Lade Inhalte...

Hilmar Hoffmann Es bildet ein Charakter sich im Strom der Zeit

Für Hilmar Hoffmann – eine Hommage.

Hilmar Hoffmann
Hilmar Hoffmann 2012 im Metzler Saal des Frankfurter Städelmuseums. Foto: christoph boeckheler

Manchmal während der letzten Monate, schon gegen Abend, durfte ich ihn, Hilmar Hoffmann, abholen aus seinem Domizil am Waldrand, wir fuhren zum Essen in ein Gasthaus mit Geschichte am Ufer des Mains, er war dort gerne. Das neunzigste Jahr hatte er überschritten, das Gehen war mühsamer geworden, jedoch der Gedankengang, auf an ihm ungewohnt gelassene Art, ausgreifender, der Bogen weiter gespannt, im Sinne der Bemerkung Goethes, Lebensglück bedeute, Ende und Anfang miteinander in Verbindung setzen zu können.

Auch schien es, als gelänge es ihm immer besser, vor allem die zwanzig Jahre zwischen 1970 und 1990 im Amt des für die Kulturszene Frankfurts am Main maßgebend verantwortlichen Politikers zu begreifen nicht länger nur als Periode unaufhörlichen Bemühens mit den Ergebnissen zahlloser Teilerfolge, sondern zutreffender als ein Ganzes, dem künstlerischen Begriff entsprechend als ein Gesamtwerk, ein Oeuvre.

An dem Ort, an dem wir heute seiner gedenken, den Frankfurter Städtischen Bühnen, ist Hilmar Hoffmann oft gewesen. Als Zuschauer von Aufführungen im Schauspiel und in der Oper – viel wichtiger aber war, zahllos die Anlässe, die Präsenz, zu der er gerufen wurde als Schlichter streitender Fraktionen in den Ensembles, in der Technik, in der Verwaltung. Theaterleute sind nämlich generell, nicht ausschließlich friedfertig, eher streitbare Geister, je begabter umso heftiger der dramatischen Geste zugetan, nicht nur wenn die Rolle es gebietet.

Am Frankfurter Schauspiel wurde, bald nach seiner Ankunft in der Stadt, auf Betreiben des neuen Kulturdezernenten Hoffmann unter der Leitung der Regisseure Palitzsch und Neuenfels, ein Mitbestimmungs-Modell installiert, das vorsah, zumal die Schauspieler zu beteiligen an allen Entscheidungen hinsichtlich des Spielplans, der Rollenvergabe und neuer Engagements.

Außer an einer kleinen Bühne in Zürich und, in Grenzen, an der Berliner Schaubühne, ist diese Mitbestimmung nur in Frankfurt über einige Jahre hin praktiziert worden. Es kam dabei zu Aufführungen, die zum Besten der Frankfurter Bühne und des deutschen Nachkriegstheaters gehören. Das war auch Hoffmanns Verdienst. Die Leistung der Beruhigung immer wieder bitterster Kontroversen und den Betrieb der Bühne gefährdender Turbulenzen, die ihm in jenen Jahren hinter der Bühne abverlangt wurde, war enorm.

Er hat sie erbracht mit der ihm eigenen, von seiner Statur sympathisch begünstigten Souveränität, mit einer nicht auf das Amt, vielmehr auf die Kraft des besseren Arguments gestützten Autorität. Hart gefordert wurde, was eine Qualität von ihm war, nicht hoch genug zu rühmen, seine Loyalität, Treue, die er, wenn Sturm aufkam, jedem bewahrte, den er für eine Aufgabe ausersehen hatte. Und nimmermehr, es sei zu seiner Ehre gesagt, hat Hilmar Hoffmann sich eingemischt in inhaltliche, ästhetische Fragen. Wir haben in unserem Land die Regel, es war sein Credo, dass für die befristete Dauer ihrer Berufung Theaterleitungen grundsätzlich frei sind in ihren Entscheidungen – nur einmal ist in Frankfurt, aber nur beinah, es ist eine Frage der Auslegung, davon abgewichen worden.

Das Beispiel von Hoffmanns, sportlich gesagt: Einsatzfreude für das Theater mag als Beispiel dafür stehen, wieviel er in seinem Amt an Aufgaben zu lösen hatte, lösen wollte und gelöst hat, die nicht ins helle Licht öffentlicher Aufmerksamkeit geraten sind. Kleinarbeit – das Publikum macht sich kaum einen Begriff davon, was das gerade auf dem Feld der Kulturarbeit impliziert. Und zwar vor allem, weil es jemandem wie Hilmar Hoffmann immer darum ging, die Bürger der Stadt gleichsam mitzunehmen auf dem Weg zu den großen Projekten besonders der Bauten für die neuen Museen. Es gab Wochen, an denen er an jedem, aber auch jedem Abend unterwegs war zu irgendeinem Bürgertreff oder einer Diskussionsrunde von Menschen, wie es sie in jeder Stadt gibt, die stets gegen alles Neue sind.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen