Nationalsozialismus dürfen das, was passierte, nicht plausibel machen. Das ist ihr Handicap. Eine Ausstellung über Dschingis Khan muss genau das tun. Auch eine über die Ruinen von Teotihuacán oder die Frankfurter Küche. Aufgabe einer Ausstellung über Hitler – die es noch nicht gab – oder über den Nationalsozialismus ist dagegen offenbar, nichts zu zeigen von dem Leim, auf den die Volksgenossen krochen. Aus lauter Angst, sie würden wieder darauf kriechen. Nichts unsinniger als das.

Es gibt in dieser Ausstellung ein Prachtstück. Es liegt auf der Rückseite der allerersten Vitrine. Eine Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“. Eine Doppelseite ist aufgeschlagen. Überzogen von Unter- und Anstreichungen mit blauem und rotem Farbstift. Dazu Anmerkungen. Es ist die Rede von der „Verpestung“ des öffentlichen Lebens, der Kultur durch die Großstadt, durch die Asphaltliteratur. Verpestung ist dick unterstrichen, und am Rande steht ein fettes Fragezeichen. Da hat einer jede Zeile genauestens, erregt bis zur Wut gelesen. Es war Gerhart Hauptmann. Im Sommer 1933 hat er „Mein Kampf“ studiert. Wie gerne läse man mit ihm, der ja später zufrieden sein konnte mit der Rolle, die er im NS-Staat spielte, „Mein Kampf“.

Ein paar Schritte weiter kann man virtuell in einer Schülerkladde blättern. Wenigstens vierzig Seiten lang möchte man das doch in dieser Ausgabe von „Mein Kampf“ tun. Wenn eine Veröffentlichung – im Internet zum Beispiel – dieses Buches ein Ergebnis der Ausstellung wäre, man könnte ihr alle Mängel verzeihen.

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